Der Amerikanische Traum - hinter der Tapetentür

In den Katakomben eines Casinohotels in Las Vegas entdeckte Jürgen Schaefer eine überraschend soziale Version der US-Arbeitswelt. Nur, wie schreibt man die Einsichten auf?

Sich von seinem Notizbuch trennen zu müssen, ist der Albtraum für GEO-Reporter Jürgen Schaefer. Auf allen seinen Reisen, zuletzt nach Niger, Nordkorea, Argentinien, Bolivien und in die USA, benutzt er schwarze Kladde stets gleichen Typs: eingebunden in Kunstleder, Format DIN A 5, knapp 200 linierte Seiten. Bargeld, Reisepass, Kreditkarten - alles ist ersetzbar; nicht aber das Notizbuch, in dem im Laufe einer Recherche alle Namen und Adressen eingetragen werden, Zitate, Ideen - alle Gedanken, die zu Hause am Schreibtisch das Rohmaterial für die Reportage liefern.

29d7fbbecb809183bcebc1ebd32f3377

Der Traum von Amerika, als Hotel: das "New York New York" im Herzen von Las Vegas

949009676cad356877ce322b4a1ea77a

Säuberlich beschriftet: die schwarze Kladde, der Arbeitsspeicher von Jürgen Schäfer ...

Auch bei seiner Recherche für die Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe von GEO ("Wer sind die Amerikaner?") in Las Vegas, in der am schnellsten wachsenden Großstadt der USA, machte Jürgen Schaefer keinen Schritt ohne sein schwarzes Notizbuch. Es begleitete ihn bei seinen Ausflügen in die Wüste, wo er sich von einem Biologen die Zerstörung der Natur durch die wuchernde Stadt zeigen ließ; und bei seinem Besuch im Insolvenz-Seminar, in dem sich die Opfer der Kreditkrise auf ein Leben nach der Pleite vorbereiteten.

Einmal allerdings musste das Notizbuch im Hotel bleiben (sicher eingeschlossen, versteht sich): Bei der Recherche über die Arbeit eines Gewerkschaftssekretärs, der den GEO-Reporter mitnahm auf einen Ausflug hinter die Fassaden der Glitzerstadt. Im "Bellagio"-Hotel, einem Palast mit 4000 Zimmern, arbeiten 10 000 Zimmermädchen und Köche, Croupiers und Kellner in einer Parallelwelt: Vorn im Hotel summt sanfte Musik durch die marmorgeschmückte Lobby; hinten, nur durch eine Tapetentür getrennt, hallen schneidige Kommandos durch die Küche, werden tonnenweise Handtücher und Kartoffeln bewegt, tausende Orchideen angeliefert, stapeln sich Bettwäsche und Servietten.

e2dc0411b07f1e0c852aa6e38c7a2cf5

... und der Ersatzblock des GEO-Redakteurs: eine Hotelserviette

Eine Genehmigung für den Besuch in dieser Parallelwelt, so der Gewerkschaftssekretär, habe es noch nie gegeben. Also ging der GEO-Reporter "undercover", getarnt mit einem Anstecker von der Gewerkschaft. Seine Interviews führte er beiläufig als Gespräch in der Kantine, die wichtigsten Stichworte notierte er unauffällig - kein Notizbuch weit und breit - auf einer Papierserviette.

Was er im Bauch des Hotels nicht fand, war ein Grund, warum man Reporter ausschließen müsste. Denn die Angestellten der Parallelwelt hinter der Tapetentür werden mitnichten schlecht behandelt, sie fühlen sich auch nicht ausgebeutet - im Gegenteil: Die Arbeitsbedingungen sind in Las Vegas weitaus besser, die Löhne viel höher als anderswo in den USA. Auch deswegen wächst die Stadt so schnell: Weil Arbeiter hier neue, gut bezahlte Jobs in der Dienstleistungsindustrie finden.

Insgesamt war Jürgen Schaefer drei Wochen in Las Vegas unterwegs, sprach mit mehr als 40 Architekten und Historikern, Tänzern und Gewerkschaftern, Hausbesitzern, Schriftstellern und Spielern, um herauszufinden, wie die Menschen leben in der Casinostadt Las Vegas und was der Aufschwung der Stadt über das sich wandelnde Amerika aussagt.

Nach Hause brachte er eine Faust voll Visitenkarten und das überquellende schwarze Notizbuch. Sowie eine Papierserviette aus dem Bellagio-Hotel, bis zu den Rändern voll gekritzelt mit Zitaten: "Was wir hier verteidigen, mit unserem Kampf für höhere Löhne und bessere Sozialleistungen", hatte einer der Gewerkschafter stolz und zugleich kämpferisch gesagt, "ist der amerikanische Traum."