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GEO-Autor Jürgen Bischoff empfiehlt die Lektüre alter Postkarten

Der Sohn kannte den Vater nur unter dem Namen Michaël. Bis zu dem Tag, als der schwedische Schriftsteller Torkel S. Wächter, geboren 1961 in Stockholm, im Nachlass den Karton mit 32 vergilbten Briefkarten fand. Sie stammten aus den Jahren 1940 und 1941, verschickt von Gustav und Minna Wächter aus Hamburg, gerichtet an ihren Sohn Walter, den jüdischen Aktivisten, Mitglied der linkszionistischen Organisation Hechaluz, der nach Verhaftung durch die Nazis, Folter und dreijähriger Haft wegen „Hochverrats“ 1938 nach Schweden geflohen war: Torkels Vater. Dieser Teil der Familiengeschichte war dem Sohn bis dahin unbekannt geblieben. Er nutzt ihn jetzt für eine ganz besondere und eindringliche Form der Erinnerungsarbeit: Torkel S. Wächter veröffentlicht die 32 Postkarten seiner Großeltern im Internet - in simulierter Echtzeit: mit 70-jähriger Verspätung an exakt den Tagen, an denen sie seinerzeit in Hamburg geschrieben wurden. Unter www.32postkarten.com/index_D.html kann man sie lesen, als Faksimile oder transkribiert, von Wächter erläutert, kommentiert und eingeordnet in den historischen Kontext – ein in dieser Form einmaliges Zeitdokument. Man erfährt von Geburtstagen und Zensur, von Auswanderungsplänen und dem Schicksal von Verwandten und Nachbarn. Ich empfehle Ihnen also in diesem Newsletter kein Buch, sondern die Website www.32Postkarten.com. Wer dort seine Mail-Adresse hinterlässt, bekommt die Karten zudem elektronisch zugesandt. Pünktlich. Allerdings nur noch 2011: Im Oktober 1941 begannen auch in Hamburg die Deportationen.

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GEO-Autor Jürgen Bischoff mit Postkarte Nr. 2 vom 6. April 1940