Im Bann der Glut

Vulkane sind Fenster ins Innere der Erde. Auf dramatische Weise zeigen sie, dass wir auf einer Kugel aus glühendem Gestein leben, umgeben von einer zerbrechlichen Kruste. Die neue Ausgabe von GEOkompakt "Naturgewalten" präsentiert die ergreifenden Fotografien der Feuerberge von Olivier Grunewald
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Asche, Steinbrocken und Gase speit der Ätna in den Himmel über Sizilien. Olivier Grunewalds "Hausberg" ist schon seit 2500 Jahren aktiv

Olivier Grunewald ist Vulkan-Enthusiast: Seit mehr als zehn Jahren reist der französische Fotograf rund um den Globus, blickt in die Rachen brodelnder Feuerberge, rückt schwefelige Rauchschwaden ins rechte Licht, wagt sich gefährlich nahe an Lavaflüsse heran.

So wie im Juli 2004: Mit acht Vulkanologen erklomm der gelernte Bergsteiger den Ol Doinyo Lengai, der sich 2000 Meter hoch aus der Savanne Tansanias erhebt. Jahrelang hatte Grunewald genau auf diesen Augenblick gewartet: Eine Vollmondnacht, in der es möglich sein würde, gleichsam ins Innere der Erde zu schauen.

Und das an einem ganz besonderen Vulkan: Die Lava, die der Ol Doinyo Lengai regelmäßig als Splitter, Blasen oder Sturzbäche aus seinen Kaminen katapultiert, glüht selbst nachts nur schwach, ist dunkelschwarz und dünnflüssig wie Wasser. Bei Nebel wird diese so genannte Karbonatitlava fast unsichtbar, schießt die Hänge herab und hat so die Schuhe etlicher Kraterwanderer verschmort und auch schon Teile eines Forschungscamps zerstört.

Auch für Olivier Grunewald und seine Begleiter wurde der Ausflug an den Kraterrand des Ol Doinyo Lengai zum Wagnis: Es war die vierten Nacht ihrer Mission. Gerade hielt Grunewald Wache. Da krachte, keinen Steinwurf entfernt, eine fünf Meter hohe Kaminwand in sich zusammen. Helle, orangefarbene Lava schoss aus der Kraterwand hervor, vorbei an Grunewald, in Richtung Camp. Dort brachte der Alarmruf alle Forscher binnen Sekunden auf die Beine. Doch dann gab der Fotograf Entwarnung: Die Lavaquelle sprudelte zu schwach, um die Zelte zu erreichen. Prompt rannten die Männer ihr entgegen, hoffend, den glühenden Strom noch mitzuerleben, bevor er erkaltet. Der Kamin gurgelte die ganze Nacht.

Bis heute bezeichnet Olivier Grunewald diese Vollmondnacht in Tansania als das großartigst Erlebnis seiner vielen Expeditionen. Direkt dahinter rangiert der Blick in die größten und eindurucksvollsten Kraterseen der Welt, etwa am Vulkan Nyiragongo in der Demokratischen Republik Kongo, wo unablässig flammendrote Lava aus dem Erdinneren brodelt, ebenso wie im Lavasee des äthiopischen Erta Ale. Den Ätna auf Sizilien wiederum bezeichnet Grunewald als seinen "Hausberg". Oft schon hat er ihn aus nächster Nähe ausbrechen sehen und kennt seine vielen Temperamente: Mal explodiert er wie ein Feuerwerk, mal mit grauem Ascheregen, mit feurigem Steinhagel oder leise fließenden Lavaströmen.

"Atemberaubend" sind für den Franzosen alle seine Vulkane. Nur eines, findet er, sind sie nicht: gefährlich. Wer seine Ausrüytung mit Sorgfalt zusammenstelle - zum Beispiel als Schutz gegen Karbonatitlava dicke Lederstiefel und Baumwollsocken anzieht, die im Ernstfall nur brennen, aber nicht schmelzen wie Nylonsocken -, der habe kaum etwas zu befürchten. "Mein größtes Risiko ist", sagt Grunewald, "mir auf dem Rückweg vor Müdigkeit den Fuß zu brechen." Die neue Ausgabe von GEOkompakt "Naturgewalten" präsentiert die spektakulären Fotografien Olivier Grunewalds als opulentes Portfolio.

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Kein Beruf für schlechte Nerven: Um "seine" Vulkane in Szene zu setzen, muss sich Fotograf Grunewald nahe an die Lavaströme heranwagen

Weitere Themen im Heft

  • Die Luft: Der Atem der Erde
  • Blitze: Wenn der Himmel explodiert
  • Die Macht der Wogen: Wie Monsterwellen entstehen
  • Tod im Schnee: Die Lawine von Galtür
  • Krakatau-Ausbruch: Der Tag, an dem Die Welt versank
  • Erdbeben: Warum sie kaum vorhersagbar sind