Redewendung Am Hungertuch nagen

Leidet jemand Not, dann nagt er sprichwörtlich am Hungertuch. Diese Wendung hat einen religiösen Ursprung
Am Hungertuch nagen

Am Hungertuch nagen? Nein, dann doch lieber an einer gesunden Karotte. Schmeckt auch besser

Timo war mit seiner Klasse in einem Kunstmuseum in Berlin. Die bunten Gemälde und schrägen Skulpturen haben ihn sehr fasziniert. Am Abend erzählt er seiner Mutter von seinen Eindrücken: "Eines der Bilder hat mir ganz besonders gut gefallen. Es war in ganz unterschiedlichen Blautönen gemalt. Man hatte das Gefühl, Himmel und Meer würden sich vermischen." "Wow, das klingt ja toll!", freut sich seine Mutter. "Ja, es ist bestimmt toll, ein Künstler zu sein. Man ist so frei und kann sich selbst verwirklichen", schwärmt Timo. "Das stimmt, das ist schon ein sehr kreativer Beruf. Aber man darf auch nicht vergessen, dass viele Künstler am Hungertuch nagen", gibt die Mutter zu bedenken. "Ja, da hast du sicher recht. Aber von welchem Hungertuch sprichst du eigentlich?"

Mit der Redensart "am Hungertuch nagen" ist gemeint, dass jemand Hunger oder Not leidet. Aber woher stammt der Begriff "Hungertuch"? So hieß früher das Tuch, das zur Fastenzeit in der Kirche über den Altar gehängt wurde. Aus dem Brauch, dieses Tuch zu nähen, es über den Altar zu legen und damit die Gläubigen zu ermahnen, für ihre Sünden geradezustehen, entstand dann die Redewendung "am Hungertuch nähen". Sie lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Später wurde diese Wendung umgedeutet in das heute gebräuchliche Sprichwort "am Hungertuch nagen".

Timos Mutter verwendet diese Redensart, um damit in übertriebener Weise zu sagen, dass Künstler oft nur wenig Geld haben. Doch Timo will sich davon nicht abschrecken lassen. Er informiert sich gemeinsam mit seiner Mutter über Zeichenkurse, um sein Talent als Künstler zu testen. Nächsten Monat schon soll es los gehen!

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Redewendungen
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