Fledermäuse: Mit den Ohren sehen

Sogar in pechschwarzer Umgebung sausen Fledermäuse schnell wie der Blitz durch die Lüfte - und ecken garantiert nirgendwo an. Es dauerte lange, bis Biologen herausfanden: Die pelzigen Kobolde sehen tatsächlich mit ihren Ohren!
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Laut lärmende Bande statt stille Gleiter

Für Fledermäuse ist es ein Kinderspiel: Bei ihren tollkühnen Flugmanövern am Abendhimmel umkurven sie jedes Hindernis - und fischen gleichzeitig fette Beute aus der Luft. Wie machen sie das bloß? Das fragten sich die Naturforscher bereits vor 200 Jahren. Ob die Flattertiere vielleicht noch in stockfinsterer Nacht winzigste Helligkeitsunterschiede ausmachen können? Oder besitzen sie gar einen unbekannten "siebten Sinn"?

"Vampirflüge" im Gelehrtenzimmer

Es war einmal im Jahre 1793...Zu dieser Zeit lebte in Italien der neugierige Tierforscher und Bischof Lazzaro Spallanzani. Er wollte dem Geheimnis der nächtlichen Jäger auf die Spur kommen - und dachte sich einige schlaue Experimente aus. Zunächst spannte er in seiner abgedunkelten Studierstube von der Decke zum Boden verlaufende Drähte. An diese hängte er kleine Glocken: Sie sollten durch ihr Gebimmel verraten, wenn sich eine Fledermaus "verflogen" hatte. Dann ging es los: Die pelzigen Kandidaten huschten geisterhaft durch die Dunkelheit.

Tönender Drahtparcours

Spallanzani indes spitze gespannt seine Ohren - doch es blieb still! Offenbar umflatterten die Versuchstiere die hauchdünnen Hindernisse mühelos. Nun schaltete der Forscher der Reihe nach bei einigen Flattertieren die Sehfähigkeit, den Tast-, Geschmacks- und Geruchssinn aus. Anschließend ließ er die "behinderten" Fledermäuse erneut durch den Drahtparcours kreisen. Aber wieder läutete keine einzige Glocke! Noch immer fanden sich die Flugkünstler mühelos in dem Zimmer des Gelehrten zurecht.

Ohrenstopfen bringen es ans Licht

Schließlich verstopfte der Forscher den Tieren die Ohren mit Wachs - und bekam unverhofft selber etwas zu hören: Die Glocken an den Fäden läuteten Sturm. Lärmend verkündeten sie, dass die tauben Tiere durch die Lüfte taumelten. Aufgrund der Ohrenpfropfen hatten die sonst wendigen Flieger wohl die Orientierung verloren! Aus seinen Experimenten zog Spallanzani den richtigen Schluss: Das Hören ist das A und O für die Orientierung in der Finsternis. Doch zeit seines Lebens grübelte der Gelehrte über seine Ergebnisse: Er konnte sich partout nicht erklären, wie die Fledermäuse mit ihren Ohren sehen.

Laut lärmende Bande statt stille Gleiter

Viele, viele Jahre zogen ins Land, bis Wissenschaftler das "Betriebsgeheimnis" der Flattertiere tatsächlich enthüllten. Mithilfe hochsensibler Mikrofone machte Donald Griffin im Jahre 1938 eine bahnbrechende Entdeckung: Die Flugakrobaten schwirren keineswegs lautlos durch die Dunkelheit. Vielmehr erzeugen sie eine regelrechte Salve von Ultraschalltönen - also Laute, bei denen unsere "Hörapparate" leider versagen. Einem gewissen Herrn Sven Dijkgraaf kamen jedoch im Jahr 1943 Fledermausrufe zu Ohren: Einige Arten senden tieffrequente Laute aus - und die können Menschen mitunter auch ohne eine besondere technische Ausrüstung wahrnehmen.

Maulsperre für Fledermäuse

Herr Dijkgraaf verpasste einigen Nachtkobolden einen papiernen Maulkorb, der sich öffnen und schließen ließ - und machte eine ähnliche Entdeckung wie seinerzeit Spallanzani: Mit geöffneter Kappe flogen seine Versuchstiere perfekt. Bei geschlossenem Visier gerieten sie hingegen ins Schlingern. Nun hatten Griffin und Dijkgraaf das Geheimnis der Fledermäuse gelüftet: In rascher Folge stoßen die kleinen "Vampire" auf ihrer Beutesuche Ultraschalllaute aus. Mit ihrem äußerst empfindlichen Gehör empfangen sie den Echosalat, den die Gegenstände der Umgebung zurückwerfen, verarbeiten diesen - und fertig ist das "Hörbild" ihrer Umgebung.

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