Kaltwasserkorallen: Die kühlen Blumentiere

Farbenfroh schillernde Korallen-Riffe knapp unter der Wasseroberfläche - wer denkt da nicht an badewannenwarmes, himmelblaues Wasser, an Schnorchel-Paradiese um ferne Inseln im Pazifik. Doch Forscher fanden heraus, dass es steinerne Unterwasser-Wälder bis in den hohen Norden gibt
In diesem Artikel
Plankton statt Sonnenlicht
Die Irrgärten der Blumentiere

Korallenriffe erinnern an riesige Blumenfelder. Nur dass es sich bei den bunten Gebilden um Tiere handelt, die in großen Familien den Meeresgrund bevölkern. Die fleißigen Kreaturen bauen mit ihren kalkigen Abscheidungen Riffe in der Größe von 3000 Quadratkilometer - der dreieinhalbfachen Fläche des Bundeslandes Berlin.

Lange dachte man, diese Meerestiere würden nur in warmen, lichtdurchfluteten und relativ flachen Gewässern existieren können. Doch selbst in den arktischen Gewässern Nordnorwegens ziehen sich in finsteren Tiefen von 1000 Metern riesige Korallenriffe über den Meeresgrund und erheben sich bis zu 150 Meter. Die irische See beherbergt die größten Kolonien.

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Die Lophelia pertusa sind mit langen Fangtentakeln ausgestattet

Korallenstücke fanden sich in Fischernetzen

Erste Anzeichen für diese Felder gab es schon um 1750. Nach der Erfindung des Echolots im jahr 1914 verstärkten sich die Anzeichen. Handfestes gab es für Forscher aber nur zu bestaunen, wenn gewaltige Fischernetze über den Meeresgrund geschleppt wurden, Korallenstücke herausbrachen und an die Oberfläche beförderten.

Von Gibraltar bis Nordnorwegen

"Erst in neuerer Zeit haben auch Forschungseinrichtungen und Universitäten Zugriff auf kleine U-Boote und ferngesteuerte Roboter, mit denen man sich in den kalten Tiefen ein genaues Bild machen kann", erklärt Professor André Freiwald von der Universität Erlangen. Er startete vor drei Jahren ein großes Forschungsprojekt und fand mit seinem Team heraus, dass sich ein lockerer Korallengürtel mehrere tausend Kilometer lang von Gibraltar bis nach Nordnorwegen erstreckt.

200 000 Jahre alt

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Paragorgia: Die rote Oktokoralle kann auf dem Riffdach bis zu 3 Meter hoch wachsen

"In diesem Projekt konnten wir erstmals bewundern, wie die Kaltwasserkorallen aussehen, wie sie wachsen und sich ernähren", beschreibt Freiwald die faszinierende Entdeckung. Die ältesten dieser weit verzweigten Ablagerungen sind mindestens 200 000 Jahre alt. Als Fossilien fanden Wissenschaftler sogar 30 Millionen Jahre alte Überreste. Die jüngsten Felder begannen nach der letzten Eiszeit vor 8000 bis 10 000 Jahren zu wachsen.

Plankton statt Sonnenlicht

Die Besonderheit der eisigen Korallenvertreter ist, dass sie in großen Tiefen, Dunkelheit und kühlen Gewässern zu finden sind: Sie ernähren sich anders. Während sich ihre Verwandten in flachen, hellen Meeresregionen der Tropen sich per Photosymbiose - also mit Hilfe des Sonnenlichtes - versorgen, leben sie von Plankton. Das gibt es im Gegensatz zu den warmen Gebieten bei ihnen im Überfluss.

Große Gefahr für Korallen

Doch kaum können die Kaltwasserkorallen erforscht und auf ersten Bildern bestaunt werden, sorgen sich die Wissenschaftler sehr um deren Zukunft. Die Erwärmung der Weltmeere, die Verschmutzung der Ozeane und vor allem die Fischerei bedrohen die Baumeister der Tiefe. Mit riesigen und schweren Bodenschlepp-Netzen pflügen die Fischer heutzutage den Meeresgrund regelrecht um. Das überstehen auch die robustesten Korallenarten nicht. Mittlerweile dringen die zerstörerischen Netze bis in Tiefen von 900 oder 1000 Metern vor und "rasieren" den Grund.

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Einer der häufigsten Fische in den Riffen ist der Rotbarsch. Das deutsche Tauchboot JAGO brachte diese tollen Bilder mit aus den finsteren Tiefen

Hirschgeweihkoralle ist Wachstums-Weltmeister

Sind die sensiblen Hohltiere erst einmal zerstört, dauert es sehr lange, bis die Riffe wieder entstehen. Denn die meisten Korallen strecken sich jährlich um ein bis zwei Zentimeter - der Wachstumsweltmeister, die Hirschgeweihkoralle, lebt leider nur in tropischen Gewässern. Er legt bis zu 20 Zentimeter im Jahr zu.

Regierungen schützen nun die Riffe

Da können die Kaltwasserkorallen nicht mithalten. Damit die noch existierenden Tiere - weltweit gibt es ungefähr 6500 verschiedene Arten - nicht aussterben, hat Norwegen viele Korallengebiete wie das zwei Kilometer lange Tisler-Riff für den Fischfang, Öl- und Gasbohrungen gesperrt. Großbritannien schloss sich erst vor wenigen Wochen an, und schützt nun ein Gebiet 180 Kilometer nordwestlich der schottischen Küste, die so genannten Darwin Mounds.

Die Irrgärten der Blumentiere

Denn nicht nur die Korallen, die wegen ihrer lebhaften Farben und schönen Formen den wissenschaftlichen Namen Anthozoa (Blumentiere) tragen, sind bedroht. In ihren verzweigten und schützenden Irrgärten verstecken sich Fische vor ihren Jägern. Seefedern, Seesterne, Seeigel, Schwämme, Krebse und viele, viele Meerestiere mehr - bis zu 800 Arten - tummeln sich hier, paaren sich und legen ihre Eier ab. Ein unglaublich vielfältiges Ökosystem, das ohne die Riff-Urwälder nicht überleben würde.

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Das Korallentier (oder der Polyp) Lophelia Septen wird von einem massiven Kalkskelett mit Fächern

(Septen) umgeben

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