Schaltjahr Moby Dick im Rhein

Flussdelfine leben eigentlich in Südamerika. Vor 50 Jahren jedoch taucht plötzlich ein weißer Wal im Rhein auf! Viele sind begeistert von "Moby Dick". Ein Zoodirektor aber macht Jagd auf das Tier…

Ein Frühlingsmorgen im Mai 1966. Gemächlich schiebt sich das Tankschiff "Melani" den Rhein hinauf. Die Flussschiffer Bernd Albrecht und Willi Dethlevs lehnen an der Reling und genießen die warmen Sonnenstrahlen. Doch da - plötzlich - taucht zwischen den Wellen etwas auf. Etwas Großes! Etwas Weißes!

Den Männern bleibt die Spucke weg. Sie rennen zum Funkgerät und melden der Wasserschutzpolizei: "Hier schwimmt ein Ungeheuer!" Die Polizisten lassen nicht lange auf sich warten – und bitten die beiden Schiffer zum Alkoholtest. Bis sie das Wesen mit eigenen Augen sehen.

"Mann, is det een Wurm!" Der Duisburger Zoodirektor Wolfgang Gewalt, den die Wasserschutzpolizei zum Rhein beordert hat, ist begeistert. Schließlich erkennt er sofort, womit er es hier zu tun hat: Im Rhein schwimmt ein Beluga, ein Weißwal!

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Die beiden Schiffer trauen ihren Augen nicht: Mitten im Rhein schwimmt ein Beluga

Jagd auf "Moby Dick"

Der Direktor reibt sich die Hände. Sein Zoo hat vor Kurzem das erste Delfinarium Deutschlands eröffnet. Da kommt ihm der Beluga gerade recht! "Im dreckigen Rhein kann es der Wal sowieso nicht lange aushalten!", glaubt der Zoologe.

Jetzt berichten auch Zeitungen und das Fernsehen über den merkwürdigen Gast im Fluss. Schaulustige drängeln sich am Ufer und bestaunen "Moby Dick", wie er bald genannt wird. Alle rätseln: Wie kommt der Beluga bloß in den Rhein?

Eigentlich sollte sich das rund vier Meter lange, schneeweiße Tier mit Artgenossen im Polarmeer tummeln und nicht allein im vergleichsweise warmen Süßwasser schwimmen. Doch dann stellt sich heraus: Moby Dick ist ausgebüxt! Das vor Kanada gefangene Tier war mit einem Frachtschiff unterwegs zu einem Zoo in England.

Im Ärmelkanal vor der englischen Küste hatte ein Sturm den Frachter zum Kentern gebracht. Der Beluga war entkommen und ausgerechnet den Rhein hinaufgeschwommen. Anscheinend hatte ihm der Unfall die Orientierung geraubt.

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Der Zoodirektor will den Wal für sein Delfinarium fangen. Doch Tierschützer stören die Waljagd mit Helikoptern

Zoodirektor Wolfgang Gewalt macht Jagd auf den Wal

Im Fluss, so viel ist klar, kann sich der Beluga von den Ereignissen nicht erholen. Denn Wolfgang Gewalt plant die Jagd auf Moby Dick. Aus zig Netzen eines Duisburger Tennisklubs lässt er ein Treibnetz knoten. Damit drängen seine Helfer den Beluga von Polizeibooten aus in den Duisburger Hafen. Doch der Wal entwischt zurück in den Fluss. Was den Zoodirektor ärgert. Kurzerhand schießt er mit einer Betäubungspistole auf den Meeressäuger. Pech für den Mann, dass das Schlafmittel das Tier nicht umhaut…

Doch der Zoodirektor gibt nicht auf. Lässt einen Mitarbeiter mit Pfeil und Bogen ran, um dem Beluga eine Boje anzuhängen – wieder ohne Erfolg. Gewalt ruft immer neue Schiffe herbei: drei Landungs- und zwei Schnellboote der Bundeswehr, dazu noch mehr Boote der Wasserschutzpolizei und der Feuerwehr. Doch alles vergebens. Mal taucht der Wal in ein Baggerloch ab, mal ist er einfach schneller als seine Verfolger.

Inzwischen ist Moby Dick längst zum Liebling der Deutschen geworden und hat zahlreiche Fans. Es gibt sogar ein Lied über ihn, das im Radio gespielt wird. Für die Waljäger dagegen hagelt es Beschimpfungen: "Verhaftet Wolfgang Gewalt!", titelt die "Bild"-Zeitung. Tierschützer mieten sich einen Hubschrauber und bombardieren die Walfänger mit Orangen. Der Zoodirektor lässt trotzdem noch nicht locker und beschießt den Wal erneut mit Narkosemitteln.

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Als der Wal am Bundeshaus der damaligen westdeutschen Hauptstadt Bonn vorbeischwimmt, stürmen alle zum Fluss

Plötzlich ist der Beluga verschwunden. Gerüchte machen die Runde, er sei in die Niederlande abgehauen. Dass er in Wirklichkeit auf dem Weg Richtung Bonn ist, ahnen weder seine Fans noch die Jäger. Kaum später aber taucht er vor dem Ufer der damaligen westdeutschen Hauptstadt auf und schwimmt seelenruhig am Bundeshaus vorbei.

Die wichtige Pressekonferenz dort interessiert plötzlich niemanden mehr. Politiker, Journalisten, Saaldiener: Alle rennen nach draußen und wollen den Wal sehen! Es ist Moby Dicks letzte große Show in Deutschland. Nach seinem „Auftritt“ in Bonn macht er kehrt und schwimmt schnurstracks den Rhein hinab nach Holland. Den Zoodirektor muss er nicht mehr fürchten. Dem hat die Wal-Hatz so viel Ärger eingebracht, dass er das Tier ziehen lässt.

Am 16. Juni wird der Beluga noch einmal am Unterlauf des Rheins in Hoek van Holland gesichtet. Dann verschwindet Moby Dick für immer ins offene Meer.

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