Bangladesch: Zwischen Werkstatt und Schulbank

Wie alt er ist, weiß Shaikat nicht, vielleicht 11 oder 12 Jahre. Aber er weiß, was er werden will: Fußballer! Ein ferner Traum. Shaikat, hier mit seiner Schwester Amela, ist eines von Millionen Kindern in Bangladesch, die Tag für Tag arbeiten müssen. GEOlino-Redakteurin Kirsten Bertrand hat ihn besucht
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Schule heißt Zukunft

Manchmal träumt Shaikat nachts wunderschöne Dinge: "Dann bin ich ein berühmter Fußballstar, wie Ballack oder Ronaldinho! Ich habe ein großes Haus, ein Auto und viel Geld." Doch wenn Shaikat erwacht, zerplatzen die Bilder im Morgenlicht. Dann ist er kein Starkicker mehr, sondern ein Junge, der mit Eltern und drei Schwestern in einem einzigen Bett liegt. Sie haben auch kein Haus, sondern nur ein kleines Zimmer in einem ärmlichen Wohnblock. Und das Geld ist immer knapp. Doch Shaikat hat morgens keine Zeit, seinen Träumen nachzuhängen: Er muss zur Arbeit.

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Kinderarbeit für Kinderspielzeug: Shaikat (vorn) steckt seit fast zwei Jahren in einer dunklen Werkstatt Plastikautos zusammen. Sein ganzer Stolz ist das T-Shirt mit deutscher Schrift und Fußballbild

Hitze und Rauch

Shaikats Weg führt durch die schmutzigen Gassen von Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Er schlängelt sich an Fahrrad-Taxis und Straßenhändlern vorbei, springt über Abwassergräben, hüpft plötzlich zwischen zwei schiefen Häusern eine noch schiefere Treppe hinauf und verschwindet in einem düsteren Raum. Es stinkt nach verbranntem Plastik. Sein Chef Abdus Satter wartet schon. Auf dem Boden türmen sich bunte Kunststoff-Formen. "Daraus stecke ich Spielzeugautos zusammen", erklärt Shaikat.

Abdus Satter schmilzt derweil altes Plastik in einem Tiegel und quetscht den Brei mit einer Presse zu neuen Autoteilen. Zehn bis zwölf Stunden täglich arbeiten sie hier, in Hitze und giftigem Dampf." Freitags kriege ich 200 Taka Lohn", sagt Shaikat. Von den umgerechnet 2,30 Euro kauft er vor allem Essen für sich und seine Familie.

Lernen ist gut!

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Volle Konzentration: Shaikat besucht mit rund 25 anderen Mädchen und Jungen eine UNICEF-Schule in Dhaka. Alle Kinder, die hier lernen, müssen für ihren Lebensunterhalt hart schuften

Von 15 bis 17.30 Uhr aber hat Shaikat eine andere Aufgabe: "Dann gehe ich zur Schule", sagt er stolz. Sein Chef nickt: "Anfangs fand ich es schlecht, dass er dorthin geht statt zu arbeiten. Jetzt denke ich: Lernen ist gut!"

Die Schule, die mitten in Dhaka liegt, gehört zu einem großen UNICEF-Projekt: In sechs Städten sollen 200000 arbeitende Kinder wie Shaikat die Möglichkeit bekommen, neben ihrem Job kostenlos zu lernen. "Ich mag vor allem Mathematik und Englisch", sagt Shaikat. "Die Lehrer sind nett. Sie schlagen uns nicht!" Trotzdem fehlt Shaikat an manchen Tagen. Er grinst und zuckt

die Schultern. "Na ja, manchmal spiele ich eben doch lieber Fußball. Oder ich gehe in einen Laden mit Videospielen..."

Schule heißt Zukunft

Mohammad Jahangir Alam kennt alle Ausreden der Schulschwänzer. Zum Glück hat er eine Engelsgeduld. Herr Alam ist der "Werber" der UNICEF-Schule. "Ich gehe zu Kindern, Eltern, Politikern und Fabrikbossen, um sie zu überzeugen, dass Schule wichtig ist", sagt er.

Eine schwierige Aufgabe in einem Land, in dem die wenigsten lesen und schreiben können und Kinderarbeit zum Alltag gehört. "Die Fabrikanten fragen mich: Was haben wir davon, dass die Kinder lernen? Ich antworte: Ihr gebt ihnen eine Zukunft! Ein Boss hat mich einmal angeschrien: ‚Dir brech ich die Beine, wenn du hier noch mal auftauchst!' Aber ich bin wieder hin und habe ihm von den Kinderrechten erzählt. Ein paar Wochen später schickte er einen Jungen."

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Wenn Shaikat nicht arbeiten oder lernen muss, kickt er mit seinen Freunden um die Wette

Herr Alam weiß, dass die Kinder in der UNICEF-Schule nicht nur lesen und schreiben lernen. "Viele werden neue Menschen! Am Anfang haben sie kein Benehmen und prügeln sich, aber dann lernen sie, Respekt zu haben. Vor sich und vor anderen!" Shaikat jedenfalls hat in der Schule viele Freunde gefunden. "Nach dem Untericht treffen wir uns oft auf dem Schulhof", erzählt er strahlend. Und was machen sie dann? "Na, Fußball spielen natürlich!"

Teil 1

Ich will aus meinem Leben etwas machen!
Ich will aus meinem Leben etwas machen!
Bangladesch ist eines der ärmsten Länder der Welt. Millionen Kinder müssen wie Sklaven schuften. UNICEF bietet vielen dieser Mädchen und Jungen eine bessere Zukunft - mit einem großen Schulprojekt - Teil 1
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