Segeln: Im Wettlauf mit dem Wind

Svenjas Boot hat die Größe einer Badewanne. Es läuft bei hohen Wellen schnell voll Wasser und gehört doch zur beliebtesten Segelbootsklasse der Welt: zu den »Optimisten«. GEOlino war bei der Deutschen Opti-Meisterschaft dabei

Der Wetterbericht hat Wind vorhergesagt. Mit Stärke vier bis fünf soll er über die Wismarer Bucht wehen und die Ostsee in ein waberndes Wellenfeld verwandeln. Svenja kribbelt es bei diesem Gedanken bis in die Fingerspitzen. Windstärke vier: Das bedeutet beste Bedingungen für den vierten Wettkampftag bei der Deutschen Meisterschaft im Opti-Segeln.

Opti - so nennen die Segler liebevoll ihre kleinste Bootsklasse, die "Optimisten". Deren Rumpf ist gerade mal 2,31 Meter lang und 1,13 Meter breit. Ohne Mast und Segel erinnert er eher an eine Badewanne. Sitzen aber Svenja oder einer ihrer Mannschaftskameraden vom Opti-Team Hamburg am Ruder, gleitet das Leichtgewicht aus Kunststoff oder Holz schnell wie ein Pfeil über die Wellen.

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Bei schwachem Wind erweist sich, welche Segler die Sprache des Windes und des Wassers am besten verstehen. Kleine Kräuselungen auf den Wellen verraten zum Beispiel, wo eine Böe über das Meer rollt. Sie gilt es zu erkennen und auszunutzen

Wind: drehend aus West

Zweimal pro Woche trainieren die zwölf Jungen und drei Mädchen auf der Elbe oder der Hamburger Außenalster. Um bei der Meisterschaft in Hohen Wieschendorf aber vorn mitzusegeln, braucht man mehr als die bloße Technik. Ein Auge für Sonne und Wolken ist zum Beispiel unerlässlich!

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Drückt der Wind mit Wucht in das Segel, hängen sich die Sportler weit aus dem Boot, um es im Gleichgewicht zu halten. Speziell verstärkte »Ausreithosen« schützen sie dabei vor blauen Flecken an den Oberschenkeln. Gegen den Bauchmuskelkater hilft aber nur Krafttraining

"Wer weiß, wie der Wind heute wehen soll?", fragt Trainerin Grit Müller in der Teambesprechung vor dem Rennen. "Aus Südwest, drehend auf West", ruft Christina in die Runde. Am Vortag, als der Wind nur über die Bucht gekrochen war, hatten die Hamburger ihre Segel so locker eingestellt, dass ein kaum sichtbarer Bauch entstand. In ihm verfängt sich auch die letzte Brise, sodass die Optis selbst bei Flaute wie von Zauberhand bewegt über die Ostsee glitten.

Bei Stärke vier muss das Tuch dagegen straff gespannt sein. Andernfalls wird es für Opti-Fahrer schwierig, dem ständigen Druck des Windes standzuhalten. Als Alleinsegler bleibt ihnen nämlich nur eine Hand, um das Segel zu kontrollieren. Mit der anderen halten sie das Ruder.

260 Optimisten am Start

Svenja kontrolliert noch einmal den Stand des Mastes und alle Schnüre, die das Segel halten. Nichts darf sich während des Rennens lösen. Als Schutz gegen die Kälte hat sich die 14-Jährige in einen wasserdichten Overall gezwängt. An den Füßen trägt sie Surfschuhe. Ihre Fingerspitzen lugen aus Handschuhen. Die Schwimmweste drüber, Baseballmütze und Sonnenbrille aufsetzen - ablegen!

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Aufgeben gilt nicht, auch nicht, wenn das Boot »kieloben« liegt. Wie dieser Junge zeigt, lassen sich die leichten Optis blitzschnell wieder aufrichten

Als sich die Flotte aus 260 Optimisten am Startschiff versammelt, schiebt sich ein dunkles Wolkenband vor die Sonne. Der Wind frischt plötzlich auf und türmt das Wasser so hoch, dass Svenja bei jeder Welle, die gegen die Bordwand ihres Optis klatscht, zwei bis drei Liter Ostsee in das Boot schwappen. Schöpfen heißt es jetzt - und auf das Startsignal achten! Wer schlecht startet, hat kaum eine Chance, die verlorene Zeit wieder aufzuholen.

