Augen zu und durch!

Komische Sache: In Hamburg gibt es eine spannende Ausstellung, in der absolut nichts zu sehen ist. GEOlino.de-Reporter Peter Carstens hat eine Führung mitgemacht - und wäre gerne noch länger geblieben

"Iiiihhhh!" kreischt plötzlich jemand. "Was ist denn?" "Weiß nicht, das fühlt sich komisch an!" Jetzt taste auch ich nach den Gegenständen vor mir. Hm. Sind das vielleicht Tomaten? Mal dran schnuppern. Stimmt. Eine Tomate, sagen mir meine Nase und mein Tastsinn. Ist doch nichts Besonderes. Nur, dass sie unsichtbar ist.

Wir sind hier auf dem Markt. Zu sehen ist allerdings weder das Gemüse noch sonst irgendwas. Es ist nämlich zappenduster. Und eigentlich ist es auch kein richtiger Markt, sondern ein Raum in der Ausstellung "Dialog im Dunkeln". Damit wir alle Räume der Ausstellung besuchen können und wieder zum Ausgang finden, führt uns René. René ist blind. Wir, das sind ein paar Schüler mit ihrem Lehrer und ich.

Licht anmachen verboten Aber bevor es in die Ausstellung geht, erklärt uns Thomas erst mal, worauf wir achten müssen. Alles, was leuchten könnte, müssen wir ausstellen. Auch die Handys. Er teilt weiße Stöcke aus, "Fühler", mit denen Blinde ihren Weg nach Hindernissen abtasten. In der Ausstellung sieht man wirklich absolut rein gar nichts. Null. Umso wichtiger ist es, gut zu hören und zu tasten. Mir wird bei dem Gedanken ein bisschen mulmig. Und nicht nur mir.

Neben mir wispert eine Schülerin plötzlich: "Ich hab Angst." "Keine Sorge", beruhigt sie Thomas. "Das ist keine Geisterbahn. Da gibt es nichts, was ihr nicht aus dem täglichen Leben kennt." Nur, dass man eben nichts davon sieht. Und los geht's! In der Schwärze hinter dem schwarzen Vorhang empfängt uns René.

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Mit dem "weißen Langstock" - so heißt der Blindenstock richtig - werden wir uns

durch die Dunkelheit tasten

Wer nicht sehen kann, muss hören

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Die Austellung liegt im Herzen von Hamburg in der historischen Speicherstadt. Hier wurden früher Gewürze und Teppiche aus Fernost gelagert

René werden wir in der nächsten Stunde blind vertrauen müssen. "So, kommt erst mal alle rein." Seine Stimme klingt freundlich. Wie er wohl aussieht? Irgendwie habe ich das Gefühl, er ist blond. Er stellt sich vor, und wir sagen hallo und nennen ebenfalls unsere Namen. "Und jetzt: immer mir nach!", sagt René. Wie, "mir nach"? Wo ist er denn jetzt? "René, sag mal was!"

Wie Fledermäuse tappen wir herum und versuchen herauszufinden, wo wir sind. Und vor allen Dingen: Wo René ist. "Hier, hier bin ich. Ihr müsst hier rechts von mir durch die Tür. Vorsicht, Stufe!" Oha, das ist ganz schön viel auf einmal! Ich mache ganz winzige Schritte, um nicht zu stolpern oder an irgendwelchen Hindernissen anzuecken.

Ich glaub', ich bin im Wald

Weil wir alle ziemlich planlos im Raum herumstaksen, haut man immer wieder jemandem den Stock an die Beine ("autsch!"). Oder man stößt mit dem ausgestreckten linken Arm gegen jemanden, der im Weg steht ("Wer bist du?"). Unsere Reise führt uns nun über eine wackelige Hängebrücke (kreisch), über duftenden Waldboden, vorbei an einer plätschernden Quelle. Im Hintergrund zwitschern Vögel. Toll, was man alles wahrnimmt, auch wenn man nichts sieht. Wie es hier wohl aussieht? Das werden wir wohl nie erfahren. Weiter geht's. Im nächsten Raum stoße ich an etwas, das groß, glatt und kühl ist.

Ah! Ein Auto. Von links und rechts nähern sich Motorengeräusche. Klingt, als wären wir an einer viel befahrenen Straße. Etwas weiter weg ist ein Presslufthammer zu hören. "Wo iss'n hier die Ampel?", fragt einer. "Hier!", ruft jemand, ein paar Meter weiter. Nicht ungefährlich, hier über die Straße zu gehen. Zum Glück kommt der ganze Verkehr nur vom Tonband.

Im nächsten Raum umfangen uns verschiedene herrliche Düfte. "Hmm, was ist das denn? Riecht nach Nelken." Stimmt. Früher wurden in diesen Räumen tatsächlich Gewürze aus Indien gelagert. Plötzlich steht ein hüfthoher, weicher Klotz im Weg. "Na, woraus wird Gummi hergestellt?", fragt René. Ich überlege kurz. Richtig: Kautschuk! Und weiter geht's. Zur Bar.

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Mal was anderes: Ein Ausflug zur Ausstellung "Dialog im Dunkeln" mit der ganzen Klasse

Die Farbe der Klamotten ist egal

Hier wartet Michael schon auf uns. Aber erst mal müssen wir den Tresen finden. Es dauert ein bisschen, bis alle sitzen. Michael ist auch blind, findet sich hier also bestens zurecht. Er nimmt unsere Bestellungen auf, und ruck-zuck hat jeder, was er will. Jetzt ist Zeit, sich mit René zu unterhalten. Wir machen es uns an einem Tisch gemütlich ("Rutsch mal durch!" "Wo durch? - Ach, das ist ne Bank hier?"). Jetzt erzählt uns René ein bisschen von sich. Zum Beispiel, dass er ein fast normales Leben führt und gerne ausgeht. Und dass es ihm egal ist, welche Farbe seine Klamotten haben.

Tina kann sich nicht vorstellen, wie es ist, einen Freund oder eine Freundin zu haben, den oder die man noch nie gesehen hat. Alles Gewöhnungssache, meint René. Für ihn zählen eben ganz andere Werte als das Aussehen. Ob jemand einem sympathisch ist, kann man ja schon an der Stimme hören. Lili fragt René, ob er mit uns rauskommt, ans Licht, damit wir ihn sehen können. "Und was hätte ich davon?", fragt René zurück und schmunzelt vermutlich. Stimmt auch wieder. Also verabschiedet er sich am Ausgang, wünscht uns alles Gute und verschwindet wieder im Dunkel.

Klingt verrückt, aber ein bisschen beneide ich ihn um seine unsichtbare Welt. Aber schon an der nächsten viel befahrenen Straße bin ich doch froh, sehen zu können. Denn rot und grün ist bei einer Ampel ein himmelweiter Unterschied.

Weitere Informationen zur Ausstellung

"Dialog im Dunkeln" heißt die Ausstellung, in der Blinde die Führung übernehmen.

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