Die Erde unter Beobachtung

Nie zuvor gab es so genaue Satellitenbilder der Erde. Sie zeigen die Schönheit unseres Heimatplaneten – aber auch, wie sehr ihn die Menschen verändert haben. Der Astronaut Thomas Reiter im Gespräch mit GEOlino-Redakteurin Katharina Beckmann.
In diesem Artikel
Sie flunkern.

Herr Reiter, was wollten Sie mit zehn Jahren werden?

Astronaut!

Sie flunkern.

Nein, das stimmt wirklich. Ich habe mich schon damals für alles, was es zum Thema Raumfahrt gab, interessiert. Ich habe mit Freunden Raketenmodelle im Garten gebaut und die Mondlandung des Astronauten Neal Armstrong habe ich natürlich am Fernseher verfolgt. Das fand ja mitten in der Nacht statt. Ich bin zu unseren Nachbarn gelaufen, die als Erste in der Straße einen Farbfernseher hatten. Dort habe ich das Ganze mit bleiernden Augenlidern und riesiger Begeisterung verfolgt. Ich stellte mir das so unglaublich vor, unseren Planeten verlassen und dabei vom Himmel auf die Erde gucken zu können.

Neal Armstrong war ihr Vorbild?

Absolut. Ich habe ihm sogar noch einen Brief geschrieben, in dem ich ihn darum bat, mir eines seiner Missionsabzeichen zu schenken.

Haben Sie eine Antwort bekommen?

Ja – allerdings erst, als ich dann selbst Astronaut war und 1995 zur russischen Raumstation MIR flog. Da kam plötzlich ein Fax im Orbit an, mit guten Grüßen von Neal Armstrong!

Und wie war es dann tatsächlich, von dort oben auf unseren Planeten zu blicken?

Zunächst war kaum Zeit, um den Ausblick zu genießen. Als wir in der Station ankamen, dachte ich zuerst: Hier ist es ja unordentlich! In so einer Weltraumstation benötigt man sehr viel technisches Gerät, das an den Wänden, der Decke und auf dem Boden verstaut ist. Gelegentlich verschlingen sich die Kabel in der Schwerelosigkeit. Aber dann hatte ich die erste Gelegenheit, durch eines der Bullaugen der Station zu schauen. Die haben gerade mal einen Durchmesser von 28 Zentimeter – man hat also keinen Riesen-Ausblick. Aber dieses Wenige war schon umwerfend: Da sieht man dann plötzlich die Erdkugel, die von einer Wolkenschicht wie in Watte gepackt- und von einer wunderschön blauen Atmosphäre umgeben ist. Oder man guckt von der Nachtseite des Orbits auf die Sternenbilder oder die Milchstraße.

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Astronaut Thomas Reiter bei einer Expedition im Weltraum mit der STS-121 Mannschaft im Weltraumschiff Discovery

Kann man von dort oben auch Landschaften oder einzelne Länder erkennen?

Und ob! Vor allem während der Außenbordeinsätze, wenn man sich quasi frei im Orbit bewegt. In 90 Minuten hat man die Erde umrundet – und währenddessen einen wahnsinnig guten Blick darauf.

Europa kann man besonders gut nachts erkennen. Die Umrisse des Kontinents sind durch die Straßenbeleuchtungen an den Küsten auszumachen. Auch riesige Städte wie New York oder Tokio erkennt man leicht an ihren Abertausend Lichtern. Und dann sind da die Wüsten: dieser leuchtend orangefarbene Sand des australischen Outbacks. Aus dem Weltraum betrachtet, sind gerade die Wüsten voller Farben und Formen – da kann man sich gar nicht vorstellen, dass diese Regionen so lebensfeindlich und gefährlich sein sind. Oder der Regenwald: Der gleicht einem schwarzgrün gefärbten Ozean, durch den sich Flüsschen wie Spaghetti ziehen

Sie waren 1995 als Astronaut im Weltraum und elf Jahre später, 2006, noch einmal. Hat sich das Gesicht der Welt in dieser Zeit verändert?

Ja, an den südamerikanischen Regenwäldern konnte ich das am besten erkennen. Diese Wälder sind noch immer gigantisch groß. Aber an immer mehr Stellen konnte ich Schneisen sehen: rot gefärbter Lehmboden, auf dem kein Baum mehr steht. Diese Rodungsflächen sehen aus wie Wunden, die man dem Wald zugefügt hat. Ich habe auch Städte gesehen, die aufgegangen sind wie ein Hefeklops.

Hatten Sie am Ende ihrer Missionen überhaupt noch Lust, auf die Erde zurückzukehren?

Oh doch! Wenn man so lange aus etwa 360 Kilometer Höhe auf Wälder schaut, dann hat man schon irgendwann den Wunsch, wieder einen Baum von unten zu sehen und durch einen Wald zu streifen. Und man freut sich auf Luft, die nach Natur riecht. Denn in den Weltraumstationen riecht es stets wie in einem Raum, in dem viele Computer und Drucker stehen.

Haben Sie mittlerweile wieder Fernweh nach dem Weltraum?

Ja! Das wird auch nie vergehen. Denn dieser Blick auf die Erde, der sich einem von dort oben bietet, ist so ungewöhnlich und so überwältigend schön! Ich habe mich darum ständig gefragt, ob das jetzt Wirklichkeit ist – oder alles nur ein Traum. Aber – ein Glück – ist es wahr.

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