Beim Hirnwerker

Für die aktuelle Ausgabe von GEOkompakt hat Malte Henk eine Gehirnoperation beobachtet. Hochriskante - also ganz normale - Routine für den Neurochirurgen. Und eine mulmige Erfahrung für den Reporter

Es schien alles ganz einfach zu sein; so einfach wie ein Gang zum Hausarzt. "Ich operiere jeden Tag zwei bis drei Köpfe", sagte der Neurochirurg Oliver Heese beim ersten Telefonat. "Kommen Sie einfach mal vorbei - wann immer Sie wollen!"

Am nächsten Morgen betrat GEO-Redakteur Malte Henk, 31, zum ersten Mal in seinem Leben einen OP-Saal - einen von dreien in der Neurochirurgischen Klinik des Hamburger Uni-Krankenhauses Eppendorf. Für die neue Ausgabe von GEOkompakt "Wie wir denken" wollte Henk eine Hirn-OP beobachten, jetzt lernte er den Protagonisten der Geschichte kennen. Der Chirurg hantierte gerade am Hinterkopf einer jungen Frau herum und nuschelte fröhlich durch seinen Mundschutz: "Schauen Sie, hier habe ich den Tumor weggenommen."

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Ein Assistenzarzt deckt mit sterilen Tüchern den rechten Hinterkopf des Patienten ab. Dort, im Scheitellappen des Hirns, breitet sich der Tumor aus

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Die vier Zentimeter tief führende Expedition in Innere des Schädels beginnt. Der Neuropsychologe Sebastian Payer sitzt bei dem wachen Patienten und beruhigt ihn

Halb ängstlich, halb neugierig, zwang sich Henk zum Hinblicken - und sah: ein pochendes Gehirn. Eine blutrote Wunde. Der Geruch von Gewebe, das während der OP versengt wird um Blutungen zu stoppen, drang durch den Mundschutz des GEO-Redakteurs. Das Atmen fiel schwer, ihm wurde mulmig. An Mitschreiben war nicht zu denken.

Eine Woche später dann der "Ernstfall" für den Reporter: eine dreistündige Hirn-OP, ein Tumor sollte entfernt werden. Inzwischen hatte sich Henk genau erklären lassen, was geschehen würde. War eingeweiht in den Gebrauch von Pinzette, Trepan-Bohrer und Sauger. Konnte den Eingriff bis in technische Feinheiten nachvollziehen - und verstand, weshalb die Reparatur der komplexesten Struktur unseres Universums, die wir kennen, für Neurochirurgen eine faszinierende Kunst darstellt.

Der Vormittag im OP-Saal geriet dennoch zu einer Art Hindernislauf: Henk und Fotograf Marcus Vogel, 42, durften sich frei bewegen - so lange sie Oliver Heese und den technischen Geräten nicht zu nahe kamen. Das OP-Team nahm die Anwesenheit der GEO-Reporter gelassen hin, gab während des Eingriffs Auskünfte, schaltete für Fotos das Deckenlicht ein, verschob auch mal einen Instrumentenwagen, der dem Fotografen im Weg stand - und ließ sich dabei nie in seiner Konzentration stören. "Wir haben hier oft auch Studenten", sagte eine OP-Schwester. "Die sind viel anstrengender."

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Entspannung nach dem Besuch im OP: Malte Henk und der Neurochirurg Oliver Heese

So ging alles gut. Die Operation gelang, Oliver Heese entfernte den Tumor mit gewohnter Präzision. Nur einmal streifte Henk mit seinem Notizblock den Arm des Arztes. Der hielt kurz inne. Dann ließ er sich schnell von der Schwester einen neuen Kittel holen, zog sich um: "Ich bin sonst nicht mehr steril."

Und operierte ungerührt weiter, als sei nichts geschehen.

GEOkompakt "Wie wir denken" hat 156 Seiten und kostet 8 €.

Weitere Themen im Heft:

  • Die Geburt des Geistes: Wie die Natur das Gehirn erfand
  • Feuerwerk der Neurone: Wie das Gehirn den Körper steuert
  • Intelligenz: Wie verlässlich sind Tests?
  • Die Erfindung des "Ich": Wie kommt das Selbst-Bewusstsein in den Schädel?