Noch eine Minute bis zum Start! Aneinander gereiht wie Perlen auf einer Schnur, lauern die 130 Boote der ersten Gruppe an der Startlinie. Wer sich dazwischendrängeln will, wird mit einem lauten "Hey" angeschrieen, denn schon die Startposition kann über Sieg und Niederlage entscheiden. Svenja hat sich in Nähe des Startschiffes postiert. Der Wind weht direkt von vorn. Noch ein Blick auf die Uhr - drei, zwei, eins... und los.

Das Startsignal ist kaum verklungen, da zerfällt das Teilnehmerfeld: Einige segeln nach links, die anderen nach rechts - weil sie glauben, dass der Wind dort stärker ist. Nach etwa 300 Metern machen alle eine Vierteldrehung und steuern in die entgegengesetzte Richtung. "Kreuzen" wird dieses Zickzackfahren genannt. Es ist die einzige Möglichkeit, bei Gegenwind vom Fleck zu kommen (lest dazu den Kasten). Wer hier den schnellsten Kurs segelt und jeden Lufthauch mit seinem Segel einfangen kann, dem ist der Sieg fast nicht mehr zu nehmen.

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Nur das Leerschöpfen kostet wertvolle Zeit. Bis das Boot wieder Fahrt aufnehmen kann, vergehen mindestens zwei Minuten

Den Wind geschickt ausnutzen

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Als das Unwetter losbricht, herrscht Untergangsstimmung: Einige haben den Kampf gegen den Wind sofort verloren und sind gekentert. Andere schöpfen verzweifelt gegen Regen und überschwappende Wellen an. Kaum ein Starter beendet das Rennen ohne Zwangspause

Svenja gehört zu den ersten zehn, die auf die Wendeboje zusteuern. Immer wieder schweift ihr Blick zu den kleinen Bändchen am Segel. Je nachdem, wie sie flattern, weiß Svenja, ob ihr Boot richtig zum Wind fährt. Gleichzeitig muss das Mädchen auf die Kräuselungen des Wassers und auf heranziehende Wolken achten. Die Miniwellen verraten, wo kleine Windfelder anrollen, in denen Svenja noch einmal Fahrt aufnehmen kann. "Und an den Wolkenkanten entstehen oft Böen. Deshalb fahren wir meist in ihre Richtung, um Wind zu erwischen", erklärt Svenjas Teamkamerad Jonathan.

Den Wind geschickt ausnutzen, das hatte sich auch Svenja vorgenommen. Doch wenige hundert Meter nach der ersten Wende bricht ein Unwetter los. Regentropfen peitschen den Jungen und Mädchen ins Gesicht. Sturmböen sausen heran und spielen mit den Optis, als wären die aus Papier gefaltet. Vier Boote kentern.

Platz 80 für Svenja

Auch Svenja muss ihre Aufholjagd unterbrechen: Ihr Opti ist bis oben hin mit Wasser voll gelaufen. In jeder Hand einen Schöpfbehälter kniet sie in ihrem "Fetten Boot", wie ihr Opti heißt, und kippt Liter für Liter zurück in die Ostsee! Zum Glück müssen alle Teilnehmer Schwimmwesten tragen. Die Boote sind mit drei Luftkissen ausgerüstet, sodass sie nicht sinken können.

Der Albtraum endet nach einer halben Stunde. Erschöpft kommen die Segler nach und nach ins Ziel. Svenja ist durch das Schöpfen auf Platz 80 zurückgefallen: "Ich muss noch viel mehr auf den Wind und die Wellen achten, dann würde mein Boot auch nicht so schnell voll laufen", ärgert sie sich. Doch der Groll ist bald vergessen, beim zweiten Rennen läuft alles perfekt. Den Oberkörper weit aus dem Opti gelehnt, trotzt Svenja dem Wind und saust an ihren Gruppenkonkurrenten vorbei auf Platz zwei! "Das ist das Tolle am Segeln: Bei jedem Rennen hat jeder aufs neue die Chance zu gewinnen", so das Fazit der Hamburgerin.

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Wenn das Hauptfeld um die Wendeboje segelt, wird es eng, und so mancher brüllt verärgert seinen Nebenmann an, weil der ihm die Vorfahrt genommen hat. Damit sich alle an die komplizierten Segelregeln halten, überwacht eine Jury das Renngeschehen

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