Die Geschichte einer Berliner Straße

Zwanzig Jahre Wiedervereinigung, zwanzig Jahre Umbruch. Was ist zusammengewachsen, was getrennt geblieben? Was ist gewonnen worden, was verschwunden? Zum Beispiel in der Hufelandstraße in Berlin. Der Ostberliner Fotograf Harf Zimmermann hat deren Bewohner kurz vor der Wende porträtiert. Zusätzlich zu seiner Reportage in der Oktober-Ausgabe von GEO schildert der Fotograf persönliche Eindrücke und Erinnerungen
In diesem Artikel
1986/1987
2009/2010
Die Hörreportage zum Thema

1986/1987

Sie war immer eine besondere Straße, der „Kurfürstendamm des Ostens“, schon lange vor DDR und Mauer. Sie war es noch, als ich 1981 einzog in das Haus Nummer 31, Seitenflügel, 5 Treppen, 1-Raum-Wohnung, Ofenheizung und Innen-WC.

Auch das Gefühl der meisten Bewohner, an einem besonderen Ort zu wohnen, war auf rätselhafte Weise intakt, denn vieles vom Anspruch und von den Strukturen der Gründer hatte überlebt. Es gab jede Menge privat geführter Geschäfte und kleine Handwerksbetriebe in rätselhaften Gelassen, die irgendwie den Enteignungen entkommen waren. Es gab große Bäume, breite Fußwege, Balkone und Stuck an den Fassaden, dahinter bürgerliche Wohnungen mit Parkett und Flügeltüren, großzügigen Hausfluren und hohen Decken. Und es wohnten hier ganz andere Leute als im Rest des Sozialismus. Schräge Vögel, wie der Klavierbauer und Sänger Franz Liszt, der mit seinem Flügel in der 22 in einem ehemaligen Laden hauste, vor der Tür sein Mercedes, Baujahr 1934, in den er ab und zu eine gewaltige Autobatterie hievte und den Motor startete. Aber er fuhr nie, er setzte sich nur hinein, kurbelte die Scheibe herunter und fütterte Tauben. Oder der schwule Kellner Erich, der mit Pumps und Kunstpelz auf seinem Motorroller durch das Viertel fuhr und laut auf alles und jeden schimpfte, insbesondere auf den Sozialismus. Parteifunktionäre, die auch nicht in die Plattenbauten wollten, sondern Dienstbotentreppen und Badewannen mit Löwenfüßen zu schätzen wussten. Und solche wie ich. Und alle schienen sich dem Ort verbunden und verantwortlich zu fühlen und in einem verborgenen Konsens zu handeln, um die Artenvielfalt ihrer Insel so lange wie möglich vor dem grauen Meer zu retten.

Aber die Einschläge waren längst da. Als 1985 die meisten Balkone abgenommen und 1987 die letzte der Linden gefällt war, schien mit einem Male alles vorbei zu sein. Der Ort war nun unübersehbar geschändet, und ich fühlte mich wie der letzte Zeuge, der alles noch einmal hatte sehen dürfen, ehe es unwiderruflich erlosch. Mit einer Plattenkamera aus den 1930er Jahren, mit Stativ und schwarzem Tuch, war ich mehr als ein Jahr lang unterwegs. Tags auf der Straße und nachts in meinem Reich, der Küchendunkelkammer.

Die Geschichte einer Berliner Straße

Imbiss Galow, Hufelandstraße 31

Die Geschichte einer Berliner Straße

HO Fisch und Fischwaren, Hufelandstraße 29

Die Geschichte einer Berliner Straße

Süßwaren, Kaffee und Spirituosen Menzel, Hufelandstraße 9

2009/2010

Sie ist immer noch eine besondere Straße in einem besonderen Quartier. Für Vieles ist nach dem Fall der Mauer Rettung gekommen, Vieles ist zu neuem Leben erweckt worden.

Die Geschichte einer Berliner Straße

Gaststätte Deponie, Hufelandstraße 31

Es gibt wieder Bäume, Balkone und jede Menge Geschäfte, die meisten davon für Kindersachen, und Cafés und Restaurants, wo früher noch nicht einmal Schaufenster waren. Fast alle Häuser sind saniert, auf den Dächern diskrete Penthouses und Terrassen, die Haustüren haben Wechselsprechanlagen, manche sogar mit einer kleinen Kamera. Man kommt nicht mehr so einfach auf jeden Hof. Die Verzierungen an den Fassaden sind schöner und üppiger, die Farben leuchtender, die Fußwege glatter und die Stimmung optimistischer denn je. Die Mieten sind die teuersten der Stadt, hier leben statistisch die meisten Kinder in ganz Deutschland, das Durchschnittsalter der Bewohner liegt irgendwo bei Ende dreißig. Die schrägen Vögel sind lange gestorben, die meisten anderen sind verdrängt, ich kenne zunächst fast niemanden mehr. Mit meinen Bildern von damals und meiner Plattenkamera komme ich mir nun selbst vor wie ein Relikt. Aber ich fühle mich wohl hier, immer wieder. So sehr ich mit den Häusern gelitten habe, als sie alle noch graubraun und porös waren, so verdächtig ist mir nun ihre Gesundung. Damals glaubte ich, ihren Atem zu spüren, nun spüre ich ihren Marktwert. Vorher todkrank aber geliebt, jetzt geheilt aber entfremdet? Operation gelungen, Patient tot?

Mein Reich von damals ist jetzt eine Eigentumswohnung wie die meisten hier, die Küche ist ein Zimmer ohne besonderen Charakter, mein ewiger Traum vom Durchbruch zur Nachbarwohnung ist Wirklichkeit. Man fährt mit einem Fahrstuhl hinauf, die Fenster sind doppelt verglast und haben Kunststoffrahmen. Bis auf wenige Stellen scheinen alle vorherigen Oberflächen verschmolzen zu sein zu einem einzigen gemeinsamen „Früher“.

Alles was ich vorfinde suggeriert Endgültigkeit, aber da habe ich mich ja schon einmal geirrt. Ich ertappe mich dabei, wie ich ausatme, wenn ich einen Hof betrete, der immer noch so ist wie damals. Ich versuche, mich zu entscheiden. Man kann eins nicht haben ohne das andere. Wollte ich nicht auch, dass es gerettet wird, mein Kiez? Offenbar ist er das jetzt.

Die Geschichte einer Berliner Straße

Elektro Schwalbe, Hufelandstraße 29

Die Geschichte einer Berliner Straße

Bäckerei Kempe, Hufelandstraße 9

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Die Hörreportage: Hufelandstraße
Die Hörreportage: Hufelandstraße
Die Metamorphose einer Berliner Straße in zwei Jahrzehnten Wiedervereinigung