"Alle hatten Angst vor mir"

Linda hat Rippenbrüche verursacht, Augen blau gehauen und Nasen geprellt. Manchmal prügelte sie sich jeden Tag. Doch das 16-jährige Mädchen aus dem Münchener Problemviertel Hasenbergl hat es geschafft, ihr Leben in den Griff zu bekommen - dank der Musik. Mit Song
In diesem Artikel
Auf sich allein gestellt
Musik ersetzt Gewalt
Gefühle ausdrücken

Es ist einer der Tage, an denen es nie richtig hell wird. Der graue Himmel hängt tief über den Hochhäusern im Norden des Münchner Stadtteils Hasenbergl. Es regnet. Die meisten Menschen haben sich in ihre Wohnungen verkrochen.

Linda sitzt auf dem abgewetzten Sofa in ihrem Wohnzimmer. Die letzte Nacht war lang. Die 16-jährige ist mit ihren Freundinnen um die Häuser gezogen. Jetzt verraten die dunklen Ringe unter ihren Augen, wie müde sie ist.

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Lange Zeit hatte Linda niemanden, bei dem sie sich anlehnen konnte. Oft schluckte sie ihren Frust so lange runter, bis er überlief.

Nicht ans Gestern denken

"Stimmt es, dass du ein Mädchen krankenhausreif geprügelt hast?" - Linda hat keine Lust über ihre Vergangenheit zu sprechen. Viel lieber würde sie über die Zukunft reden. Darüber, dass sie ihre eigenen Liedtexte schreibt, an einem Gymnasium Rap-Unterricht gegeben hat und momentan gerne Schauspielerin werden möchte. Immerhin hat sie schon an einem bekannten Münchner Theater gespielt.

Tristes Hasenbergl

Regentropfen prasseln ans Fenster. Hinter den Vorhängen der Nachbarn flackert das Licht ihrer Fernsehgeräte. Das Hasenbergl ist nicht so schön wie die anderen Stadtteile in München. Vor allem im Norden des Viertels reiht sich ein Hochhaus ans andere. Platz zum Spielen gibt es kaum. In vielen Hinterhöfen türmt sich der Müll. Das Hasenbergl ist ein sehr armes Viertel, in dem viele Ausländer leben. Jeder fünfte Bewohner hier hat keine Arbeit.

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Das Leben im Münchner Problemviertel Hasenbergl ist hart. Dass Linda trotzdem wieder Lachen kann verdankt sie der Musik.

Linda ist in diesem armen Stadtteil zwischen all den Hochhäusern groß geworden. Ihre Mutter ist gehörlos. Sie kann weder hören noch sprechen. Deshalb musste Linda sich schon als kleines Mädchen um alles kümmern. "Ich war sechs Jahre alt, als ich das erste Mal Formulare ausgefüllt habe", erinnert sie sich. Ärger mit den Nachbarn oder dem Sozialamt? Linda musste es richten. Die kleine Schwester gehorchte nicht? Linda kümmerte sich. Und weil sie damals noch sehr klein war, wurde ihr das alles oft viel.

Auf sich allein gestellt

"Die anderen Kinder konnten Mama und Papa holen, wenn es Ärger gab. Ich war immer allein", sagt Linda. Und weil die 16-Jährige zuhause nicht gelernt hat, sich mit Worten durchzusetzen, benutzte sie ihre Fäuste. Bei ihrer ersten Schlägerei ist Linda erst zwölf Jahre alt. "Damals habe ich das andere Mädchen fast umgebracht", flüstert sie und fügt hinzu: "Ich war eben nicht das Mädchen, das kratzt."

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Eine glückliche Familie? Lindas gehörlose Mutter Gabi hätte ihren Töchtern gern mehr geboten. Sie weiß, dass Linda (mitte) und ihre kleine Schwester Martina es schwer haben.

