Greenpeace: Eine Dusche für die Walfänger

Japanische Walfänger töten jedes Jahr Hunderte Zwergwale. Angeblich, um die Tiere zu erforschen. Zwei Greenpeace-Schiffe sind den Jägern gefolgt, um sie bei ihrer blutigen Arbeit zu behindern. Mit dabei: Schlauchboot-Fahrerin Regine Frerichs
In diesem Artikel
Sterben im 20- Minuten-Takt
Todesmutige Umweltschützer
Die Tiere sterben langsam

Der Ozean scheint seit Tagen schlecht gelaunt zu sein. Der Wind tobt mit Stärke acht bis zehn über das Südpolarmeer und lässt einen Wellenriesen nach dem anderen auf das Deck der "Arctic Sunrise" krachen. Wie eine Schaukel schwingt das Greenpeace- Schiff von links nach rechts und kippt dabei so weit zur Seite, dass in der Bordküche Geschirr und Vorräte aus den Schränken fallen.

Regine Frerichs beobachtet das rasende Meer von der Kommandobrücke aus. Vor mehr als zwei Wochen hat die 45-jährige Hamburgerin zum letzten Mal ein fremdes Schiff gesehen. Seitdem scheint es, als kämpften sich die "Arctic Sunrise" und ihr Partnerschiff, die "Esperanza", allein durch die eisige See. Doch der Eindruck täuscht. Stimmen Frerichs’ Informationen, färbt sich hinter dem Horizont das Wasser blutrot. Denn dort, mitten im internationalen Schutzgebiet, macht eine japanische Flotte Jagd auf Wale!

Vermeintliche Forscher liefern Walfleisch an Supermärkte

Über 900 Zwergwale und zehn Finnwale wollen die Japaner in diesem antarktischen Sommer erlegen. Angeblich, um an den toten Tieren zu forschen, denn nur dann erlauben Gesetze den Abschuss. "In Wirklichkeit landet das Walfleisch in den Tiefkühltruhen japanischer Supermärkte", sagt Regine Frerichs. Kunden zahlten bis vor kurzem umgerechnet bis zu 300 Dollar für ein Kilogramm! Ein Geschäft, bei dem niemanden interessiert, dass die meisten Walarten vom Aussterben bedroht sind.

Diese kaltblütige Jagd macht Regine Frerichs sprachlos. Wale aus Geldgier zu töten, ist ein Verbrechen, glaubt die Ausbilderin für Schlauchboot-Fahrer. Als Greenpeace im Sommer 2005 Freiwillige suchte, die den Wilderern ins Handwerk pfuschen sollten, sagte sie zu – ohne zu ahnen, welch grausame Erlebnisse in den Gewässern südlich von Tasmanien auf sie und ihre 56 Mitstreiter warten.

Sterben im 20- Minuten-Takt

Das Hubschrauber-Team der "Esperanza" entdeckt die japanischen Räuber als Erstes. Drei kleinere Fangschiffe und das Fabrikschiff "Nisshin Maru" lauern am 21. Dezember 2005 kurz vor der Treibeisgrenze: einem Tummelplatz der Zwergwale. Die sterben hier im 20- Minuten-Takt! Jedes Fangschiff trägt vorn am Bug eine Harpune. Verhakt sich das Geschoss in einem Wal, wird das Tier herangezogen, kopfüber an den Schiffsrumpf gekettet und zum Fabrikschiff gefahren. Dort übergeben die Jäger ihre Beute, die sofort zerlegt, portionsweise verpackt und tiefgekühlt wird.

Der Funkspruch der Hubschrauber- Crew ist das Startsignal. Auf diesen Moment hat Regine Frerichs gewartet. Die Schlauchboote sind klar, Fahrer und Crew eingeteilt, die Überlebensanzüge liegen bereit. Dann preschen acht Schlauchboote neben den Fängern her. Regine Frerichs steuert eines der Boote. Und sieht, wie einer der japanischen Harpunierer auf den nächsten Wal zielt. "Es gibt zwei Taktiken, die Jagd zu stören. Man kann versuchen, den Wal zu retten, indem man in die Schusslinie der Harpune fährt, dem Schützen die Sicht nimmt und dem Tier so die Chance gibt, unter ein Eisfeld wegzutauchen. Die zweite Möglichkeit ist, sich zwischen Fang und Fabrikschiff zu zwängen, wenn der Wal übergeben wird. Auch das kostet Zeit, die den Jägern später fehlt, um noch mehr Tiere zu töten", sagt Regine Frerichs.

Todesmutige Umweltschützer

Zunächst aber wollen die Umweltschützer nur demonstrieren. Doch was als Protestfahrt geplant ist, verstehen die Japaner als Kriegserklärung. Eines ihrer Fangschiffe rammt die "Esperanza". In den steilen Heckwellen überschlägt sich ein Greenpeace-Schlauchboot. Einer anderen Crew gelingt es, ihr Boot zwischen Fang- und Fabrikschiff zu bringen und sich an das Schleppseil zu hängen, mit dem gerade ein Wal auf die "Nisshin Maru" gezogen wird.

