Königstiger: Ein Herrscher kämpft ums Überleben

Größer als ein Löwe, stark wie ein Bär, leise wie eine Feder im Wind: Keiner kann es im Dschungel mit dem Königstiger aufnehmen. Und doch ist sein Leben bedroht - durch den Menschen
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Herrscher des Regenwaldes
Vom Aussterben bedroht

Herrscher des Regenwaldes

Arglos tummeln sie sich an der Wasserstelle: ein Rudel Hirsche mit prächtigen Geweihen; Antilopen, die trinken und die Hälse recken; ein Gaur, ein massiges Rind mit schwarzem Fell. Da gellen plötzlich Schreie durch den Dschungel. Erst das heisere Husten der Languren-Affen, dann das schrille Keifen der Pfauen. Alarm! In Sekundenschnelle tauchen die Tiere im Dickicht unter. Ein lautes Rascheln, Knacksen, Huschen. Dann teilt sich das Gebüsch, und majestätisch tritt der Herr des Waldes ins Freie: ein Königstiger auf der Pirsch! Noch im schwachen Abendlicht glänzt sein Fell, rotbraun und dicht an dicht gestreift. Darunter sieht man seine Muskeln zucken. Bis zu drei Meter misst das Tier von Kopf bis Schwanz. Der Königstiger - auch Bengaltiger genannt - zählt zu den größten und schönsten Raubkatzen der Welt. Seine Heimat sind die Regenwälder Indiens. Hier sucht er sich zwischen umgestürzten Bäumen und Büschen seinen Unterschlupf. Hier jagt er und schwimmt, wenn es sein muss, weite Strecken durch Flüsse und Seen. Bis zu 20 Kilometer streift er Nacht für Nacht umher, perfekt getarnt und trotz seiner rund 200 Kilogramm so geschmeidig wie eine Schlange.

Gefährlicher Jäger

Seine gefährlichste Waffe ist die Lautlosigkeit. Auf zehn bis 25 Meter schleicht er sich an seine Beute an. Und wenn die Affen nicht Alarm husten und die Pfauen nicht rechtzeitig kreischen, schnellt er von hinten auf sein ahnungsloses Opfer zu. Mit aller Macht rammt der Tiger seine tödlichen Reißzähne in Nacken oder Kehle. Dann schleift er sein Opfer im Rückwärtsgang in ein Versteck. Und frisst. Solange der Vorrat reicht. Knapp zehn Kilogramm Fleisch braucht ein ausgewachsener Tiger am Tag. Zu seinen Beutetieren gehören Hirsche, Gaur-Kälber, Antilopen und Affen. Wenn ihm ein Tier entwischt, lässt er es laufen - weite Strecken zu hetzen ist nicht seine Sache. Lieber schleicht er sich von neuem an. Misslingt auch das, begnügt er sich mit kleinen Nagetieren oder Aas. Hauptsache: Fleisch!

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Königstiger stürzen sich gern in die Fluten. Sie sind sogar ausgezeichnete Schwimmer - und legen dabei Strecken bis zu 30 Kilometer zurück

Aber kein Menschenjäger

Selbst Menschen sind Tigern schon zum Opfer gefallen. Zum Schutz ziehen sich deshalb manche Inder Masken mit menschlichen Gesichtern über den Hinterkopf: Damit ein Tiger nicht denkt, dass er Affen vor sich hat, wenn er sich aus dem Hintergrund anpirscht! Tatsächlich sind solche Verwechslungen schon vorgekommen. Dass Königstiger blutgierige Menschenjäger sind, ist allerdings ein Schauermärchen.

Vom Aussterben bedroht

In Wahrheit ist der Jäger selbst ein Gejagter. Auf gerade einmal 3200 bis 4500 Königstiger wird heute der Bestand in freier Wildbahn geschätzt. Vor 100 Jahren waren es noch an die 40000 Tiere. Doch die Menschen holzten die Wälder ab; töteten Tausende Wildkatzen - aus reinem Vergnügen! Die prächtigen Felle brachten viel Geld und Ruhm ein. Und nicht nur die Felle: In der traditionellen chinesischen Heilkunde gelten Tigerknochen und -augen, Tigerhirne und -barthaare als Wundermittel: gegen Kopfschmerzen, gegen Rheuma, sogar gegen Faulheit! Noch heute wildern gewissenlose Knochenhändler in den Schutzgebieten.Dabei ist die Tigerjagd seit 1970 in Indien streng verboten. 1973 richtete die indische Regierung Reservate ein zur Aufzucht - und ließ dafür sogar Dörfer räumen. So konnte sie den Königstiger gerade noch vor dem Aussterben retten.

Familienleben unter Tigern

"Aaaoouu Aou Aou Aaaoouung!" Wer Glück hat, kann vor allem im Winter und Frühjahr diesen donnernden Lockruf der Männchen in einigen Wäldern Indiens und Bangladeschs hören. Rund 100 Tage nach der Paarung gebären die Weibchen meist zwei bis vier Junge: tapsige, blinde Bündel, anfangs kaum größer als eine Hauskatze. Unvorstellbar, dass auch sie eines Tages die Dschungelbewohner in Atem halten werden - furchteinflößend und mächtig wie Könige.

Steckbrief: Königstiger

ALLGEMEIN: Königs- oder Bengaltiger sind eine von fünf noch existierenden Tigerarten. Drei Arten sind bereits ausgestorben: der Bali-Tiger, der Kaspische Tiger und der Java-Tiger. Insgesamt gibt es noch rund 7000 Tiger in freier Wildbahn. Mit 3200 bis 4500 Exemplaren ist der Königstiger am häufigsten. AUSSEHEN: kurzhaariges rotbraunes Fell; mehr und engere Streifen als bei den weiter nördlich lebenden Arten. GRÖSSE: von Nase bis Schwanzspitze 2,70 bis 3,10 Meter (Männchen), 2,40 bis 2,65 Meter (Weibchen). GEWICHT: 180 bis 258 Kilogramm (Männchen), 100 bis 160 Kilogramm (Weibchen). ALTER: in freier Wildbahn bis 25 Jahre. HEIMAT: vor allem Indien, aber auch Nepal, Bangladesch, Bhutan und Myanmar (Burma). FUTTER: verschiedene Hirscharten, Wildrinder (Gaur), Büffel, Antilopen, Affen, Wildschweine, Vögel, zur Not auch Heuschrecken, Fische, Schildkröten und Frösche; selten junge Elefanten und Nashörner. NACHWUCHS: zwei bis vier, höchstens sieben Junge. Nach zwei bis drei Jahren Trennung von der Mutter.

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Ein Königstigerbaby ruht sich vom Herumtollen mit seinen Geschwistern aus - auch aus diesem knuddeligen "Kätzchen" wird später einmal ein mächtiger Herrscher des Dschungels 

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