Die Rose von Jericho

Was wie ein Filmtitel klingt, ist eine ganz erstaunliche Pflanze. Auf den ersten Blick sieht sie nach Nichts aus - eine graubraune Knolle, die seit Langem vertrocknet zu sein scheint. Tatsächlich kann die wenig attraktive Wüstenpflanze etliche Jahre ohne Wasser und Erde überleben. Doch wenn man sie ins Wasser legt, entfaltet sie sich innerhalb weniger Stunden zu einer wunderschönen Wüstenrose.

Lebensweise, Herkunft und Arten

Die Wüstenpflanze wächst über einen langen Zeitraum in der Erde und vermehrt sich wie jede andere Pflanze auch. Das tut sie so lange, bis der Boden, auf dem sie wächst, nicht mehr genug Nährstoffe hergibt. Ist dieser Zeitpunkt gekommen, zieht die Rose von Jericho ihre Wurzeln aus dem Erdreich zurück und trocknet zu einem Ball zusammen.

Dann lässt sie sich vom Wind über den Wüstenboden treiben, bis sie in einer Umgebung angekommen ist, wo sie wieder wachsen und sich verbreiten kann. Die Pflanzen fassen keineswegs immer gleich dort Fuß, wo sie liegen bleiben. Also müssen sie irgendwie spüren, ob der Boden für sie geeignet ist und ob sie auf ihm wachsen können.

Gleich drei verschiedene Pflanzenarten aus unterschiedlichen Familien werden als Rose von Jericho bezeichnet. Die echte Rose von Jericho heißt auf Lateinisch Anastatica hierochuntica und ist in den Wüstengebieten von Nordafrika bis Vorderasien verbreitet. Bei der trockenen Pflanze ragen die Äste in einem Bogen über die Früchte. Wird sie ins Wasser gelegt, breiten sich die Äste aus und legen die Früchte frei.

Auch Pallenis hierochuntica gilt als Rose von Jericho und teilt ihr Verbreitungsgebiet mit der ersten Art. Ihre Blätter sind im trockenen Zustand über den kopf- oder nussförmigen Früchten der Pflanze geschlossen und geben sie bei Feuchtigkeit frei.

Die dritte Rose von Jericho ist der Moosfarn Selaginella lepidophylla. Er wächst in Israel und Jordanien, aber auch in Trockengebieten im Südwesten der USA, in Mexiko und El Salvador. Den Großteil des Jahres über sind seine bräunlichen Blätter und Stängel knäuelförmig zusammengerollt und wirken tot.

Aber sobald Regen fällt, breiten sich die Pflanzen wie eine Rosenblüte aus und werden grün. Da die Pflanzen im ausgetrockneten Zustand ungewöhnlich lange überleben, können sie sehr alt werden.

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Die ausgetrockneten Pflanzen lassen sich über den Wüstenboden treiben.

Ein Naturwunder

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Die Pflanze im trockenen Zustand.

Die Rose von Jericho kann man in genau dem zusammengerollten, trockenen Zustand kaufen, in dem sie durch die Wüste trudelt. Aber ihr könnt sie so oft aufblühen und wieder austrocknen lassen, wie ihr möchtet.

Das erstaunliche kleine Naturwunder könnt ihr erleben, indem ihr warmes oder kaltes Wasser auf die Pflanze gießt. Stellt sie am besten in eine Schale mit Wasser.

Schon nach wenigen Minuten öffnet sich die scheinbar völlig vertrocknete Knolle und ihre Blätter und Zweige erwecken zu neuem Leben. Die Triebe entfalten sich und werden von der Mitte her immer grüner. Je nach Art kann es 60-90 Minuten oder auch mehrere Stunden dauern, bis die Wüstenrose ihre volle Pracht zeigt.

Ihr könnt dabei zusehen, wie sie sich ausbreitet und grün wird. Währenddessen verbreitet die Rose von Jericho ein angenehm frisches und würziges Aroma und sorgt für sehr gute Atemluft im Zimmer. Wenn sie voll erblüht ist, nehmt ihr sie aus dem Wasser und legt sie auf einen tiefen Teller oder in eine kleine Schale.

In den folgenden Tagen gebt ihr der Pflanze täglich ein bisschen frisches Wasser. Wer eine leichte Nährlösung dazu gibt, sieht vielleicht sogar, wie sie noch weiterwächst.

Nach einer guten Woche (ca. 10 Tage) braucht eure Rose von Jericho wieder eine Ruhepause. Dann legt ihr sie an einen trockenen, warmen Ort. Dort schließt sie sich dann allmählich wieder zu einem kleinen Ball und trocknet langsam aus.

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Die blühende Pflanze.

Wenn die Pflanze wieder komplett ausgetrocknet ist, könnt ihr sie sogar im Kleiderschrank aufbewahren, denn man sagt, dass sie Ungeziefer, wie zum Beispiel Motten, fernhalten soll. Von Zeit zu Zeit könnt ihr sie wieder blühen lassen. Schon nach ein paar Tagen völliger Trockenheit kann das Schauspiel von vorn beginnen.

Zauber der unsterblichen Pflanze

Die mystische, scheinbar unsterbliche Rose von Jericho wird als heilige Pflanze verehrt. Sie wird schon in der Bibel erwähnt. Als die Jungfrau Maria von Nazareth nach Ägypten floh, soll sie die Pflanze gesegnet und ihr so ewiges Leben gegeben haben. In Ägypten heißt sie Kaff Maryam, was "Handballen der Maria" bedeutet, und in Algerien ist sie als Id Fatma Bint el Nabi bekannt, was auf Deutsch "Hand der Fatma, Tochter des Propheten" heißt. In Israel gilt sie als religiöse Reliquie.

Da man die Pflanze immer wieder zum Leben erwecken kann, wird sie auch Auferstehungspflanze genannt. Durch die Kreuzritter gelangte sie erstmals nach Europa. Später nahmen Pilger, die das Heilige Land (Israel) auf Wallfahrten besuchten, sich häufig eine Rose von Jericho mit nach Hause.

Glücksbringer und Heilkräfte

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Langsam füllen sich die trockenen braunen Äste mit neuem Leben und werden grün.

Seit Langem halten viele Menschen die Rose von Jericho für einen Glücksbringer. Wer sie besitzt, soll Glück, Gesundheit, hohes Alter und Reichtum erleben und stets von Allem genug haben. Wenn man das täglich zu wechselnde Wasser der Pflanze im Haus versprüht, beseitigt es angeblich alles Böse und bringt Frieden.

Und wird die Pflanze über einen Menschen gehalten, so entzieht sie ihm - so glaubt man - alle negative Energie. Früher wurde sie häufig von der einen Generation an die nächste Generation weitervererbt.

Sogar Heilkräfte werden der Rose zugesprochen. Ein Sud aus der heiligen Pflanze soll zum Beispiel bei Krämpfen und Geburten förderlich und lindernd wirken. Ihr Wasser wird zum Trinken, Baden oder für Kompressen benutzt. Auch in manchen Arzneien kommt die Rose von Jericho als Bestandteil vor.

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