Keine gute Idee! Denn das Seil reißt das Schlauchboot plötzlich rückwärts mit. Es wird an den Rumpf des Fangschiffes gedrückt und von den Japanern aus allen Richtungen mit Wasserfontänen beschossen. In Sekundenschnelle läuft das Boot voll. Der Motor fällt aus. Und von oben schlagen Walfänger mit Bootshaken auf die Crew ein. Nur durch ein Wunder wird niemand ernsthaft verletzt. Der Schreck aber sitzt tief!

Und trotzdem: Als die japanischen Walspäher am nächsten Morgen wieder in den Ausguck steigen, wirft auch Regine Frerichs den Schlauchbootsmotor an. Diesmal wollen die Umweltschützer ihre wirkungsvollste Waffe einsetzen: den Sprühnebel. Er entsteht durch eine Wasserfontäne, die am Schlauchboot-Heck etwa zehn Meter hoch in die Luft schießt. Regine Frerichs: "Mit dem Nebel nehmen wir den Spähern und Schützen nicht nur die Sicht, wir machen sie auch richtig nass, lenken sie ab und gewinnen so wieder Zeit."

An einem Fangtag zählt jede Sekunde! Je länger die Jagd auf einen einzelnen Wal dauert, desto weniger Tiere müssen insgesamt sterben. "Normalerweise braucht ein Fangschiff etwa 20 Minuten, um einen Wal zu erlegen. Uns ist es gelungen, den Abschuss auf bis zu drei Stunden hinauszuzögern", erzählt die Steuerfrau.

Irgendwann kommt es aber doch – das Handzeichen "Wal in Sicht". Während der Harpunierer jetzt eine Granate auf die Lanzenspitze schraubt, gibt Regine Frerichs Gas und positioniert ihr Boot zwischen Wal und Fangschiff. "Die Tiere merken sofort, dass sie gejagt werden. Sie werden schneller, springen beim Luftholen panisch aus dem Wasser und versuchen zu fliehen", berichtet die Umweltschützerin.

Die Tiere sterben langsam

Doch nach wenigen Minuten ermüden die Riesen. Die Verfolger kommen näher, der Schütze zielt – und ein dumpfer, trockener Knall besiegelt das Ende. "Wenn die Harpune den Wal trifft und die Granate explodiert, spürt man die Schallwellen bis in den Magen", beschreibt Regine Frerichs einen Abschuss. Sofort tot sind aber nur die wenigsten Tiere. "Die Wale versuchen abzutauchen oder schlagen wild um sich. Einer, dem der erste Schuss nur den Rücken aufriss, quälte sich eine halbe Stunde lang. Es ist unvorstellbar, wie langsam diese großen Tiere sterben ...", sagt die Aktivistin, dann schweigt sie. Für die Grausamkeit, die sie und ihr Team mit angesehen haben, gibt es keine Worte. Auch nicht für den Augenblick, in dem Regine Frerichs nur mit Glück dem Tod entwischt. Die Deutsche und ihre zwei Crew-Mitglieder schirmen gerade ein Jungtier ab, da saust die Harpune wenige Armlängen neben ihnen ins Meer. Hätte das Geschoss ihr Boot getroffen, wären wohl alle drei ums Leben gekommen. "In solchen Momenten bist du so hochkonzentriert, so aufgeregt und angespannt, dass du keine Angst mehr spürst", berichtet Regine Frerichs.

Die Tränen fließen später, wenn die Jäger Feierabend machen und die Umweltschützer an Deck der „Arctic Sunrise“ wie betäubt in den Sonnenuntergang starren. Die sterbenden Wale, das blutrote Wasser, die Schläge der Walfänger – all das hat das Greenpeace-Kamerateam gefilmt und fotografiert. Die Bilder gehen noch am selben Tag um die Welt und rütteln die Menschen wach.

Erfolg für Greenpeace

In Japan etwa bleiben plötzlich die Walfleisch-Verkäufer auf ihrer Ware sitzen. Und Geschäftspartner der japanischen Fischfirma Nissui drohen, die Verträge zu kündigen, wenn Nissui weiterhin Wale jagt. Das Unternehmen verkauft daraufhin seine Anteile an der Fangflotte. Ein Riesenerfolg für Greenpeace! Regine Frerichs’ Einsatz endete nach zweieinhalb Monaten auf See. Heute sagt sie: "935 Wale wollten die Japaner töten, 853 haben sie geschafft. Wir konnten also 82 Tieren das Leben retten – allein dafür hat sich der Einsatz gelohnt."

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