Hilfe, die Plagen kommen!

Sie fressen unsere Vorräte, saugen unser Blut, nisten sich in unseren Häusern ein: Auf der Erde wimmelt es von Tieren, die uns Menschen das Leben schwer machen. Allerdings sind wir daran nicht immer ganz unschuldig
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Unterstützung vom Fachmann

Als sich am helllichten Tag der Himmel verdunkelte, ahnte Zongo Yakouba, dass etwas Schreckliches geschehen würde. Eine surrende Wolke schob sich vor die Sonne. Der Bauer aus einem kleinen Dorf im westafrikanischen Burkina Faso rannte aus seinem Haus – und sah, wie sich die Wolke auf den nahen Hirsefeldern niederließ, die kurz vor der Ernte standen. "Es waren große, gelbe Insekten, die wir noch nie zuvor gesehen hatten: Heuschrecken!", sagt Zongo Yakouba. Panisch liefen die Menschen auf die Felder. Sie schlugen auf Kochtöpfe und Trommeln, um die Tiere zu verscheuchen. Vergebens. Zwei Stunden später erhoben sich die Heuschrecken und flogen weiter. Zurück blieben kahl gefressene Hirsefelder – und verzweifelte Bauern wie Zongo Yakouba, die alles verloren hatten.

Es sind Millionen, ja, Milliarden Heuschrecken, die regelmäßig über Afrikas Felder und Weiden herfallen – und unzählige Menschen in Hunger und Elend stürzen. Sobald es regnet und das Gras sprießt, vermehren sich die Insekten explosionsartig. Einmal erwachsen, kennen sie nur zwei Ziele: fressen und Eier legen. Ihr Appetit und ihr Tempo sind unheimlich – ein Schwarm von einer Milliarde Tiere vertilgt täglich rund 2000 Tonnen Futter und fliegt bis zu 100 Kilometer weit. Diese Heuschreckenplage, so sagte einmal ein Vertreter der Vereinten Nationen, ist für die afrikanischen Länder so schlimm wie ein Krieg.

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Heuschreckenschwärme in Afrika. In wenigen Sunden fressen die Insekten die Getreideernte. Eine Katastrophe für die ohnehin schon armen Menschen

Lästige Mitbewohner

Es ist eine bittere Tatsache: Auf unserer Erde wimmelt es von Tierarten, mit denen wir Menschen nur sehr schlecht auskommen. Flöhe, Wanzen, Schaben, Termiten, Kakerlaken, Mehlkäfer, Mücken, Zecken, Nacktschnecken oder Ratten stehen auf unserer Tier- Hitliste ganz, ganz weit unten. Kein Wunder. Denn sie fressen unsere Pflanzen, vertilgen unsere Vorräte, saugen unser Blut, zernagen unsere Häuser oder Kleider, machen uns krank. Sie sind ganz verrückt nach uns und unseren Besitztümern – wir Menschen dagegen würden sie am liebsten auf den Mond schießen. Ohne Rückflugticket.

Dabei muss es durchaus nicht immer gleich so schlimm kommen wie in Afrika. Trotzdem ist es lästig, dass jedes Jahr ganze Schwärme von Riesenquallen das Mittelmeer durchziehen. Die giftigen Gelee- Wesen fressen das Meer leer; sie können Schwimmer verletzen, außerdem verstopfen sie die Wasserzuleitungen von Elektrizitätswerken. In China kämpfen die Menschen gegen eine Termitenplage: Die Krabbler fressen Holz – und untergraben gerade die 600 Jahre alte Verbotene Stadt, eines der wichtigsten Kulturdenkmäler des Landes. Und in Kalifornien schlagen sich die Bewohner des Städtchens Newport Beach sogar mit Seelöwen herum: Die Meerestiere zerkauen Surfbretter und sonnen sich auf Segelyachten und Motorbooten, von denen sie bereits mehrere versenkt haben. Außerdem bellen sie laut, stinken erbärmlich – und übergeben sich ständig . . .

Tierplagen sind wohl so alt wie die Menschheit selbst. Schon die ersten Höhlenmenschen hatten garantiert "treue Begleiter" wie Flöhe oder Wanzen. Als der Mensch vor Jahrtausenden begann, Felder anzulegen, Häuser zu bauen und Vorräte zu horten, folgten ihm weitere Plagegeister zuhauf. War ja auch logisch! Denn der Zweibeiner bot vielen Tieren – unfreiwillig –alles,

was sie brauchten, um sich massenhaft zu vermehren: Futter, Schutz vor Feinden und Unwettern, Platz für den Nachwuchs. Man könnte auch sagen: Der Mensch schuf mit seiner Lebensweise erst die Grundlage dafür, dass viele Tiere für ihn überhaupt zur Plage werden konnten.

Störenfrieden zu Leibe gerückt

Wie aber wird man die kleinen Peiniger wieder los? Schon vor 4000 Jahren stellten Bauern auf ihren Feldern Vogelscheuchen auf; später errichteten sie Vorratskammern auf Stelzen, damit Mäuse nicht so leicht hineinkriechen konnten. Die alten Ägypter setzten sogar bereits Gift ein: Sie verbrannten Weihrauch und Myrrhe, was tatsächlich gegen Getreidemotten und Speisebohnenkäfer half. Und die Römer stellten Rattenfallen auf.

