Bei dir piept's wohl? Nestbau mal ganz anders

Viele Vögel sind bei der Wahl und der Gestaltung ihrer Nistplätze sehr kreativ. Sie dekorieren, stibitzen, nisten im Komposthaufen oder gründen WGs. Wir zeigen euch die ungewöhnlichsten Vogelnester
In diesem Artikel
Kein Nest ist auch ein Nest: Der Flussregenpfeifer
Siedelweber: Leben in Wohngemeinschaften

Ab Herbst ist das Thermometerhuhn im Dauerstress: Es gräbt Mulden aus, sammelt Blätter und Zweige und schichtet sie in mühevoller Kleinarbeit aufeinander. Schuften für den Nachwuchs - davor bleiben auch Vögel nicht verschont. Fast alle Vögel bauen Nester, in denen sie ihre Nachkommen ausbrüten. Viele errichten das "Kinderzimmer" aus Ästen und Zweigen in besonders geschützten Nischen von Bäumen oder Hecken. Dort brüten meist die Weibchen die Eier aus. Andere - wie das Thermometerhuhn - setzen beim Nestbau und der Bebrütung auf ausgefallenere Methoden.

Thermometerhuhn: Wärme-Palast für den Nachwuchs

Bei den australischen Thermometerhühnern ist der Nestbau reine Männersache. Thermometerhühner legen ihr Nest halb unterirdisch an. Dazu scharren sie eine etwa einen Meter tiefe Grube mit einem Durchmesser von bis zu fünf Metern aus. Diese befüllen sie anschließend mit Blättern und Zweigen. Danach heißt es erst einmal: Abwarten. Und zwar so lange, bis es regnet. Wenn das Grünzeug nass ist, streut das Huhn eine Sandschicht darauf. Und unter der Sandschicht fängt das feuchte Blattwerk an zu gären. Es ist das gleiche Prinzip wie bei einem Komposthaufen: Durch die Gärung entsteht Wärme. Und die braucht es, damit die Eier später richtig reifen können.

Thermometerhühner haben ihre ganz eigene Brutmethode. Sie brüten nämlich gar nicht selbst. Der Komposthaufen dient als Brutstätte. Aber erst, wenn darin die richtige Temperatur herrscht: Bei 33,5 Grad Celsius entwickeln sich die Eier am besten. Das Thermometerhuhn hat einen äußerst empfindlichen Schnabel, mit dem es wie mit einem Thermometer die Temperatur erfühlen kann. Ist es zu warm im Komposthaufen, legt der werdende Vater Sand nach. Die dickere Sandschicht schützt vor Sonneneinstrahlung. Wenn die Temperatur stimmt, kann der Nachwuchs kommen. Das Weibchen legt seine 20-30 Eier dann in den Gängen des Brutschranks ab und nach voller Reifung schlüpft der Nachwuchs aus dem Komposthaufen.

Kein Nest ist auch ein Nest: Der Flussregenpfeifer

Der Flussregenpfeifer ist ein echter Feld-, Wald- und Wiesenbrüter. Während alle anderen werdenden Eltern sich sorgfältig darum kümmern, eine möglichst geschützte Stelle für ihr Nest auszusuchen, kann sie ihm gar nicht offen genug sein. Und während andere Vögel mühsam Zweige, Moos und Blätter sammeln, um den Nachwuchs möglichst weich und kuschelig zu betten, schert sich der Flussregenpfeifer nicht im Geringsten um all das. Alles, was er braucht, ist eine nackte Mulde aus Kieselsteinen. In diese legen Flussregenpfeifer ihre Eier ab.

Sind mögliche Feinde oder Nesträuber im Anmarsch, verlässt der Altvogel das Nest. Mit einer showreifen Schauspieleinlage zieht er die Aufmerksamkeit des Feindes auf sich und damit weg von den Eiern. Diese ähneln so stark dem kiesigen Untergrund, dass sie für Feinde gar nicht erkennbar sind. Lägen sie in einem Nest, wäre die Gefahr, entdeckt zu werden, weit größer. Dass Flussregenpfeifer keine Nester bauen, liegt also nicht daran, dass die Vögel besonders faul sind oder sich nicht um das Wohlergehen ihres Nachwuchses sorgen. Im Gegenteil: Indem die Eier farblich nahezu mit ihrem Untergrund verschmelzen, sind sie perfekt getarnt und somit bestens vor feindlichen Übergriffen geschützt - auch ohne Nest.

