Das Volk ohne Nebensätze

GEO-Redakteur Malte Henk begleitete einen Sprachforscher ins Herz Amazoniens – wo Pirahã-Indianer die Grundsätze der Linguistik aus den Angeln heben

"Herr Everett, würden Sie für eine GEO-Reportage mit uns in den Dschungel fahren, zu den Pirahã?"

"Natürlich, das mache ich gerne."

Das fing ja gut an! Ein Jahr ist es her, dass GEO-Redakteur Malte Henk mit Daniel Everett telefonierte, einem Linguisten aus Illinois, über dessen Theorien in der Sprachwissenschaft eine Art Glaubenskrieg ausgebrochen ist. Everett lebte selbst jahrelang im Reservat der Pirahã-Indianer im Amazonasgebiet; er veröffentlichte 2005 einen Artikel über ihre Sprache, der ihn berühmt machte. Die Pirahã, behauptete er nämlich darin, sprechen keine Nebensätze; ihrer Sprache fehlen komplexe Strukturen. Dabei gehen viele Linguisten davon aus, dass es genau die Fähigkeit ist, komplizierte Sätze zu bilden, welche uns Menschen vom Tier unterscheidet.

Eine Menschheitsfrage also. Und die Antwort darauf, so scheint es, lässt sich bei 350 Indianern im Dschungel finden. Henk freute sich auf die Expedition.

Das Volk ohne Nebensätze

Keine Nebensätze, viel Sprengstoff: Sprachforscher Everett beim Sammeln von Beweismaterial

Das Volk ohne Nebensätze

Ein Kopf für Sprachen: Daniel Everett ist ein halbes Leben lang in die Dschungelwelt der Piraha in Brasilien eingetaucht

Aber dann – diese Schwierigkeiten! Zuerst wollte die staatliche Indianerbehörde keine Einreisegenehmigung erteilen. Dann nur für die Journalisten, aber nicht für Everett; dabei ist er der einzige Forscher, der sich mit den Pirahã verständigen kann. Im Juli 2009 schließlich, nach Monaten des Wartens, kam endlich die Erlaubnis: Es konnte losgehen!

Mit einem eigens gemieteten Boot samt Koch, Skipper und Crew fuhren die Journalisten – neben Henk noch Martin Schoeller, einer der berühmtesten Porträtfotografen unserer Zeit – gemeinsam mit Everett zwei Tage lang durch den Regenwald. Dann verbrachten sie anderthalb Wochen bei den Pirahã, diesen Jägern und Sammlern, die nahezu unberührt von der Zivilisation am Ufer eines Flusses siedeln. Everett, Schoeller und Henk gingen nachts mit ihren Gastgebern auf Alligatorenjagd; sahen zu, wie die Pirahã-Kinder Taranteln durchs Dorf trieben; lernten, wie man ein Wildschwein ausnimmt; und halfen mit beim Fällen eines Baumes, dessen Krone ein Bienennest barg. (Die Bienen stachen gnadenlos zu.)

Noch nie hatte Henk eine solch aufwändige Recherche für eine Reportage erlebt: Fotograf Schoeller hatte eigens zwei Assistenten mit in den Regenwald gebracht, die ihm beim Aufbau seines mobilen Fotostudios halfen. Und als sich alle Teilnehmer der Expedition nach geglückter Rückkehr in die Zivilisation zum Gruppenbild aufstellten, da drängte sich gut ein Dutzend Menschen auf dem Oberdeck des Bootes.

Tonaufnahmen der Pirahã-Sprache sowie eine Fotoshow mit weiteren Bildern von Martin Schoeller aus dem brasilianischen Dschungel finden Sie im Internet unter www.geo.de/piraha.