In der Schweiz kam ein Bischof im 15. Jahrhundert noch auf eine ganz andere Idee: Als die Felder der Bauern von Maikäfern leer gefressen wurden, schickte Benoît de Montferrand seine Boten aus – und ließ dem Ungeziefer in bestem Latein ausrichten, es solle innerhalb von sechs Tagen abziehen! Falls nicht, würden die Maikäfer vor Gericht gestellt! Die braunen Brummer juckte das nicht. Also tagte das Gericht, und am Ende sprach Bischof Benoît das Urteil: Die Käfer werden aus der Kirche ausgeschlossen! Für einen Menschen wäre diese Strafe wohl schlimm gewesen – ob das Urteil jedoch die Käfer beeindruckte, ist nicht bekannt . . .

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"… und so verkünde ich euch Maikäfern, dass ihr auf Befehl des Bischofs dieses Feld sofort verlassen müsst! Sonst kommt ihr vor Gericht!" Mit solchen Drohungen versuchten Menschen im Mittelalter lästige Krabbeltiere loszuwerden

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Seit 2004 kann man in Deutschland außerdem den Beruf des Schädlingsbekämpfers erlernen: Die Fachleute rücken an, um Kakerlaken zu vertreiben, Wespennester umzusiedeln oder giftige Rattenköder auszulegen. In der Landwirtschaft setzen viele Bauern Gift ein. Die Methode ist meist sehr wirksam – auch in Afrika sind Flugzeuge unterwegs, die die Heuschrecken mit Gift besprühen. Doch diese "chemische Keule" ist umstritten: Manchmal werden so auch nützliche Tiere getötet, etwa Bienen oder Igel. Im schlimmsten Fall können auch Menschen krank werden, wenn das Gift in ihre Nahrung gerät! Andere Bauern bekämpfen die Schädlinge lieber mit pflanzlichen Giften oder ganz ohne Chemie: Sie pflanzen zum Beispiel Hecken, in denen sich nützliche Tiere wie Igel oder Marienkäfer ansiedeln – die sich mit Wonne auf Käfer oder Blattläuse stürzen.

Seit kurzer Zeit wird sogar Gentechnik gegen manche Tiere eingesetzt: So haben Forscher das Erbmaterial von Raps derart verändert, dass die Pflanzen ein Eiweiß erzeugen, das für Käfer und Läuse giftig ist. Auch diese Methode hat viele Gegner – denn niemand kann mit Sicherheit sagen, ob die Pflanzen nicht auch für Menschen auf Dauer schädlich sein können.

Ein Ende der tierischen Plagen ist also nicht in Sicht. Vor allem auch deshalb nicht, weil der Mensch es tatsächlich immer wieder schafft, neue Katastrophen in die Welt zu setzen! Etwa in Australien. Dort wurden vor 70 Jahren rund 100 Aga-Kröten aus Hawaii angesiedelt: fette Hüpfer, rund ein Kilogramm schwer und bis zu 25 Zentimeter lang, mit Giftdrüsen am Kopf, aus denen sie zwei Meter weit spritzen können. Die Kröten sollten in Zuckerrohrfeldern Käfer fressen – sie verputzten aber lieber Vögel, Insekten, Eidechsen. Und breiteten sich immer weiter aus. Die Aga-Kröten selbst sind so giftig, dass sogar Krokodile starben, die versuchten, eine zu fressen. Mittlerweile sind aus den 100 Tieren rund 100 Millionen geworden. Die Regierung hat bereits Unsummen ausgegeben, um Mittel gegen die Giftspritzer zu finden. Vergeblich. Kürzlich boten die Politiker sogar Tüftlern 15 000 Dollar für die beste Krötenfalle. Gewonnen hat eine einfache Plattform mit Falltüren. Wirklich genützt hat sie allerdings – gar nichts.

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Euch kriege ich schon! Arbeit gibt es für Schädlingsbekämpfer genug.

PFUI SPINNE! ABER WIESO EIGENTLICH?

Spinnen haben es nicht leicht: Fast niemand mag sie, manche Menschen bekommen gar Herzrasen beim Anblick der Achtbeiner. Dabei sind fast alle Spinnen hierzulande völlig harmlos. Warum also diese Panik?

Eine Antwort lautet: Die Spinnenangst steckt wahrscheinlich seit Millionen Jahren im Menschen. Unsere Vorfahren zogen damals durch Afrikas Steppe, wo tatsächlich tödliche Spinnen lauerten. Wer sich nicht fürchtete, wurde eher gebissen und starb. Die ängstlicheren Menschen überlebten. Und gaben ihr Verhalten an ihre Kinder weiter. Auch heute spielt das Vorbild der Eltern eine wichtige Rolle. Wenn Mutter oder Vater vor jeder Spinne zittern, fürchten sich automatisch auch die Kinder.

Wenn ihr also demnächst einer Spinne begegnet: ruhig bleiben! Und immer dran denken: Allein in Deutschland vertilgen die Jäger jährlich mehrere Millionen Tonnen Insekten. Gäbe es sie nicht, stünden wir irgendwann knöcheltief in Fliegen, Mücken oder Motten. Und das wäre dann wirklich gruselig.

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