Marc, der Entdecker

Ihm gelingt, was die meisten Menschen für unmöglich halten: Der Biologe Marc van Roosmalen spürt in den Wäldern Brasiliens immer wieder neue Tierarten auf. GEOlino erzählt euch, wie mühevoll und abenteuerlich seine Arbeit ist

Es ist Regenzeit im Dschungel Brasiliens. Sekundenschnell türmen sich Wolken über der Siedlung am Fluss, es wird dunkel, dann prasselt der Tropenregen los. Klimpert auf den Dächern der Wellblechhütten, in die sich ein hagerer Mann mit weißen Haaren zurückgezogen hat: Marc van Roosmalen. Der Tierforscher hält einen Schädel in den Händen, der die Form eines Fahrradsattels hat. Er dreht und wendet ihn, streicht den Schmutz herunter, ganz sanft. Wenn es stimmt, was ihm die Waldbewohner, die caboclos, erzählen, dann ist dieser Schädel ein Schatz – das Haupt eines Tieres, das kein Forscher je gesehen hat. Die Caboclos haben es vor ein paar Tagen erlegt; "Pretinho" nennen sie das Wesen, die "kleine Schwarze". Marc van Roosmalen hat ihren Beschreibungen aufmerksam gelauscht. Jetzt ist er sicher: Es muss sich um eine Zwergseekuh handeln. Ein Tier, das in keinem Biologiebuch zu finden ist.

Noch nicht. Denn Marc van Roosmalen ist fest entschlossen, Pretinho lebend aufzuspüren. So, wie er zuvor schon viele andere neue Tierarten entdeckt hat, hier im Urwald am Amazonas: Affen, Hirsche, Nabelschweine. Ein kleines Wunder in unserer Welt, die bis in den letzten Winkel erforscht zu sein scheint. Marc van Roosmalen ist wie ein Magier, der immer neue Tiere aus seinem Hut zaubert.

Mit einem Affen fing alles an

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1996 Marc van Roosmalen erhielt von Händlern ein winziges Tier. Nach monatelanger Suche fand der Biologe heraus: Dieses Tier zählte zu einer neuen Art!

Schon als Student hat sich der Niederländer in den Dschungel Amazoniens gewünscht. Es langweilte ihn, lateinische Pflanzennamen auswendig zu lernen und Tiere nur auf Fotos zu sehen. Er wollte hinaus in die Wildnis, wo er die Blumen riechen und Tiere hören, fühlen, beobachten konnte. Er zog nach Brasilien. Und genau hier begann 1996 seine Suche nach unbekannten Arten: Händler gaben ihm ein winziges Affenbaby, weil sie wussten, dass sich der Forscher für Tiere interessiert. Roosmalen war tatsächlich begeistert. Noch nie hatte er so ein Äffchen gesehen – und ihm kam ein Verdacht: Das könnte eine neue Tierart sein!

Also tat er das, was er bis heute in solchen Fällen tut: Er ging barfuß in den Wald, befragte die Ureinwohner, paddelte die Flüsse hinauf und hinab. Schließlich, nach sieben langen Monaten, die Überraschung: In einem Baum über ihm turnte eine ganze Horde dieser neuen Affenart! 20 weitere Arten hat der Forscher seitdem in den dichten Wäldern entdeckt – so viele wie kein Mensch vor ihm. Dazu fünf Vogel- und 30 Pflanzenarten. Erst kürzlich spürte er ein Zwergstachelschwein auf.

Ein amerikanisches Nachrichtenmagazin kürte Marc van Roosmalen darum zum "Helden des Planeten". Dabei hatte der Forscher anfangs vor dem Urwald oft Panik– Angst, in der grünen Unendlichkeit verloren zu gehen. Das Gebiet, das er durchstreift, ist schließlich so groß wie Frankreich. Doch der Abenteurer lernte zu überleben. Er aß, was die Affen aßen, er gewöhnte sich an, manche Früchte im Ganzen zu verschlucken, damit er die giftigen Kerne im Inneren nicht zerbiss. Trotzdem lauern überall Gefahren. "Wirklich lebensgefährlich sind nicht die Schlangen oder Kaimane oder Jaguare", sagt van Roosmalen. "Es sind die Bäume, die umfallen und dich erschlagen. Besonders nach Regenfällen werden die Blätter oft so schwer, dass die Bäume einfach am Stamm durchbrechen."

