Wölfe Wölfe - Die Rückkehr der Räuber

Über 110 Jahre lang waren Wölfe hierzulande ausgestorben. Nun breiten sich die wilden Verwandten der Hunde wieder in Deutschland aus. Allein durch die Lausitz streifen schon 14 Wolfsfamilien. Tierforscher und -schützer sind begeistert, manche Menschen jedoch haben Angst. Zu Unrecht. Denn die Raubtiere sind viel harmloser als ihr Ruf

Zugegeben: Als ich zum ersten Mal von Wölfen in Deutschland gehört habe, war mir schon ein bisschen mulmig. Es kam vor, dass ich durch den Wald joggte und mir plötzlich vorstellte, wie hinter einem Baum ein wildes Tier hervorspringen würde - mit gefletschten Zähnen, die noch gefährlicher aussehen als die von dem Hund, der mich im vergangenen Urlaub gebissen hat ... "Viele Menschen haben noch das Bild vom bösen Wolf aus dem Märchen im Kopf", sagt Vanessa Ludwig. "Aber das ist falsch. Wölfe sind scheu. Sie gehen Menschen aus dem Weg, wenn sie sie bemerken." Vanessa Ludwig ist in den vergangenen Jahren zur Spezialistin für die Raubtiere geworden.

Die Biologin arbeitet im Kontaktbüro der "Wolfsregion Lausitz" und klärt die Menschen über die wilden Tiere auf. In der Lausitz leben heute nämlich mehr Wölfe als irgendwo sonst in Deutschland. Bereits 1996 wurde dort der erste Räuber gesehen, der auf leisen Pfoten aus Polen über die Grenze gehatschlichen kam. Die Gegend mit ihren Tagebauen, den sandigen Böden und Kiefernwäldern gefiel auch den nachfolgenden Wölfen so gut, dass sie blieben und Nachwuchs bekamen. Im Jahr 2000 wurde das erste Rudel gesichtet: ein Paar und vier Welpen. Fünf Jahre später kam ein zweites hinzu. Dann ging es immer schneller: Mittlerweile streifen schon 14 Wolfsfamilien durch die Lausitz! So viele, dass die jungen Wölfe weiterwanderten, um eigene Jagdreviere zu finden: in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen. In 2012 wurde einer der Einwanderer schon nordöstlich von Hamburg gesehen!

Wölfe - Die Rückkehr der Räuber

Der erste Grauwolf wandert im Jahr 1996 aus Polen ein. Im Juli 2013 leben in Deutschland bereits 24 Rudel und drei Einzeltiere. Mehr als die Hälfte von ihnen haben ihre Jagdreviere in der Lausitz

Der Wolf - ein Heimkehrer

Aber was heißt hier eigentlich Einwanderer? Man könnte genauso gut sagen: Heimkehrer. Denn lange waren die wilden Verwandten unserer Hunde hierzulande so normal wie Hirsche. Noch im Mittelalter lebten sie ganz selbstverständlich in der Nähe der Menschen. Auch wenn die sich oft darüber ärgerten. Denn die Wölfe verspeisten nicht nur Wild, sondern bisweilen auch das Vieh der Bauern. Deshalb jagten die Menschen die Tiere, bis sie vor etwa 110 Jahren in Deutschland ausgerottet waren. Inzwischen ist die Stimmung den Wölfen gegenüber freundlicher. In den Gemeinden der Lausitz gibt es Fachleute, die sich mit den Tieren auskennen. Forscher untersuchen das Verhalten der Wölfe. Ja, es gibt sogar regelrechte Wolfs-Fans, die in ihrer Freizeit nach Spuren fahnden. "Wir haben Touristen aus den Niederlanden und Dänemark, die extra herkommen, um Wölfe zu sehen", erzählt Vanessa Ludwig. Wobei das leichter gesagt ist als getan. Denn Wölfe sind Heimlichtuer. Am Tag verstecken sie sich. Nur nachts streifen sie durchs Unterholz, und für Menschen haben sie wenig übrig. Vanessa Ludwig und ihre Kollegen müssen deshalb alle Informationen über die Tiere aus Puzzlestücken zusammensetzen: Wenn es Forschern gelingt, einen Wolf zu fangen, statten sie ihn mit einem Peilsender aus. Dann können sie aus dem Signal ablesen, wo das Tier lebt und jagt. Daher wissen sie, dass die Reviere der Rudel in der Lausitz zwischen 150 und 350 Quadratkilometer groß sind. Das entspricht etwa der Größe der Stadt Bremen.

Fisch in Kanada, Wildschwein in Polen

Haben Einwohner an einem Ort einen Wolf entdeckt, stellen Biologen dort oft Fotofallen auf - Kameras, die automatisch ein Bild machen, wenn ein Tier vorbeikommt. Weil die Apparate infrarote Wärmestrahlung aufnehmen, können sie die Wölfe auch nachts fotografieren, ohne sie zu erschrecken. Die meisten Puzzlestücke bekommen die Experten jedoch durch Spuren: Wenn Wanderer Fußabdrücke eines Wolfes auf dem Boden finden. Oder Reste eines Rehs, das er gefressen hat. Auch "Wolfslosungen", also der Kot der Tiere, sind sehr begehrt. Oft hängen in den Haufen Darmzellen des Jägers. Damit können die Forscher im Labor sein Erbgut untersuchen und schauen, mit welchen Wölfen aus der Lausitz oder aus Polen das Tier verwandt ist. Außerdem zeigen die Ausscheidungen, was die Wölfe fressen. Das ist spannend, weil die Raubtiere ihre Ernährung stark an ihre Umgebung anpassen. In Kanada angeln sie gern Fisch, in Polen steht Wildschwein oben auf der Speisekarte. Und in Frankreich, in den Alpen, reißen Wölfe auch Schafe und Ziegen. Im vergangenen Jahr waren es fast 6000. Genau davor haben Schäfer in Deutschland Angst. Viele von ihnen finden deshalb, dass die Raubtiere hierzulande nichts verloren haben.

Wer fürchtet wen?

Tatsächlich entdecken die Biologen in den Ausscheidungen der Lausitzer Wölfe auch schon mal Überreste von Schafen. Allerdings selten. Schafe machen nicht einmal ein Prozent der Wolfsnahrung aus. Viel öfter verspeisen die Räuber Rehe (die mehr als die Hälfte des Futters ausmachen), Hirsche und Wildschweine. Doch damit der Ärger der Schäfer nicht zu groß wird, zahlt ihnen das Land Sachsen für jedes gerissene Schaf eine Entschädigung, und Fachleute geben Tipps, wie Herden geschützt werden können: Zum Beispiel lassen sich die Wölfe durch Hütehunde oder Elektrozäune abschrecken. Wölfe zu fangen oder zu töten ist hingegen streng verboten, denn die Räuber stehen unter Naturschutz. Schwer genug haben es die Tiere sowieso noch: Manchmal stecken sie sich bei Hunden mit Krankheiten an. Einige Wölfe werden trotz des Verbots erschossen. Und auch an Züge und Autos sind die Tiere nicht gewöhnt: Bis zum vergangenen Jahr wurden allein in der Lausitz 22 Wölfe überfahren. Wenn sich also einer in Deutschland fürchten muss, dann wohl nicht der Mensch. Eher der Wolf.

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