Die Reise der Grauwale

Von der Arktis nach Mexiko und zurück: Grauwale legen jedes Jahr bis zu 20.000 Kilometer zurück. Damit halten sie den Langstreckenrekord unter den Säugetieren! Von ihren Nahrungsgründen im Nordpolarmeer wandern sie zu den warmen Lagunen Mexikos, wo sie ihre Jungen aufziehen
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Grauwal-Kälbchen werden hin und wieder Opfer von Killerwalen

Wer beobachtet hier wen? Ganz nah ist das Grauwalkalb an das Boot der Touristen herangeschwommen. Es hat sich auf die Seite gedreht, und sein großes Auge lugt neugierig aus dem Wasser. Von einem der Männer im Boot lässt sich der Meeressäuger sogar streicheln. Noch ein Stupser mit der Nase, dann dreht er ab und kehrt eilig zu seiner Mutter zurück. Die dümpelt nicht weit entfernt gemütlich im warmen Wasser der Lagune.

Mit ihrer Ruhe ist es nun vorbei. Der junge Wal hat Hunger! Um an die Milch zu kommen, taucht er unter den massigen Bauch seiner Mutter. Hier liegen die Zitzen in einer Hautfalte versteckt. Die Walmilch enthält gut zwölf Mal so viel Fett wie die Milch von einer Kuh. Satte dreißig Kilo nimmt der kleine Grauwal jeden Tag an Gewicht zu. Er muss schnell Kraft tanken und sich eine wärmende Speckschicht anfuttern. Denn ihm steht eine lange Reise in die kalten Gewässer des Nordpolarmeeres bevor.

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Am Ende der langen Wanderung warten leckere Krebstierchen

Fast drei Monate lang hat das Walkalb im warmen Wasser der Magdalena Bay vor der mexikanischen Küste gespielt, getrunken und Schwimmen geübt. Drei Monate, in denen seine Mutter kaum etwas gefressen hat. Nun ist sie hungrig. Es ist Zeit, die Kinderstube zu verlassen und die lange Wanderung nach Norden anzutreten. Dort wartet Nahrung im Überfluss: Tonnenweise winzige Krebstierchen, die Lieblingsspeise der Grauwale. Dafür ist ihnen kein Weg zu weit!

Über 12 000 Kilometer müssen die Grauwale auf ihrer Reise zurücklegen. Langstreckenrekord unter den Säugetieren! Insbesondere für die Kälber ist der weite Weg ganz schön anstrengend. Doch wenn ein kleiner Wal vom vielen Schwimmen allzu müde geworden ist, nimmt er einfach auf dem breiten Rücken der Mutter Platz und gönnt sich eine kleine Verschnaufpause.

Grauwal-Kälbchen werden hin und wieder Opfer von Killerwalen

Die Tiere sind viele Wochen unterwegs. Die meiste Zeit über schwimmen sie ganz in der Nähe der Küste des nordamerikanischen Kontinents. Hier laufen sie weniger Gefahr, von Haien oder Schwertwalen angegriffen zu werden. Zwar würden sich die Räuber nicht an einen ausgewachsenen Grauwal heranwagen – der misst immerhin gut vierzehn Meter und bringt bis zu vierzig Tonnen auf die Waage –, doch Grauwal-Kälbchen sind eine willkommene Abwechslung auf ihrem Speiseplan.

Das Walkalb und seine Mutter haben es geschafft. Zusammen mit einer Gruppe von sechs weiteren Tieren sind sie sicher am Ziel ihrer Reise angekommen. Nun beginnt für die Walkühe das große Schlemmen: Die Bering-See zwischen Alaska und Sibirien ist ein Schlaraffenland für Grauwale! Im Sommer steht die Sonne fast rund um die Uhr hoch am Himmel. Unter ihrem Licht explodiert im Meer das Leben. Wolken aus Plankton und Millionen kleine Krebstierchen erscheinen wie aus dem Nichts. Über eine Tonne der winzigen Kreaturen verputzt ein ausgewachsener Wal am Tag.

Die Barten von Grauwalen funktionieren wie ein Sieb

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Grauwale haben eine einzigartige Fresstechnik entwickelt: Sie pflügen den Meeresgrund mit ihren Schnauzen und wirbeln alles auf, was dort unten keucht und fleucht. Danach nehmen sie einen großen Schluck von der sandigen Brühe in ihr Maul. Grauwale gehören zu den Bartenwalen. Anstelle von Zähnen hängen ihnen hornige Platten vom Gaumen herab: Barten. Die sind am Ende zerfasert und funktionieren wie ein Sieb. Mit der Zunge pressen die Wale die Brühe an ihnen vorbei aus dem Maul. Winzige Krebse und andere Leckerbissen bleiben in den Barten hängen und müssen nur noch abgeleckt werden. Lecker!

Fünf Monate lang werden sich die Meeressäuger nun den Bauch voll schlagen. 180 000 Kilo Krebstierchen wird jeder einzelne von ihnen in dieser Zeit verputzen und sich eine ordentliche Speckschicht zulegen. Das ist auch nötig. Denn wenn die Tage in der Arktis im Herbst wieder kürzer werden und der Nahrungsüberfluss langsam zur Neige geht, wissen die Grauwale, dass es Zeit wird aufzubrechen. Dann werden sie die Nahrungsgründe in der Bering-See verlassen und ihre lange Wanderung zurück zu den warmen Lagunen im Süden beginnt.

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