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Das Tier war sooo groß ...! Marc van Roosmalen muss gut zuhören: Die Waldbewohner Brasiliens stoßen auf ihren Jagdzügen immer wieder auf unbekannte Tiere und erzählen ihm davon

Auf der Suche nach "Pretinho"

Wenige Monate, nachdem er den Schädel der Zwergseekuh zum ersten Mal in den Händen hielt, ist Marc van Roosmalen wieder unterwegs: Er macht sich per Boot mit einigen Helfern auf die Suche nach der Zwergseekuh. Im Araunazinho soll sie leben, einem kristallklaren Flüsschen, das sich 40, 50 Kilometer weit in den Urwald schlängelt. Der Biologe und seine Begleiter steuern das knatternde Motorboot durch ein grünes Labyrinth: Lianen schlagen ihnen ins Gesicht, Äste krachen, umgestürzte Bäume versperren den Weg. Und schon wieder stoppt das Boot: Marc ist bei voller Fahrt herausgesprungen, weil er unter Wasser eine Höhle entdeckt hat, in der sich womöglich die Zwergseekuh versteckt! Fehlanzeige!

Sie fahren weiter. Tagelang. Keine Spur. Wahrscheinlich vertreiben sie mit ihrem Lärm das scheue Tier. Der Biologe fasst deshalb einen Plan: An einer seichten Stelle will er den Fluss abriegeln. Mit langen Stöcken befestigt er ein Netz am Flussgrund, weiter aufwärts ein zweites. Stück für Stück will er so das Wasser durchsuchen. Eine gefährliche Angelegenheit. Am Flussgrund lauern Stechrochen, groß wie Bratpfannen, und Zitteraale, die gewaltige Stromstöße austeilen.

Das Schlimmste aber sind diese Mücken, die in dichten Schwärmen über das Wasser wabern. Die in die Augenwinkel krabbeln, wenn Marc van Roosmalen morgens das Netz abbaut und weiter oben wieder aufstellt. Wochenlang durchforstet der Forscher die Höhlen am Ufer und Untiefen des Flusses. Nichts. Abends liegt van Roosmalen ratlos in der Hängematte. Hat er die Zwergseekuh vielleicht übersehen? Gibt es das Tier überhaupt? Außerdem jagen ihn die brasilianischen Behörden. Sie wollen Sojaplantagen in den Wäldern Amazoniens anlegen und damit eine Menge Geld verdienen. Ein Forscher wie Marc, der aller Welt erzählt, wie wertvoll und schutzbedürftig diese Gegend ist, der bleibt ihnen ein Dorn im Auge. "Die zerstören eine einzigartige Region!", sagt er. Und damit sterben auch viele Tiere, die sich noch im Urwald verstecken. "Wir verpassen etwas, wenn wir sie nicht suchen!" Diesmal wird er nicht fündig.

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In den Siedlungen am Fluss werden Affenkinder oft als Schmusetiere gehalten. Für Wissenschaftler allerdings sind diese Tiere oft Schätze – weil sie noch unbekannt und in keinem Biologiebuch zu finden sind

Und so kehrt er ein halbes Jahr später an den Araunazinho zurück. Wieder richtet er Netze auf. Sonnenlicht funkelt auf dem klaren Wasser, als Marc van Roosmalen abtaucht. Mühsam durchsucht er ein Gewirr aus Wurzeln und Gräsern. Da entdeckt er sie: Pretinho, die Zwergseekuh! Es gelingt ihm, das Tier ans Ufer zu treiben. Er macht Fotos und sammelt Kot, bestimmt das Gewicht des Tieres: 60 Kilogramm. Seine Größe: 1,30 Meter.

Dann entlässt er das Männchen wieder in den dichten Dschungel. Wie viele Exemplare es wohl noch gibt? Vielleicht 100. Vielleicht weniger. Marc van Roosmalen weiß es nicht. Aber fest steht, dass er weitersuchen wird. Nach neuen Tierarten, die sich noch immer in der grünen Schatzkammer am Amazonas verbergen.

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