Störche: So weit die Flügel tragen

11 000 Kilometer weit ist die Storchen-Dame "Prinzesschen" geflogen - von Deutschland ins Winterquartier nach Südafrika. Wie ihr eine solche Leistung gelingt, verrät die Langstreckenfliegerin in ihrem Reisetagebuch
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Die Technik macht's
Europa -Asien - Afrika

Gestatten? Prinzesschen mein Name. Hier, im beschaulichen Loburg in Sachen-Anhalt, bin ich zu Hause. Hier fühle ich mich wohl, zumindest solange es warm ist. Wenn es kälter wird, bevorzuge ich meinen Zweitwohnsitz im warmen Südafrika. Zugegeben: Das ist ganz schön weit weg, zumal ich den ganzen Weg ja mit meinen eigenen Flügeln zurücklegen muss. Aber so eine Reise ist auch aufregend und abenteuerreich. Begleitet mich einfach - und ihr werdet sehen, was ich meine…

Start in Loburg

Sobald sich der Sommer hier dem Ende zuneigt, werden wir Störche ungeduldig. Wir wollen fliegen, weit fliegen, bis tief in den Süden. Nervös drehen wir erste Proberunden. Ende August, wenn das Wetter stimmt, geht es los. Warmes Klima und eine leichte Brise bieten ideale Bedingungen für den Start ins Winterquartier.

Ostzieher - Westzieher

Viele Wege mögen nach Afrika führen. Für uns Störche kommen allerdings nur zwei in Frage: Zum einen die Westroute über Frankreich, Spanien und die Meerenge von Gibraltar nach Westafrika, zum anderen die Ostroute, die über Osteuropa und den Nahen Osten bis Ost- oder gar bis Südafrika führt.

Welche Reiseroute wir nehmen, ist bei uns Störchen vorprogrammiert: Sie hängt von unserem Geburtsort ab. Quer durch Deutschland verläuft eine unsichtbare Linie, die so genannte Zugscheide. Die Störche, die westlich dieser "Grenze" geboren sind, schlagen auf dem Weg ins Winterquartier die Westroute ein. Alle, die östlich der Zugscheide zu Hause sind, fliegen ostwärts. 80 Prozent aller Weißstörche gehören zu den Ostziehern - auch ich, schließlich liegt meine Heimat Loburg östlich der Zugscheide.

Unsere ersten Flugversuche unternehmen wir übrigens bereits im zarten Alter von 40 Tagen. Die jüngsten Störche, die sich jetzt in Richtung ihres Winterquartiers aufmachen, sind gerade einmal drei Monate alt. Da gehöre ich mit meinen 16 Jahren schon fast zum alten Eisen.

Doch auch wenn ich schon etwas betagt bin: In Sachen Langstreckenflug können die jungen Dinger noch einiges von mir lernen: Schließlich bleibe ich nicht, wie die meisten meiner Artgenossen, in Ostafrika, sondern habe vor, bis nach Südafrika weiterzufliegen. Meine Reiseroute führt mich quer über drei Kontinente und insgesamt 20 Länder. Über 10.000 Kilometer muss ich zurücklegen - und das ist nur der Hinweg!

Die Technik macht's

Wer so weite Strecken zurücklegt, braucht es vor allem eines: Die richtige Technik. Und die ist uns Störchen in die Wiege gelegt. Im Segelflug können wir mühelos mehrere Hundert Kilometer am Tag zurücklegen. Na gut, auf das passende Wetter sind wir dabei auch angewiesen, genauer gesagt auf ausreichend Wärme.

Wir warten morgens immer erst eine Weile ab, bis die Sonne die Luft am Boden richtig aufgewärmt hat, bevor wir abheben. Denn dann steigt die warme Luft nach oben - und wir können uns einfach an sie "dranhängen". Die warme Luft trägt uns in so genannten Thermikblasen, also warme Aufwinde, kreisförmig in Richtung Himmel, bis in eine Höhe von 2000 Metern. Um uns von der warmen Luft mitziehen und in die Lüfte empor schrauben zu lassen, benötigen wir nur einen Bruchteil der Energie, die wir bräuchten, müssten wir den Aufstieg aus eigener Kraft leisten.

Haben wir den oberen Rand der Thermikblase erreicht, gehen wir in den Gleitflug über. Mit bis zu 100 Kilometer pro Stunde segeln wir dann unserem Flugziel entgegen - bis wir die nächste Thermikblase erreichen, die uns wieder nach oben trägt.

