Von zickigen und braven Äpfeln

Nirgendwo sonst in Deutschland wachsen mehr Apfelbäume als im Alten Land südwestlich von Hamburg. GEOlino-Reporter waren bei der Ernte auf einem Biohof dabei - und haben herausgefunden, dass auch Äpfel ganz schön zimperlich sein können!

Alexander Maxin hat nicht viel geschlafen in der vergangenen Nacht. Als das Morgenlicht gerade eben ausreichte, um die reifen roten Äpfel von den noch giftgrünen zu unterscheiden, sind er und seine fünf Pflücker in die Plantage gefahren. Jetzt stehen sie in den endlos langen Reihen der nur mannshohen Bäume - und knicken die Äpfel ab. Rupfen ist verboten! Dann nämlich reißen die Stängel von der Frucht und die Rotbacken faulen. "Außerdem ist der Elstar eine richtige Zicke", sagt Alexander Maxin. "Wenn man Äpfel dieser Sorte einmal zu hart anpackt, kriegen sie gleich braune Flecken." Alexander Maxin kennt sich aus: Der 25-jährige Obstbaumeister ist Herr über 20 000 Apfelbäume. Fünf Sorten wachsen auf seiner Plantage im Örtchen Jork, und jede hat ihre Eigenheiten.

Dünne Schale, leckerer Apfel! Mit zickigen Äpfeln und Schlafmangel plagen sich jetzt im Herbst fast 1000 Apfelbauern im Alten Land, einem Landstrich zwischen Hamburg und Stade. Nirgendwo sonst in Deutschland wachsen mehr Apfelbäume auf einem Fleck. Und nirgendwo sonst reifen Äpfel mit einer so dünnen Schale - denn hier im Norden müssen sich die Früchte nicht so sehr gegen starke Sonnenstrahlen wappnen wie etwa in Süddeutschland. Auch deshalb sind die Äpfel aus dem Alten Land so beliebt. Rund 300 000 Tonnen werden die Obstbauern wohl in diesem Jahr ernten.

e986afa00ac9262db24b97c4da5d5cc7

Im Akkord füllen die Pflücker die Plastikboxen mit Elstar-Äpfeln. Lange Leitern brauchen sie dafür nicht: Die Bäumchen werden nur zweieinhalb Meter hoch. Trotzdem tragen sie viele Früchte - zur Freude von Obstbauer Alexander Maxin

a913292e2df836e11f2522dbf8dd774c

Apfelbäume brauchen Bienen, die Pollen von Blüte zu Blüte tragen. Die Bauern locken die Tiere dafür mit winzigen Zieräpfeln an

Zwei olivgrüne Großkisten sind schnell bis unter den Rand mit Früchten gefüllt. Wer gut ist, pflückt an einem Tag gut zwei Tonnen - sieben Kisten. Alexander Maxin zieht die vollen Boxen mit dem Traktor aus der Plantage. Dort, wo die Pflücker noch nicht waren, blinken die Äpfel wie Weihnachtskugeln an den grünen Bäumen. "Dieses Jahr ist die Ernte richtig gut", sagt Maxin und lächelt. "Es hat einfach alles gepasst." Kein Frost während der Apfelblüte. Dann kam das kühle Frühjahr, das die Früchte schön säuerlich werden ließ. Schließlich der warme Juli: Unter den Sonnenstrahlen färbten sich die Früchte appetitlich rot. "Nur rotbackige Äpfel verkaufen sich. Form und Geschmack sind den Kunden meist erst mal egal", sagt er.

Die Äpfel lagern in riesigen Kühlhäusern Viele Äpfel wird er erntefrisch in den nächsten fünf bis sechs Wochen verkaufen. Doch die meisten Früchte lagert er ein - an einem Ort, wo jeder Mensch schon nach Minuten sterben würde! Vor dem großen Lager warnt darum ein zitronengelbes Schild: "Lebensgefahr!" Hinter dem Rolltor stapeln sich bis unter die Decke Äpfel in hölzernen Kisten, es ist es stockfinster und eisig kalt. Die Luft enthält im Gegensatz zu unserer Atemluft 100-mal mehr Kohlendioxid und fast keinen Sauerstoff. Dadurch reifen die Äpfel nicht weiter. Sie bleiben knackfrisch bis ins nächste Frühjahr und werden dann erst verkauft. "Am besten bewahrt man die Früchte auch zu Hause im Kühlschrank auf und holt sie am Tag vor dem Essen heraus", rät Maxin.

Die Sonne steht hoch am Himmel, als der Apfelbauer auf Kontrollgang durch seine Plantage streift. Zu seinen Bäumen hat er eine besondere Beziehung. "Der schläft", sagt er über einen, der in diesem Jahr nicht viel abwirft. "Und der muss ,Diät' machen", erklärt er bei einem anderen Baum, der jetzt im Herbst keinen Dünger mehr bekommt, sodass seine Früchte schneller reifen und rot werden.

2736b80e8b1af2b7d207bdd8eef5f071

Einige Äpfel wird Alexander Maxim sofort verkaufen, die meisten lagert er in riesigen Kühlräumen ein. In einem einzigen wäre Platz für seine gesamte Ernte: rund 300 Tonnen Äpfel

0b8ecf3fac115437a730666402359635

On die Jonagold-Äpfel schon reif sind? Um das herauszufinden, machen Wissenschaftler einen chemischen Test. Sie tauchen Apfelstücke in eine Jod-Lösung: Je stärker die Früchte sich färben, desto unreifer sind sie noch

Auf das richtige Timing kommt es an! Alexander Maxin knickt einen Apfel vom Ast. Dann noch einen, probiert abermals. Nicht, weil er Äpfel so gern isst: "Einer reicht mir am Tag!" Aber er muss den perfekten Erntetermin für die Sorte herausschmecken. Ist der zu früh, schrumpeln die Früchte schnell. Wenn Maxin zu spät pflückt, sind die Äpfel oft schon mehlig, weil ihre Zellwände an Festigkeit verlieren.

Zum Glück kann er sich Rat holen - beim Obstbau-Versuchs- und Beratungszentrum in Jork. Das ist gleich bei ihm um die Ecke. Jede Faser der Früchte wird dort untersucht, neue Sorten werden gezüchtet. Und die Apfelforscher schicken jeden Tag Ernte-Empfehlungen an die Obstbauern heraus. Als Alexander Maxin zum Mittagessen heimkommt, ist das Fax schon da. Er liest, nickt. Erst in einer Woche ist die nächste Sorte reif, der Cox Orange. "Ein guter Termin", sagt er. "Dann ist die Zicke, der Elstar, nämlich schon vom Baum. Und der Cox, das ist ein ganz braver Apfel."

GEOlino-Newsletter