Die erste Begegnung

An einem schönen warmen Abend im Mai tauchen vor der Forstwirtin Anna plötzlich zwei große Ohren und ein kleiner runder Kopf aus dem Gras auf: Ein Jungfuchs! Dieser Moment ist der Beginn einer besonderen Freundschaft zwischen Anna, Förster Klaus und dem jungen Fuchs.

Immer öfter treffen die beiden auf den neugierigen Fuchs im Wald, Treffpunkt: der Holzstapel an einer Wegbiegung. Sie beschließen bald, dem Fuchs einen Namen zu geben: Sophie.

Gemeinsame Ausflüge im Fuchsalltag

Bald schon begleitet Sophie die beiden begeistert auf ihren Streifzügen durch den Wald und lernt, Anna und Klaus an einer bestimmten Melodie zu erkennen. Sobald Anna die Melodie pfeift, kommt Sophie mit wedelndem Schwanz und einem schrillen Winseln herbeigeeilt - die typische Art eines Jungsfuchses, ranghöhere Tiere zu begrüßen.

Im Sommer zeigt Sophie den beiden viele Dinge im Wald, die sie ohne den Fuchs nie wahrgenommen hätten: Anna und Klaus lernen "Sophies Welt" kennen, lernen ihre Körpersprache und erkennen zusehends auch Spuren, Pfade und Hinterlassenschaften anderer Tiere.

Bei den gemeinsamen Spaziergängen bleibt Sophie gern an Brombeersträuchern stehen und zupft vorsichtig die reifen Beeren vom Strauch, im hohen Gras schnappt sie im Sprung nach Insekten und an Regentagen gräbt sie nach Regenwürmern. Bei einer ihrer Futtersuchen entstand auch dieses Foto.

Vorsichtige Annäherung

Eines Tages bringt Klaus seine Kameraausrüstung mit, um die Begegnung mit Sophie zu fotografieren. Skeptisch beobachtet der junge Fuchs zunächst das große Ungetüm, das Klaus aus dem Rucksack hervorholt. Doch schon bald siegt wieder die Neugier und nach anfänglichem Zögern verliert Sophie ihre Scheu vor der Kamera.

Schnell wird klar, dass Tierfotografen vor allem eins brauchen: Geduld. Für ein richtig gutes Bild muss Klaus manchmal tagelang warten, damit Wetter und Licht die richtige Stimmung erzeugen. Und dann muss Sophie natürlich auch noch Lust haben - denn sie bestimmt, wobei sie mitmacht und worauf sie so gar keine Lust hat.

In einem unbeobachteten Moment schnappt der Jungfuchs sich sogar freudig aus einem der Rucksäcke einen Deckel des Kamera-Objektivs und verschwindet damit schleunigst zwischen den Bäumen. Zunächst ägert sich Klaus über eine solche Frechheit - wird dann aber schnell mit tollen Aufnahmen entschädigt..

Eine Freundschaft entsteht

Es ist Herbst geworden und in all den Monaten der gemeinsamen Zeit wird Sophie immer zutraulicher. An sonnigen Tagen ruht sich der Fuchs nun völlig entspannt neben Klaus und Anna aus oder schläft sogar neben ihnen ein.

Doch als Klaus eines Tages die Idee äußert, ein Bild zu machen, wie Sophie an Annas Nasenspitze schleckt, wird der Forstwirtin leicht mulmig zumute. Denn trotz aller Freundschaft darf man nicht vergessen, dass Füchse Wildtiere sind und ihre spitzen Zähne auch ziemliche Verletzungen anrichten können!

Doch Anna fasst sich ein Herz und legt sich bäuchlings auf den schneebedeckten Boden - mit einem Klecks Mayonnaise auf der Nase, weil Sophie den Geschmack so liebt. Vorsichtig nähert sich Sophie und sieht der jungen Frau dabei aufmerksam in die Augen. Annas Herz schlägt ihr dabei bis zum Hals!

Die Schnauze kommt näher und näher... Und dann spürt Anna ein furchtbares Kitzeln auf der Nase - behutsam schleckt Sophie die Mayonnaise von ihrer Nasenspitze ab. Verzweifelt versucht Anna, ein entspanntes Gesicht zu machen - doch schon bald prustet sie los. Aber das Bild ist im Kasten!

Dann heißt es Abschied nehmen

Mitte November fällt der erste Schnee und mit ihm hält auch der Winter Einzug. Sophies Fell ist dichter geworden und über den Herbst hat sich der Fuchs reichlich Winterspeck angefuttert. Immer öfter kommt es nun vor, dass Sophie nicht mehr am gewohnten Treffpunkt erscheint und häufig bleibt sie über mehrere Tage verschwunden.

Sophie wirkt nervös und angespannt, als läge etwas in der Luft. Klaus und Anna ahnen auch, was los ist: Sophie ist in der Pubertät. Im Alter von zehn Monaten werden Füchse geschlechtsreif. Die Paarungszeit beginnt im Dezember und geht bis Mitte Februar.

Am 10. Dezember sehen Anna und Klaus Sophie zum letzten Mal. Hin und wieder finden sie zwar Fuchsspuren im Schnee, doch Sophie bleibt verschwunden. Die meisten Jungfüchse verlassen zum Winteranfang ihr elterliches Territorium, um Inzucht zu vermeiden - so wahrscheinlich auch Sophie.

Aus anfänglicher Wehmut und dem Wunsch, Sophie einmal wiederzusehen, wird bald große Dankbarkeit. Anna und Klaus haben viel von Sophie gelernt, an ihrem Leben teilhaben dürfen und einmalige Momente mit dem Fuchs erlebt. Eine außergewöhnliche Freundschaft!

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