Spinnen per Express-Post

Tiere ins Bild zu setzen, ist immer ein Abenteuer - sogar, wenn die gewünschte Art per Post frei Haus geliefert wird. GEO-Fotograf Ingo Arndt lernte beim Thema "Wert der Artenvielfalt" den Wert der Geduld kennen

Die Zusammenarbeit mit einem von Hand aufgezogenen Eichelhäher hätte sich Ingo Arndt reibungsloser vorgestellt. Doch er bekam es mit Pucki zu tun. Und der torpedierte den Plan, als perfektes Fotomodell zu posieren. Eicheln? Der Häher nahm seine vermeintliche Leibspeise kurz in den Schnabel, um sie sofort verächtlich fallen zu lassen. Er bestand auf Leckerbissen aus dem Supermarkt: Käsestückchen.

Um zum Ziel zu kommen, gingen Fotograf und Vogel einen Kompromiss ein: Es wurden käsegefüllte Eicheln serviert. Bei denen allerdings war die gelbliche Füllung kaum zu übersehen - schlecht fürs Foto. Am Ende führte eine List zum Erfolg. Wenn auf eine präparierte Eichel mit Gourmet-Füllung mehrere ungefüllte folgten, inspizierte Pucki auch die „Nieten“ sorgfältig genug, um seinem Menschen-Partner gute Aufnahmen zu erlauben.

Pucki, Bewohner der Vogelpflegestation im Tierpark Hilchenbach, war eines der Geschöpfe, die Ingo Arndt für ein ganz besonderes GEO-Projekt vor seine Kamera lockte. Normalerweise reist der vielfach preisgekrönte Wildlife-Fotograf durch die Welt, um seine Models in ihrem angestammten Lebensraum aufzusuchen - seien es Monarchfalter in Mexiko oder Chamäleons in Madagaskar. Diesmal waren halbwegs zahme Porträtkandidaten gefragt, denn sie mussten eine Voraussetzung erfüllen: ein paar Sekunden lang vor weißen Hintergrund stillzuhalten.

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Opfer einer Fotografen-List: Eichelhäher Pucki

„Der Wert der Arten-Vielfalt“ heißt das Thema, dessen sich GEO anlässlich der Biodiversitäts-Konferenz der Vereinten Nationen angenommen hat; sie tagt ab dem 19. Mai in Bonn. Dafür musste Ingo Arndt Darsteller aus Flora und Fauna finden, die symbolisieren, welche Bedeutung Ökonomen inzwischen der Natur als Wirtschaftsfaktor beimessen.

Dass es immense Kosten verursacht, Luft, Wasser und Böden zu verschmutzen, haben Unternehmer, Politiker und Verbraucher längst gelernt. Doch erst langsam gelangt ins Bewusstsein, dass es genauso sträflich ist, das lebendige Netz aus Tieren und Pflanzen zu schädigen, das den Menschen umgibt. Nachhilfe geben Pioniere der „ökologischen Ökonomie“: ob Häher oder Heilpflanze, Biene oder Biber, Spinne oder Schilfrohr - für ausgewählte Arten und Ökosysteme existieren mittlerweile Berechnungen, die den Schatz der Natur profan in Euro und Dollar ausdrücken.

Um Exemplare der ausgewählten Spezies ins Bild zu setzen, halfen Ingo Arndt seine Kontakte zu Züchtern und Naturschützern. Und das Wetter: Die Bienen wären im Februar, als er seine Aufnahmen machte, eigentlich noch im Stock gewesen. Doch einige Neugierige wagten an einem der ersten warmen Tage des Jahres einen Ausflug, vorbei an dem durch eine Imkermütze geschützten Fotografen und seiner weißen Leinwand.

Einen Biber kurz vor der Auswilderung traf Arndt bei einem Wildbiologen bei Ingolstadt. Die Begegnung mit einem Mississippi-Alligator ermöglichte ein Reptilienzüchter in der Nähe von Siegen, der Zoos nicht nur mit Alligatoren, sondern auch mit Waranen, Krokodilen, Riesen- und Giftschlangen versorgt. Und das Exemplar einer giftigen Schwarzen Witwe kam per Express-Post im Wärmebeutel zum Fotografen nach Hause.

Und dann war da noch das Tier, das schon den Ägyptern heilig war, weil es die Böden lockert und fruchtbar macht: der Regenwurm. Ingo Arndt kennt die Vorzüge der unermüdlichen Humusbereiter - das Exemplar fürs Foto grub er im eigenen Garten aus.

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Für das Aufmacherfoto des GEO-Artikels warf sich Ingo Arndt in volle Imker-Montur

Das Thema „Wert der Vielfalt“ wird in der aktuellen Mai-Ausgabe ergänzt von einer GEO-Studie, die beweist: Der Natur- und Artenschutz wird in den Bundesländern stiefmütterlich behandelt. Es gibt keine einheitlichen Zahlen, einzelne Länder wissen nicht, was sie überhaupt ausgeben für den Schutz, andere Länder sehen sich außerstande, genaue Zahlen zu nennen. Kurz: Naturschutz in Deutschland ist ein föderales Fiasko.