Ich will aus meinem Leben etwas machen!

Bangladesch ist eines der ärmsten Länder der Welt. Millionen Kinder müssen wie Sklaven schuften. UNICEF bietet vielen dieser Mädchen und Jungen eine bessere Zukunft - mit einem großen Schulprojekt. Im ersten Teil unseres Berichts lernt ihr Rokeya kennen, die in einem Armenviertel der Hauptstadt Dhaka lebt

Sobald Rokeya ihren Hammer in die Hand nimmt, erlischt etwas in ihr. So, als schalte sie all ihre Gefühle ab. Als hocke sie gar nicht wirklich hier, auf diesem Steinhaufen im Westen von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Mechanisch lässt Rokeya den Hammer auf einen Ziegelstein niedersausen. Tock! Tock! Immer wieder, bis nur noch spitze Brocken übrig sind, Baumaterial für neue Häuser. Dann der nächste Stein. Tock! Es ist brütend heiß, Staub kratzt in Augen, Nase, Hals. "Ich arbeite fast jeden Tag hier, acht, neun Stunden", sagt Rokeya. Am Abend wird sie Blasen an den Fingern haben, steife Beine, rote Augen, Durst. Ihr Boss wird ihr 20 oder 30 Taka in die Hand drücken, umgerechnet weniger als 50 Euro-Cent. Danach muss sie noch den ganzen weiten Weg nach Hause laufen. Dabei ist sie erst elf Jahre alt.

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An manchen Tagen zertrümmert Rokeya (vorn) neun Stunden lang Ziegelsteine aus Abbruchhäusern in kleine Stücke. Seit über zwei Jahren muss die Elfjährige so Geld verdienen

Lernen für eine bessere Zukunft

Sobald Rokeya Stift und Heft zur Hand nimmt, fangen ihre Augen an zu leuchten. Konzentriert sitzt sie mit 22 Mitschülern im Klassenzimmer und notiert, was der Lehrer an die Tafel schreibt. "Wer kann diese englischen Wörter aussprechen?", fragt er. Cow!, Moon!, Horse!, Umbrella!, rufen die Kinder stolz im Chor. Kuh, Mond, Pferd, Schirm. Rokeya strahlt. Hier ist ihre zweite, ihre bessere Welt. "Ich komme fast jeden Morgen vor der Arbeit in die UNICEF-Schule, seit über einem Jahr", sagt sie. "Ich will lernen!"

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Etwa drei Stunden am Tag besucht Rokeya die UNICEF-Schule in ihrem Viertel. Sie kommt gern hierher: Der Lehrer macht ihr Mut und lobt, wenn sie eine Aufgabe gut löst

Rokeya ist eines von schätzungsweise acht Millionen Kindern in Bangladesch, die arbeiten müssen. Das Land gehört zu den ärmsten der Welt: Mehr als die Hälfte der 140 Millionen Einwohner lebt in bitterer Armut, ohne Bildung, ohne Chance. Die Armenviertel rund um die Städte wachsen täglich; schon Sechsjährige schuften als Träger auf Bahnhöfen, rackern in Fabriken oder auf Baustellen. Für einen Hungerlohn.

Schritt für Schritt

"Man kann die Kinderarbeit nicht auf einen Schlag abschaffen, sondern nur Schritt für Schritt. Der beste Weg dahin ist Bildung", sagt Syeedul Hoque Milky, der für UNICEF in Dhaka arbeitet. Deshalb haben die UNICEF-Experten ein Projekt für rund 200_000 arbeitende Kinder gestartet: In sechs Städten sind Schulzentren gegründet worden, wo Zehn- bis 14-Jährige neben ihren Jobs kostenlos Lesen, Schreiben oder Rechnen lernen können. Einige belegen dort außerdem Berufskurse, etwa in Nähen oder Tischlern.

Die UNICEF-Schule, die Rokeya besucht, wurde vor gut fünf Jahren eröffnet. Aulad Hossain, der Leiter, sagt: "Anfangs wollte niemand sein Kind herschicken! Die Eltern sagten: Wir waren selbst nie in der Schule, wieso sollen unsere Söhne und Töchter gehen?" Erst als die Lehrer von Haus zu Haus zogen und für die Schule warben, wurde es besser.

Heute ist jeder der fünf Klassenräume belegt: Während Rokeya und die anderen Englisch üben, lernen Jugendliche im Raum nebenan, Teile für Solaranlagen zusammenzustecken. Ein Zimmer weiter rattern Nähmaschinen: Hier schneidern Mädchen Kleider und Hemden. Auch Rokeya könnte sich vorstellen, Schneiderin zu werden. Andere Kinder lernen sticken, und ein paar Jungs zimmern Kommoden. Viele Absolventen der UNICEF-Schule haben es schon geschafft: Statt wie Sklaven in gefährlichen Jobs zu schuften, verdienen sie ihr Geld als Näherinnen, Händler oder Gesundheitsberater.

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Hilfsbereit: Rokeya übt zu Hause mit ihrer achtjährigen Schwester Aisha lesen. Die Jüngere möchte später auch auf die UNICEF-Schule gehen

Harter Alltag

Rokeya wohnt nur wenige Minuten von der Schule entfernt. Der Weg führt durch schmutzige Gassen, vorbei an schiefen Hütten und dampfenden Müllhaufen, auf denen kleine nackte Kinder spielen. Rokeya wohnt mit Mutter, Bruder und Schwester in einem winzigen Zimmer; darin stehen ein Bett, ein paar Regale und ein Stuhl. Gekocht wird in einer Gemeinschaftsküche für vier Familien.

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Rokeyas Mutter hat sieben Kinder. Die Mutter arbeitet hart. Deshalb hilft Rokeya ihr, wann immer sie kann, etwa im Haushalt. Zeit zum Spielen mit ihrer Freundin bleibt nur selten

Rokeyas Mutter Jhorna sieht so erschöpft aus, als habe sie seit Jahren nicht genug gegessen und geschlafen. "Ich musste früh heiraten und konnte nie zur Schule gehen", sagt sie. "Ich nehme jede Arbeit an, auf der Baustelle, im Haushalt, egal." Ihr Mann hat die Familie im Stich gelassen. Jhorna verdient höchstens 1000 Taka im Monat, knapp 12 Euro. 700 Taka kostet allein die Miete.

"Die Kinder müssen mitarbeiten, sonst schaffen wir es nicht", sagt Jhorna leise. "Aber ich bin sehr froh, dass Rokeya zur Schule geht, auch wenn sie in der Zeit nichts verdient." Jhorna lächelt, als sie ihre Tochter ansieht. "Ich hoffe sehr, dass sie mehr aus ihrem Leben machen kann als ich." Rokeya betrachtet eine Blase in ihrer Hand. Und dann nickt sie.

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