Jemandem aufs Dach steigen

Als Frau Messner nach Hause kommt, stößt sie beim Eintreten gegen einen Eimer Farbe, der sich darauf hin über den Boden des Hausflurs ergießt. Am Vormittag sind die Handwerker bei ihr gewesen und haben nach der Arbeit offensichtlich nicht aufgeräumt. "Verdammt noch mal!" flucht Frau Messner böse. "Na die können was erleben, denen steig ich aufs Dach!"

Aufs Dach? Die Handwerker haben doch die Wände im Flur gestrichen…

Jemandem aufs Dach steigen

Die Redewendung "Jemandem aufs Dach steigen" bedeutet, sich bei jemandem heftig wegen etwas zu beschweren. Man weist die Person zurecht und sagt ihr gründlich die Meinung.

Die Rechtssprechung im Mittelalter besagte, dass ein Mann unter seinem Dach vollkommen geschützt war. Ohne Erlaubnis des Besitzers durften Fremde also nicht einfach das Haus eines anderen betreten. Diese Regel wurde sehr streng eingehalten, es sei denn, dass Gebäude trug kein Dach mehr.

Leuten, die Unrecht begangen hatten und sich in ihrem Haus vor dem Gericht versteckten, wurde daher zunächst eine Frist gegeben, sich zu stellen. Wenn die Zeit um war, fand man eine Maßnahme, um das Recht zu umgehen: Man deckte das Dach des Verbrechers ab und ließ "den Himmel in das Haus". Mit ein paar Mann war das schnell geschehen und der Übeltäter konnte aus dem Gebäude, das nun kein schützendes Dach mehr hatte, abgeführt werden. Ganz schön umständlich, aber gesetzestreu.

Später wurde diese Maßreglung auch in der Volksjustiz angewandt. Das heißt, dass Nachbarn das Dach eines Dorfbewohners ohne gerichtlichen Beschluss abdeckten, wenn sie zum Beispiel gehört hatten, dass es dort in der Ehe unsittlich zuging. So wurde der Bewohner vor dem ganzen Dorf bloßgestellt und musste sein Dach anschließend alleine wieder aufbauen.

Frau Messner benutzt die Redensart also nicht, weil sie es mit Handwerkern zu tun hat. Vielmehr steht die Wendung "Jemandem aufs Dach steigen" immer in Zusammenhang mit Tadel und Zurechtweisung.

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