Schlagen ist wie Ping-Pong

Im Hasenbergl ist Respekt sehr wichtig. Wer ihn verliert, muss sich fürchten. Aber Linda will sich nicht fürchten. Sie will, dass die anderen Angst vor ihr haben. Linda hat Rippenbrüche verursacht, Augen blau gehauen und Nasen geprellt. Manchmal prügelte sie sich jeden Tag. Dabei ging es ihr nicht ums Abzocken von Handys oder Markenklamotten. "Wer mich blöd angeschaut hat, hat eins draufgekriegt.", sagt sie. Und ob jemand "blöd" schaut, bestimmte Linda.

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„Alle hatten Angst vor mir“: Wer Linda heute trifft, kann das kaum glauben.

Warum sie immer wieder zugeschlagen hat? "Prügeln ist wie Ping-Pong. Sobald du einen weg gehauen hast, kommt der nächste dran. Da kommt man so schnell nicht mehr raus." Lindas Mutter lächelt. Sie hat ja nicht hören können, was ihre Tochter gerade gesagt hat. Die beiden können sich nur in einer selbst erfundenen Sprache aus Handzeichen unterhalten. Sorgen und Wünsche kann Linda ihrer Mama so nur sehr schwer mitteilen. Deshalb schweigt sie noch heute oft, wenn sie Ärger hat. Und früher fraß sie die Probleme so lange in sich hinein, bis der Frust überlief und sie wieder zuschlug.

Irgendwann hatte Linda ihr Ziel erreicht. "Alle im Hasenbergl hatten Angst vor mir", sagt sie und fügt ganz leise hinzu: "Damals war ich stolz darauf. Irgendwie war doch alles nur ein Spiel." Das Spiel brachte Linda ein paar Mal vor Gericht und fast ins Gefängnis. Sie wurde zu Sozialstunden verurteilt und hat eigentlich nicht mehr daran geglaubt, im Leben noch eine Chance zu haben. "Einmal unten, immer unten." So lautet die Regel im Hasenbergl.

Musik ersetzt Gewalt

Doch dann lernte Linda Susanne Korbmacher kennen. Die Sonderschullehrerin kümmert sich seit 20 Jahren um die Kinder im Hasenbergl. Sie weiß: "Die Mädchen hier werden immer brutaler. Sie ziehen sich nicht mehr an den Haaren, sondern gehen mit Fäusten aufeinander los."

Woran das liegen könnte? "Die Politiker geben immer weniger Geld für die Jugendlichen aus", sagt Susanne Korbmacher. "Und wenn man ihnen alles wegnimmt, wenn ihr Leben zum Straßenleben wird, dann darf man sich nicht wundern, wenn die Jugendlichen irgendwann zurückschlagen."

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Seelenverwandte: Lehrerin Susanne Korbmacher kümmert sich seit 20 Jahren um die Kinder im Hasenbergl und seit einiger Zeit auch im Linda.

Tanz- und Gesangsstunden

Über Linda sagt die Sonderschullehrerin: "Am Anfang habe ich gedacht: ‚Das Mädchen kann nicht lachen." Das war vor ein paar Jahren. Es hat lange gedauert, bis Linda Vertrauen gefasst hatte. Erst Tanz- und Gesangsstunden brachen das Eis. Dann begriff Linda, dass es andere Wege gibt, sich Respekt zu verschaffen, als durch Prügeleien. Und Susanne Korbmacher begriff, was in Linda steckt.

Die 16-Jährige lernt blitzschnell. Komplizierte Tanzschritte und schwierige Rapptexte? Für Linda kein Problem. Das finden auch die anderen Kinder toll. Sie bewundern Linda und hoffen, sich den ein oder anderen Trick von ihr abgucken zu können. Angst vor Prügeln muss jetzt keiner mehr haben.

Jeder kann etwas gut

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Im Stadtteil Hasenbergl, in dem Linda wohnt, gibt's fast nur Hochhäuser und viel Hoffnungslosigkeit bei seinen Bewohnern.