Der Laubenvogel: Stararchitekt unter den Vögeln

Er baut seine Laube, um bei den Weibchen Eindruck zu schinden: Der Laubenvogel. Aus Zweigen, Ästen und Blättern errichtet er für sich und seine Angebetete ein Liebesnest. Dieses muss nicht nur praktisch sein, sondern auch schön. Denn je hübscher und schmuckvoller das Männchen die Einrichtung gestaltet, desto besser stehen seine Chancen, das Herz des Weibchens zu erweichen.

Der Laubenbau ist von Art zu Art verschieden: Manche Laubenvögel bauen ganze Alleen aus und "streichen" sogar die Wände. Die Farbe dazu erhalten sie, indem sie farbige Beeren auspressen. Mit dem Farbbrei beschmieren sie dann ihre Laube. Andere Arten sammeln Schmuckstücke wie besondere Blätter, mit denen sie die Laube dekorieren.

Generell gilt: Die Männchen, die keine außergewöhnliche Färbung aufweisen können, legen sich doppelt so sehr ins Zeug, um bei den Weibchen Beachtung zu finden. Die besonders schönen Männchen dagegen sind nicht so erfinderisch, was ihr Eigenheim angeht: Sie setzen eher auf ihr unwiderstehliches Aussehen, um die Frauen zu bezirzen.

Die Laube ist übrigens ein reines Liebesnest. Nach der Paarung setzt das Männchen das schwangere Weibchen nämlich vor die Tür der prunkvollen Laube und lässt es mit dem Nachwuchs allein. Zum Brüten beziehen die allein erziehenden Laubenvögel-Damen dann ein schlichteres Nest, das sie zudem noch selbst, ohne jegliche Hilfe vom werdenden Vater, errichten müssen.

Siedelweber: Leben in Wohngemeinschaften

Siedelweber sind besonders gesellige Vögel. Sie legen ihre Nester gleich für eine ganze Kolonie an. Zur Brutzeit schließen sich bis zu 100 Paare zusammen, um gemeinsam eine Art WG-Nest zu gründen. Bei der Wahl des Standortes sind Siedelweber flexibel: Neben Bäumen kommen auch Telefonmasten in Frage. Hauptsache der Träger ist stabil. Denn 100 Vogelfamilien können ganz schön schwer sein. Oft müssen die Siedelweber Ausbesserungen vornehmen oder anbauen - zum Teil sind die Nester im Durchmesser bis zu fünf Meter groß.

Das Leben in der Kommune kann ja ganz aufregend sein. Doch auch Siedelweber brauchen ein wenig Privatsphäre. Jede Familie wohnt deshalb separat in einer eigenen kleinen Brutkammer innerhalb des Gemeinschafts-Nests. Was neue Mitbewohner angeht, sind die Siedelweber ziemlich tolerant. Verlässt ein Vogelpaar seine Parzelle im "Mehrfamilienheim", dürfen neue einziehen. Und auch wenn die Bewohner von Zeit zu Zeit wechseln: Die Gemeinschafts-Nester bleiben mehrere Jahre erhalten.

Brüten und brüten lassen: Kuckuckseier

Manche Vögel bauen auch gar kein eigenes Nest, sondern nutzen einfach die Nester der anderen. An Dreistigkeit kaum zu überbieten ist dabei der Kuckuck. Er legt seine Eier "ins gemachte Nest" fremder Vögel. Doch damit nicht genug: Nachdem er die Eier dort platziert hat, machen sich die unverschämten Kuckuckseltern aus dem Staub - und lassen die ahnungslosen Ersatzeltern die Eier ausbrüten. Die merken es meist gar nicht, dass ihnen ein fremdes Ei untergemogelt wurde. Denn der Kuckuck sucht sich die Pflegeeltern ganz genau aus: Es kommen nur die in Frage, deren Eier den Kuckucks-Eiern täuschend ähnlich sehen.

Wenn es um den Nestbau geht, zeigen sich viele Vögel mal von einer ganz anderen Seite: Sie präsentieren sich als echte Künstler, als dreiste Betrüger, als Minimalisten, als WG-Kumpels oder eben - wie das Thermometerhuhn - als Profi-Biologen, die sich das Prinzip des Komposthaufens für die Aufzucht ihrer Jungen zu Nutze machen.

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