Den Storchenrekord im Weitfliegen hält übrigens meine Kollegin "Valinka" aus Sachsen: Sie legte an einem Tag stolze 704 Kilometer zurück.

Den Kompass im Kopf

Ob ich diesen Rekord auf meiner Reise brechen kann? Ich gebe jedenfalls gleich zu Beginn Vollgas. Am ersten Flugtag lege ich 350 Kilometer zurück. Nach drei Tagen bin ich bereits im Südosten Polens. Von da aus geht's immer weiter in Richtung Süden, die Ukraine, Rumänien, Bulgarien, die Türkei ziehen unter mir vorbei - auf Grenzen brauche ich hier oben in der Luft keine Rücksicht zu nehmen.

Kompass und Landkarte sind für mich nur unnötiger Ballast. Ich habe meinen Kompass sozusagen genetisch eingebaut. Er kann mir zwar nicht - wie ein richtiger Kompass - sagen, wo Norden ist, dafür liefert er mir verlässliche Informationen, ob ich in Richtung "Pol" oder in Richtung "Äquator" unterwegs bin. Auf dem Weg ins Winterquartier muss meine innere Kompassnadel also auf "Äquator", auf dem Rückweg auf "Pol" stehen. Der angeborene Magnetkompass gibt mir die grobe Richtung vor; darüber hinaus bieten mir die Sterne und die Sonne zusätzliche Orientierungshilfen.

Europa -Asien - Afrika

Mittlerweile bin ich in Istanbul angelangt - die Stadt, die sich über zwei Kontinente erstreckt. Der Bosporus trennt den europäischen vom asiatischen Teil der Stadt. Und genau den gilt es nun für mich zu überfliegen. Flüge über offenes Gewässer sind für uns die schwierigsten Reise-Etappen. Denn hier haben wir keine Thermik, die uns trägt, sondern müssen uns allein auf die Kraft unserer Flügel verlassen. Um Kräfte zu schonen versuchen wir, die Strecken, die übers Wasser führen, möglichst kurz zu halten. Der Bosporus ist an seiner schmalsten Stelle nur wenige hundert Meter breit - somit die ideale Stelle für mich, um mit minimaler Anstrengung nach Asien zu gelangen.

Das Ziel stets vor Augen, lasse ich den Nahen Osten in nur sechs Tagen hinter mir. Im Sudan angelangt, muss ich mich erneut von vielen meiner Weggefährten verabschieden. Sie überwintern hier im Nordosten Afrikas. Ich gehöre zu den wenigen Störchen, denen es hier noch nicht warm genug ist. Auch wenn es noch einmal so viele Kilometer sind, die ich von hier aus zurücklegen muss - ich will bis zum indischen Ozean. Und ich setze meinen Flug fort, überquere Uganda, Kenia, Tansania, Botswana - unter anderem, versteht sich.

Endlich am Ziel

Geschafft - ich habe meine Winter-Residenz bezogen. Im Tsitsikamma National Park in Südafrika habe ich mich niedergelassen und hier werde ich bleiben, zusammen mit 40 anderen Störchen. Die nächsten zwei Monate in meinem sonnigen Winterquartier kann ich nun von meinem Traum-Storch träumen, dem ich bei meiner Rückkehr in Deutschland hoffentlich begegne. Pünktlich zur Paarungszeit werde ich jedenfalls zurück in meiner alten Heimat Loburg in Sachsen-Anhalt sein…

Ein Prinz für Prinzesschen?

Ob Prinzesschen zurück in Deutschland tatsächlich ihrem Traumprinzen begegnet, erfahrt ihr in der ZDF-Dokumentation "Die Reise der Störche". Bevor Prinzesschens Reise losging, haben Wissenschaftler und Reporter die Storchendame mit einem Sender ausgestattet. Diesen Sender trug Prinzesschen während ihrer ganzen Reise wie eine Art Rucksack auf dem Rücken. So störte er sie nicht beim Fliegen. Der Sender, der mit Solarzellen betrieben wurde, meldete dem Fernsehteam in regelmäßigen Abständen über Satelliten und Funk, wo sich Prinzesschen genau aufhielt. So konnten die Reporter Prinzesschen auf ihrer Reise begeleiten und ihre Erlebnisse mit Kameras festhalten. Teil 1 am 25.04.2006, Teil 2 am 02.05.2006.

Das Buch zum Film

"Mit den Störchen unterwegs" von Volker Schmidt und Katja Schupp ist im Kosmos Verlag erschienen.

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