Wie kommt man bloß auf "Die Vergessenen"?

Kaum bekannte Völker entdecken, exotische Gesellschaften, weit jenseits der Touristenpfade – die Themen und Schauplätze für solche klassischen GEO-Reportagen sind heutzutage immer schwieriger zu finden. Aber manchmal gelingt es doch. Wie bei unserer Geschichte über das vergessene Volk der Pamir-Kirgisen

Man kann es nur als Reporterglück bezeichnen, was dem französische Fotografen Matthieu Paley bei einer Reise durch den pakistanischen Hindukusch geschah: Im Chapursan-Tal, im äußersten Nordwesten des Landes, beobachtete er zufällig eine Yak-Karawane, die langsam den Berghang aus Richtung Afghanistan hinab stieg. Die Männer, die die Tiere führten, schienen aus dem Nichts zu kommen - und aus einer anderen Zeit. Paley erfuhr, dass es Kirgisen waren, die abgeschnitten von der Welt in einem afghanischen Gebirgstal leben, im 4000 Meter hoch gelegenen Wakhan-Korridor.

Nur einmal im Jahr beladen sie ihre Tiere mit Fellen und ghee, geklärter Yakbutter, und ziehen über die 5000 Meter hohen Pässe hinüber nach Pakistan, um ihre Waren dort zu verkaufen: ihr einziger Kontakt mit der Außenwelt.

Wie kommt man bloß auf "Die Vergessenen"?

Bei seinen Expeditionen durch den Wakhan-Korridor wollte der Fotograf Matthieu Paley den Alltag der Menschen in dieser entlegenen, extremen Bergwelt kennenlernen - wie hier beim Besuch im Haus eines örtlichen Opium-Händlers

Wie kommt man bloß auf "Die Vergessenen"?

Als erster westlicher Forscher hat der US-Ethnologe Ted Callahan bei den Nomaden der afghanischen Pamir-Hochtäler überwintert. Seine Erlebnisse hat er in einer GEO-Reportage aufgeschrieben

Paleys Interesse war geweckt. Im Jahr darauf machte er sich auf den beschwerlichen Weg zu den Jurten der Pamir-Kirgisen: Acht Tage benötigt ein Wanderer, um durch den Wakhan-Korridor bis zu den Hochweiden des kleinen Hirtenvolkes zu gelangen. Viele Wochen genoss Paley die Gastfreundschaft der Kirgisen. Er gewann das Vertrauen der wenigen Hundert Frauen und Männer so weit, dass sie ihn beinahe alles in ihrem harten Alltag fotografieren ließen.

Diese Bilder bot Matthieu Paley nach seiner Rückkehr GEO an. Die Bildrdaktion war begeistert. Doch Paley war bei seinem Projekt auf eigene Faust gereist, ohne einen Reportage-Autor. Allein aus seinen Erzählungen aber konnte sich eine authentische GEO-Reportage nicht speisen. Was also tun?

Einen Redakteur in den hintersten Winkel Afghanistans schicken - normalerweise ist das kein Problem. In diesem Fall aber hätte die Vorbereitung einer solchen Expedition zu lange gedauert.

Die GEO-Redaktion recherchierte, befragte Kontaktleute und Wissenschaftler mit einschlägigen Forschungsschwerpunkten, und stieß schließlich auf den jungen US-amerikanischen Ethnologen Ted Callahan, der sich just zu diesem Zeitpunkt in Kabul aufhielt und gerade seine Sachen packte, um bei den Pamir-Kirgisen zu überwintern. Ein Glücksfall: Callahan würde der erste westliche Forscher seit Jahrzehnten sein, der die härteste Zeit des Jahres bei diesem vergessenen Volk verbringt. Könnte nicht er die Reportage schreiben?

Ein Wagnis war das schon: Denn Wissenschaft und Journalismus bedienen sich höchst unterschiedlicher Sprachen. Dem Forscher geht es um Verallgemeinerung, dem Reporter vor allem um das farbige, aussagekräftige Detail. Und während eine Doktorarbeit auch mal etwas langatmig oder hochgestochen sein darf, muss der Reporter mit jedem Satz um die Gunst des Lesers kämpfen. Nicht jedem Wissenschaftler liegt es, sein erlerntes Sprach- und Denksystem vorübergehend zu verlassen, und sich als Reporter zu versuchen.

Wie kommt man bloß auf "Die Vergessenen"?

Gastfreundschaft mit der Klinge: Ted Callahan lässt sich von Roshan, einem Sohn des Anführers der Pamir-Kirgisen, den Kopf rasieren. Der nächste professionelle Barbier wäre acht Tagesritte entfernt gewesen...

Ted Callahan gelang es ausgezeichnet. Er hatte einen Rechner dabei, Solar-Panele, ein Satellitentelefon - und konnte so in regelmäßigen Abständen "E-Mail-Dispatches" direkt aus seinem Zelt im Pamir-Hochtal nach Hamburg absenden. Dort nahm GEO-Redakteur Ariel Hauptmeier die Berichte in Empfang. Er sah die Texte durch, strukturierte sie, und "beamte" sie dann, mit Änderungsvorschlägen versehen, zurück nach Afghanistan. Callahan überarbeitete sie daraufhin erneut, und schrieb so nach und nach seine erste Reportage: mit dem wissenden Blick des Ethnologen, aber auch mit der Leidenschaft eines Reporters. Nachzulesen ist das Ergebnis in der Januar-Ausgabe von GEO.