Eichhörnchen: Bald nur noch mit grauem Pelz?

Gegen seine Fressfeinde weiß sich das Eichhörnchen mit List zu wehren. Doch nun droht Gefahr aus den eigenen Reihen: Von England und Italien aus erobern amerikanische Grauhörnchen die europäischen Baumwipfel
In diesem Artikel
Wilde Verfolgungsjagden
Gefahr aus den eigenen Reihen
Nüsschenjagd
Invasion der Grauhörnchen

Pelzig, possierlich, puschelig: Eichhörnchen stehen in der Beliebtheit der Menschen ganz oben. Mit ihren fingerartigen Zehen und haarigen Ohren erinnern die schreckhaften Nager an kleine Kobolde. Bekommt man sie einmal kurz zu Gesicht, begeistern sie mit tollkühnen Kletterkünsten: Leichtfüßig springen sie von Ast zu Ast, flitzen kopfüber die Baumstämme herunter, sammeln Nüsse in ihren Backentaschen und sind im nächsten Augenblick auch schon wieder im Dickicht verschwunden.

Wilde Verfolgungsjagden

Aufgrund seiner Geschicklichkeit konnte dem Eichhörnchen bislang kein anderes Tier wirklich gefährlich werden: Selbst sein ärgster Fressfeind, der Marder, zieht bei wilden Verfolgungsjagden in den Baumwipfeln am Ende meist den Schwanz ein - besonders dann, wenn sich das Eichhörnchen ganz plötzlich von einem hohen Ast in die Tiefe stürzen lässt. Dem Marder bleibt dann nichts anderes übrig, als zu zuzusehen, wie das Eichhörnchen - seinen Puschelschwanz als Fallschirm benutzend - auf dem Waldboden landet und mit großen Sprüngen keckernd davon setzt.

Auch vor den scharfen Augen und Krallen größerer Greifvögel, wie dem Habicht, kann das Eichhörnchen seinen Pelz meistens retten: Es turnt nämlich ringsherum die Stämme der Bäume hinauf. So gelänge es noch nicht einmal einem Scharfschützen, das flinke Tierchen ins Visier zu bekommen. Warum auch? Das Zusammenleben zwischen Menschen und Eichhörnchen ist sehr friedlich: Inzwischen leben sogar mehr Eichhörnchen in städtischen Grünzonen als in Wäldern.

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Auch das Fell der europäischen Eichhörnchen rangiert von rotbraun bis schwarz: Doch ein Grauhörnchen lässt sich leicht daran erkennen, dass es keine Haarpinsel an den Ohren hat.

Gefahr aus den eigenen Reihen

Dennoch ist die Zukunft des Europäischen Eichhörnchens (Sciurus vulgaris) ungewiss. Denn plötzlich droht ihm Gefahr aus den eigenen Reihen: Der "Wolf im Eichhörnchen-Pelz" ist grau, fast doppelt so groß wie sein europäischer Verwandter und sehr gefräßig. Die Rede ist von dem amerikanischen Übersiedler Sciurus Carolinensis. In England – wo er im 19. Jahrhundert erstmals eine Kralle auf europäischen Boden setzte - gibt es heute kaum noch einheimische Hörnchen. Der Hauptgrund ist, dass über 70 Prozent der eingewanderten Grauhörnchen einen Virus übertragen, gegen den sie zwar selbst immun sind, an dem aber europäische Eichhörnchen innerhalb weniger Wochen sterben.

Nüsschenjagd

Aber auch mit seinem Verhalten macht das Grauhörnchen dem europäischen Ureinwohner das Leben schwer: Das Europäische Eichhörnchen ist ein strikter Einzelgänger, der viel Platz für sich allein beansprucht. Das Grauhörnchen dagegen stört sich nicht an anderer Gesellschaft. Im Gegenteil: Im Herbst macht es sich mit großer Vorliebe über die Wintervorräte seines europäischen Artgenossen her. Denn während sich das Eichhörnchen zu dieser Jahreszeit einer Diät unterzieht und eifrig Haselnüsse für die kalten Wintermonate verbuddelt, frisst sich das Grauhörnchen zur selben Zeit eine Fettschicht an und sucht sich dann ein warmes Plätzchen für den Winterschlaf. Das Eichhörnchen aber kann nicht auf Vorrat fressen und ist im Winter auf seine zurückgelegten Bodenschätze angewiesen. Keine guten Vorraussetzungen also für eine harmonische Wohngemeinschaft in den Baumwipfeln.

Invasion der Grauhörnchen

Grauhörnchen haben sich inzwischen nicht nur in England breit gemacht. Sie sind schon bis nach Italien vorgedrungen. Auf ihren Wanderungen durchschwimmen die zähen Nager sogar große Flüsse. Da sich die Grauhörnchen mit zwei Würfen pro Jahr vermehren, erfolgt ihre Ausbreitung sehr schnell. Fachleute glauben, dass sie in etwa 20 Jahren auch in Deutschland ankommen werden.

Unter Tierschützern tobt deshalb gerade eine hitzige Debatte darüber, wie die Invasion der Grauhörnchen aufzuhalten ist. In England wurden die Grauhörnchen beinahe umsonst mit harten Mitteln bekämpft: Dazu zählten zum Beispiel Fallen und Gifte. Außerdem wurde in den 50er Jahren für jedes erlegte Grauhörnchen ein Kopfgeld gezahlt. Millionen von Grauhörnchen liefen den englischen Jägern vor die Flinte – dem einheimischen Eichhörnchen hat auch das nichts genützt. Mit großem Aufwand versuchen die Briten nun, die letzten Exemplare in Schutzgebieten zu retten. Eine wirksamere Methode, das Aussterben der Eichhörnchen auf dem Europäischen Festland zu verhindern, könnte deshalb die Impfung gegen die Grauhörnchen-Pocken sein. Doch der Impfstoff dafür muss erst noch erfunden werden.

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