Eine Rosskur für Leca, Snoopy und Co.

Auch Pferde können Bauchschmerzen haben, Zahnweh oder gebrochene Beine. Manchen ist nur noch im Krankenhaus zu helfen. In Hannover steht eine der größten Pferdekliniken Deutschlands. Dort gibt es Spezialfutter, Gipsverbände - und moderne medizinische Geräte, wie man sie auch zur Behandlung von Menschen kennt

"Acht Schrauben müssen wir da wieder rausholen", murmelt Professor Stadler. Vor ihm leuchtet ein Röntgenbild: Es ist Lecas dünnes Fohlenbein, das durch dicke Metallstücke zusammengehalten wird.

Im Operationssaal nebenan schnaubt die echte Leca. 200 Kilogramm bockiges Pferd. "Komm, Muckelchen!", lockt ein Pfleger, doch das Fohlen stemmt seine Beine gegen den Kachelboden. In diese enge Betäubungsbox soll es gehen? Fällt ihm gar nicht ein!

Früher Morgen in der Pferdeklinik Hannover, es riecht nach Mist und Desinfektionsmittel. Neben dem Operationssaal humpelt ein Schimmel mit Gipsbein hin und her, Patienten mit Zahnweh fressen schmatzend Brei. Mit bis zu 50 Pferden ist dies eine der größten Kliniken in Deutschland. Statt Schwestern schlappen Pfleger in Gummistiefeln umher, statt weißer Betten stehen da Boxen mit Stroh.

Zwölf Tierärzte kümmern sich um die Patienten. Olympia-Champions stehen neben Biergäulen und Ponys - Hauptsache, der Besitzer zahlt. Früher waren Pferde in erster Linie Arbeitstiere. Heute sind sie Geldanlage, Liebhaber-Objekt oder Familienmitglieder. Ihren Galopp testet man auf modernen Laufbändern, Krummbeiner bekommen Gesundheits-Hufeisen verpasst. Für Lungentests gibt es Atemmasken, mit denen Pferde wie Raumfahrer aussehen. Solche Apparate werden auch in Krankenhäusern für Menschen verwendet: das Röntgengerät und der Tomograph zum Beispiel, die den Körper durchleuchten. Oder das EKG-Gerät, das Herzfrequenzen misst und anzeigt.

So ein Apparat wartet jetzt im Operationssaal auch auf Leca. Das Fohlen war vor drei Monaten ausgerutscht und hatte sein Ellbogengelenk gebrochen - für viele Pferde ein Todesurteil. Leca aber ist wertvoll für die Zucht, und so hat man ihr eine Metallplatte eingesetzt. Die muss jetzt allerdings wieder raus. Zum Trost ist Lecas Mutter Cassandra mit ins Krankenhaus gekommen, und die trippelt jetzt neben ihrem Fohlen auf und ab.

Lecas Narkosespritze beginnt zu wirken: Sie knickt ein und fällt weich in der Betäubungsbox um. Sssssrrrrrr - der Lastkran surrt heran und hievt das Fohlen an den Beinen in die Höhe. Der Kopf baumelt unten. So schafft man selbst 1000-Kilo-Gäule auf den Operationstisch.

Schnell - jetzt müssen die Ärzte sich beeilen. Pferde dürfen nicht zu lange liegen, sie schlafen schließlich sogar im Stehen! Hingestreckt auf dem OP-Tisch quetschen sie sich in wenigen Stunden Muskeln und Nerven ab. Deshalb operiert man heute möglichst am stehenden Pferd - mit einem Gerät namens "Endoskop", das man auch bei Menschen benutzt.

Drüben, im anderen Klinikgebäude, bekommt der Wallach Snoopy so ein Ding in das Nasenloch geschoben. Es sieht aus wie ein schwarzer Schlauch, bis zu drei Meter lang. Am einen Ende hängen Maschine und Bildschirm, am anderen sitzt eine winzige Kamera - die erkundet die Tiefen des Pferdeleibs. Die Ärzte nennen das "Schlüsselloch-Operation", weil der Körper nicht mehr aufgeschnippelt werden muss. Ein Endoskop kann sogar innere Geschwülste entfernen und Gewebeproben herauszupfen.

Die Kamera flutscht Snoopys Nasengang entlang - man sieht alles auf dem Bildschirm flimmern: rosafarbene Röhren, feine Äderchen. Jetzt durch den Rachen, immer weiter und weiter. Ein Arzt steuert das Endoskop mit Rädchen und Knöpfen. Dann schlüpft es schließlich in einen kleinen Beutel, den Luftsack, kurz vor dem Kehlkopf. Angekommen! Hier war zuvor eine verletzte Ader abgeklemmt worden. Der Schlauch spritzt Desinfektionsmittel. Snoopy schnaubt - und schon ist die Nachkontrolle überstanden: ohne Schmerzen, mit leichter Narkose. Für Endoskop-Behandlungen ist die Pferdeklinik in Hannover bekannt.

In Lecas Operationssaal zischt derweil die Beatmungsmaschine. Das Fohlen verschwindet fast unter grünen OP-Tüchern. Nur sein Schweif, der Kopf und das linke Vorderbein lugen noch heraus. Vorsichtig dreht Professor Stadler die Schrauben heraus - fingerlange Dinger, die im OP-Licht funkeln. "Sehr schön verheilt", sagt der Professor.

Diese Operation verläuft ruhig. Routine. Hoch her geht es aber bei Notfällen, auch nachts. Eine Kolik zum Beispiel ist für die Pferde wie lebensgefährliches Bauchweh. Und es kommt häufig vor: In einem Pferdebauch schlängeln sich über 25 Meter Dünndarm, dazu ein zentnerschwerer Dickdarm - da kann sich vieles verheddern und verknoten, aufblähen und verstopfen.

Hau ruck! Nach anderthalb Stunden ist Lecas Operation vorbei, fünf Männer ziehen sie in die Aufwachbox. Da liegt sie nun - und schnarcht. Ein Tierarzt streichelt den Kopf. Hoffentlich steht sie bald auf! Minuten verrinnen, eine halbe Stunde, Leca rührt sich nicht. Eine Stunde. Immer noch nichts. "Wuuiiihiii!" - da plötzlich ein gellender Schrei! Leca springt auf die Beine, von einem Moment zum anderen. Chaos in der Box. Der Arzt stützt sie, wird fast an die Wand gedrückt, das Fohlen taumelt, knickt, steht auf dem operierten Bein. Und wiehert wieder: "Wuuiiihiii!". "Leca ruft nach ihrer Mutter", sagt der Arzt zufrieden. Jetzt bekommt die kleine Patientin Stallruhe. In ein paar Wochen wird sie wieder über die Weide toben.

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