Können Tiere hellsehen?

Der Tsunami in Südostasien riss mindestens 150 000 Menschen in den Tod - aber kaum Tiere. Haben die vielleicht einen Sechsten Sinn für Katastrophen?

Kurz vor einem Erdbeben kriechen Hunderte von Schlangen aus ihren Verstecken. Hunde jaulen wie verrückt und Vögel fangen mitten in der Nacht an zu singen. Können sie die Gefahr spüren? Bis die Menschen das herausfinden, dauert es meist eine Weile. Und oft passiert in der Zwischenzeit etwas Schreckliches - auch am 26. Dezember. Kurz bevor die Flutwelle große Teile Südostasiens überschwemmte, spielten die Tiere verrückt. Viele gerieten in Panik und flohen ins Hinterland. Sogar zahme Elefanten sollen sich losgerissen haben und auf Anhöhen und Hügel gerannt sein.

Kein einziges totes Tier

Haben die Tiere etwa einen Sechsten Sinn? Konnten sie die mörderische Flutwelle vorausahnen? Die Helfer im völlig überschwemmten Yala Nationalpark glauben fest daran. Nach der Katastrophe durchsuchten sie den Park nach Opfern und stießen auf viele menschliche Leichen. Aber sie fanden kein einziges totes Tier. Nicht einmal einen toten Hasen. Dabei ist der Park das größte Tierreservat Sri Lankas und damit das Zuhause von Hunderten Elefanten, Leoparden, Krokodilen, Wildschweinen, Wasserbüffeln und Affen.

Forscher gehen auch davon aus, dass Meeressäugetiere wie Wale und Delfine das Seebeben gut überstanden haben, weil sie sich rechtzeitig in tiefere Gewässer verkrümelten.

Keine Beweise

Schon lange glauben Wissenschaftler, dass Tiere Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche oder Erdbeben im Voraus wahrnehmen können. Die ältesten Aufzeichnungen darüber stammen aus der Antike. Beweise gibt es aber bis heute keine.

Allerdings gab es schon viele Experimente, um dem Sechsten Sinn der Tiere auf die Schliche zu kommen. Ein Beispiel: Bei einem Versuch in China wurden die Menschen aufgefordert, die Tiere in ihrer Umgebung genau zu beobachten, um herauszufinden, welche Verhaltensweisen Erdbeben ankündigen. Und: Es funktionierte! 1975 wurden in der Region um die Stadt Haicheng viele Menschen evakuiert, weil die Tiere sich merkwürdig verhielten. Wenige Tage später zerstörte ein Erdbeben einen Großteil der Stadt.

Auch die Ureinwohner der Inselgruppe der Andamaren schauten ganz genau auf die Tiere. Als diese sich am zweiten Weihnachtsfeiertag komisch benahmen, bekam es der Häuptling mit der Angst zu tun und befahl seinem Stamm ins Landesinnere zu flüchten. Damit rettete er dem Stamm wohl das Leben, denn die Flutwelle lies vom Dorf nicht viel übrig. Untersuchungen aus Japan und der Türkei bestätigen, dass auffallendes Verhalten von Tieren vor starken Erdbeben tatsächlich existiert. Trotzdem lässt sich der Sechste Sinn der Tiere mit wissenschaftlichen Methoden nur schwer erklären. So ein Unterfangen würde viel Zeit und Geld kosten.

Außerdem glauben die Wissenschaftler auch nicht daran, dass Tiere einen Sinn mehr haben als wir Menschen. Stattdessen versuchen sie das seltsame Verhalten damit zu erklären, dass die fünf Sinne der Tiere einfach besser funktionieren als bei den Menschen.

Empfindliche Füße

So hält es zum Beispiel der Wiener Professor Helmut Kratovil für möglich, dass die asiatischen Elefanten den Tsunami hören konnten. Ihre Ohren sind nämlich so gut, dass sie auch Schallwellen wahrnehmen, von denen wir Menschen schon lange nichts mehr mitbekommen. Außerdem haben Elefanten besonders empfindliche Füße. Dort sitzen schrecklich viele Tastsensoren, mit denen die Tiere womöglich sogar Schall über den Boden wahrnehmen können. Wir Menschen bräuchten dazu sehr empfindliche Messinstrumente.

Der Berliner Forscher Helmut Tributsch will bewiesen haben, dass Tiere durchschnittlich 20 Stunden vor einem größeren Erdbeben Angst bekommen. In Panik begehen die Tiere dann oft tödliche Fehler. So sollen in Japan schon Fische aus dem Wasser gesprungen sein. Und in China flüchteten Schlangen aus ihren Löchern und erfroren dann im Schnee. Er erklärt sich das so: "Wahrscheinlich können Tiere die Schallwellen und Vibrationen der über den Meeresboden rasenden Schockwelle wahrnehmen."

Um endgültig herauszufinden, ob die Tiere in Südostasien die Flutwelle tatsächlich vorhergesehen haben, wollen die Forscher jetzt Satellitenbilder des Krisengebiets auswerten. Darauf müssten nämlich auch die flüchtenden Tiere zu sehen sein.

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