Die Weltreligionen, Teil 3: Das Judentum

Von ihrem Gott haben sie unzählige Vorschriften bekommen, von Menschen wurden sie verjagt und vernichtet: Juden haben eine brutalere Geschichte hinter sich als Anhänger anderer Religionen
In diesem Artikel
Die Christen haben die zehn Gebote von den Juden übernommen
Während des dritten Reiches wurden sechs Millionen Juden umgebracht

Mit 13 Jahren werden Jungen vollwertige Gemeindemitglieder

Jetzt ist David dran. Gerade hat der Rabbiner, der jüdische Geistliche, den Namen des Jungen aufgerufen. David geht mit weichen Knien zu dem bärtigen Mann nach vorn. Dort liegt eine riesige Schriftrolle auf dem Lesepult: die Thora, das heilige Buch der Juden. Der Rabbiner deutet mit seinem silbernen Zeigestab auf eine Stelle im Text – und David holt tief Luft.

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Um ein "Bar Mizwa" zu werden muss man aus der Thora vorlesen

Heute ist sein großer Tag: Er darf zum ersten Mal in der Synagoge, dem Gottes- und Versammlungshaus der Juden, aus der Thora vorlesen. Das ist gar nicht so leicht! Denn sie ist in hebräischer Schrift geschrieben.

Und David darf nicht einfach lesen, als würde er einen Einkaufszettel vortragen – er singt die Verse in einer genau vorgeschriebenen Melodie. Ganz schön kompliziert! Aber der Junge schafft es ohne Stocken. Er hat ja auch seit acht Monaten jeden Tag geübt! David ist jetzt „Bar Mizwa“; das ist Hebräisch und heißt „Sohn der Pflicht“. Von nun an ist er ein vollwertiges Mitglied der jüdischen Gemeinde. Jungen sind das von ihrem 13. Geburtstag an. Mädchen werden sogar schon mit zwölf „Bat Mizwa“, Töchter der Pflicht.

Das Judentum gehört zu den ältesten Religionen der Welt

Die Thora ist ein uralter Bericht. Sie erzählt aus der Vergangenheit der Juden: zum Beispiel, wie sie vor 3200 Jahren aus Ägypten zurück in ihre alte Heimat Kanaan wanderten. Ein Schafhirte namens Moses lotste sie damals durch die Wüste.

Nur: Der Text ist nicht so zuverlässig wie ein Geschichtsbuch. Denn in ihm vermischen sich Legenden und Tatsachen. Wer genau also die jüdische Religion begründet hat und wann genau das passiert ist, kann niemand mit Sicherheit sagen. Fest steht aber, dass das Judentum zu den ältesten Religionen der Welt gehört.

Die Juden glauben, dass es nur einen einzigen Gott gibt und der ihnen eines Tages einen Messias schicken wird, einen Erlöser, um auf der Erde ein friedliches Gottesreich zu errichten. In der Thora stehen auch 613 Gebote und Verbote, nach denen die Juden leben sollen. Zum Beispiel gibt es strenge Speisegesetze: So ist es nicht erlaubt, Milch und Fleisch zu mischen. Gläubige Juden achten deshalb genau darauf, dass ihr Teller für „Milchiges“ niemals mit „Fleischigem“ in Berührung kommt, und markieren ihr Geschirr, damit es nicht durcheinander gerät.

Die Christen haben die zehn Gebote von den Juden übernommen

Andere Regeln besagen, dass Juden ihre Mitmenschen lieben sollen. Stehlen zum Beispiel ist verboten. Das dürfte Christen bekannt vorkommen – kein Wunder! Sie haben schließlich ihre Zehn Gebote von den Juden übernommen.

Aber anders als Christen sehen sich viele Juden nicht nur als eine religiöse Gemeinschaft, sondern auch als Volk. Alle Kinder einer jüdischen Mutter gehören automatisch dazu. Allerdings sind die Juden ein ungewöhnliches Volk – denn seine nur rund 14 Millionen Angehörigen leben über die ganze Welt verstreut: die meisten in den USA, in Israel, Russland, Frankreich, Argentinien oder Südafrika.

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Die heilige Mauer in Jerusalem ist die heiligste Stätte der Juden

Juden mussten früher oft wenig ehrbare Berufe wie Geldverleiher ausüben

„Diaspora“ – „Zerstreuung“ heißt dieser Zustand, und die Ursache dafür liegt weit zurück. Im Jahr 70 nach Christus vertrieben die Römer fast alle Juden aus Judäa – und die Vertriebenen mussten sich in der Fremde neue Bleiben suchen. Richtig schwierig wurde das Leben für Juden, als das Christentum im Mittelalter immer mächtiger wurde.

Denn viele Christen hielten diesen anderen Glauben für „falsch“ – und metzelten seine Anhänger einfach nieder. In vielen Ländern durften Juden ihren Beruf nicht mehr frei wählen: Ehrbarer Kaufmann oder Handwerker zu sein war für sie verboten. Darum mussten viele in Berufen mit wenig Ansehen, zum Beispiel als Geldverleiher arbeiten. Gleiche Rechte wie Christen bekamen Juden erst viel später. In Deutschland im Jahr 1871. Doch zur selben Zeit entstand eine ganz neue Art des Judenhasses.

Während des dritten Reiches wurden sechs Millionen Juden umgebracht

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An der Locke vor dem Ohr erkennt man die streng gläubigen Juden

Diesmal waren es Wissenschaftler, die behaupteten, dass die Juden einer „minderwertigen Rasse“ angehören, weil sie angeblich als „Schmarotzer“ unter anderen Völkern lebten. Das klingt total unsinnig und dumm – aber noch vor 70 Jahren haben viele Menschen in Deutschland so etwas geglaubt. Und wenige haben dagegen laut protestiert.

Im Jahr 1933 wurde ein besonders fanatischer Anhänger dieser Rassentheorie zum deutschen Reichskanzler gewählt: Adolf Hitler. Er und seine Handlanger versuchten, die Juden in ganz Europa auszurotten und ließen die Synagogen zerstören und Juden in Konzentrationslager stecken. Dort wurden sie ermordet. Manche erstickten in Todeskammern an giftigen Gasen, andere wurden erschossen oder verhungerten. Sechs Millionen Juden kamen bei diesem Massenmord ums Leben.

Nach dem zweiten Weltkrieg gründeten Juden den Staat Israel

Als 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg das Ausmaß der Katastrophe vollständig ans Licht kam, durften die Juden ihren eigenen Staat gründen: Israel. Hier sollten sie vor Verfolgung sicher sein. Tragisch: Die jüdischen Siedler vertrieben nun ihrerseits die muslimischen Einwohner aus deren Heimat. Diese rächen sich dafür heute mit Terroranschlägen und Morden. Für die Juden Israels gibt es also auch jetzt noch keinen Frieden.

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