Wie Linda die vielen Tanz- und Gesangsstunden bezahlt hat? Nein, nicht mit Euro. Denn davon hat die 16-Jährige nicht genügend. Linda bezahlt mit Lichttalern. Das ist eine Währung, die Susanne erfunden hat, und die es nur auf dem Papier gibt. Das Prinzip ist einfach: Jeder kann etwas besonders gut. Und das kann er auch anderen beibringen. Manche geben Gesangsunterricht oder Nachhilfe, einige sind tolle Bauchtänzerinnen oder Trommler und andere helfen bei Umzügen. Damit verdienen die Jugendlichen Lichttaler, die sie benutzten können, um eigene Wünsche damit zu bezahlen - zum Beispiel Rappstunden.

Mit Gewalt lassen sich übrigens keine Lichttaler verdienen. Im Gegenteil: Wer sich prügelt, fliegt aus dem Projekt von Susanne Korbmacher. Außerdem verboten: Alkohol, Drogen.

Für Linda sind Tanzen und Rappen der Strohhalm, an dem sie sich ganz fest hält, um nicht unterzugehen. Und: sie hat angefangen zu schreiben. Was sie früher mit ihren Fäusten ausgedrückt hat, verpackt sie jetzt in Texte. Sie sind so hart wie das Leben in ihrem Stadtviertel.

Gefühle ausdrücken

"Ich will damit gar nicht reich und berühmt werden", sagt Linda. "Es reicht mir, wenn ich meine Gefühle in den Liedern ausdrücken kann. Ich will mich nie mehr schlagen." Momentan sieht es für sie ganz gut aus. Seit über einem Jahr hat sie sich nicht mehr geprügelt. Und trotzdem: Linda größter Feind heißt - Linda. Manchmal gelingt es ihr noch nicht, ihren Frust in Texte zu verpacken. Dann schluckt sie ihn wieder so lange runter, bis er überläuft.

Das böse Ich bekämpfen

Aber mit Hilfe der Musik hat Linda ihre "Zwillingsschwester, das böse Ich" fast besiegt. Im Kampf gegen Langeweile, Hass und Wut schwimmt sie oben. Wenn nichts dazwischen kommt, wird sie bald ihren Qualifizierten Hauptschulabschluss nachholen. Den Hauptschulabschluss hat sie schon.

Draußen hat sich wenig geändert. Er regnet immer noch. Lindas Blick fällt auf das kleine schwarze Buch mit ihren Songtexten. Ein paar Quadratzentimeter Platz für Ängste und Träume - mitten im Hasenbergl.

Songtext zum Mitsingen

Einmal

ich bin zuhaus - schau ausm Fenster raus - seh den schnee - es tut weh - die kälte in mir lebt - hat das leben einen sinn - weiß nicht mehr wo ich bin - geh durch den hohen schnee - weiß nicht was ich seh - es ist alles weiß - wann hört er auf dieser scheiß - hab schmerzen im herzen - kein bock zu scherzen - wo ist die sonne - sie ist verschwunden - in mir sind tiefe wunden - kann nicht mehr - es ist so kalt - bitte komm und gibt mir halt - ich brauch dich - sonst schaff ich's nicht - hol mich zurück - schenk mir glück - steck hoffnung in mich - führ mich zum licht - lass mich sehn, was es heißt wieder zu leben - es nicht nur zu schaffen - sondern auch zu raffen - seinen eigenen wert zu schätzen - sich dem schlechten widersetzen - leben ohne Wut - ohne schmerz - ohne leiden - ohne hass - dieses zu vermeiden - hab spaß - zeig freunde, liebe und Gefühl - komm und geh an dein ziel

einmal kommt auch unsere zeit - wir haben ein leben lang gewartet - warn von anfang an bereit - für unsren weg ins licht -wir haben unser ziel geplant - einmal führt auch unser weg ins licht - für uns wird's keine umkehr geben, denn aufgeben gibt es nicht

ich geh durch den tag - ich geh durch die nacht - ich hab in meinem leben viel scheiß gemacht - ich schau nach vorn - nach hinten - hin und her - ich leb jeden tag, als ob's der letzte wär - (…)meinen stolz werd ich für nix aufgeben - ich zerreiß euch wie ein blatt in der luft - alles was ihr dann noch kennt - ist mein duft

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