Musik Zu Besuch bei den Kinderkomponisten

In der Stadt Winsen können Kinder und Jugendliche im Alter von sieben bis 19 Jahren eine ganz besondere Klasse besuchen: Die Kinderkompositionsklasse. GEOlino.de hat zwei Mädchen beim Komponieren zugeschaut

Viel Zeit haben die elfjährige Kikan und die zehnjährige Johanna-Marie nicht mehr: Bald schon findet das gemeinsame Abschlusskonzert der Kinderkompositionsklasse statt. Bis dahin müssen ihre Stücke fertig sein. Zum Glück aber ist das Gröbste geschafft. Kikan will sich noch überlegen, wie unter anderem ihre Wassertropen musikalisch dargestellt werden sollen. Und Johanna-Marie muss noch das Ende ihres Stückes fertig komponieren.

Die etwas andere Klasse

Seit 1999 veranstalten die beiden Musiker Matthias Kaul und Astrid Schmeling die Kinderkompositionsklasse: Ein halbes Jahr lang erhalten die Kinder wöchentlich eine Stunde Einzelunterricht. Es werden nie mehr als zehn künftige Kinderkomponisten in den Kurs aufgenommen, die dann unter Matthias Kaul und Astrid Schmeling aufgeteilt werden.

Die Jungs wollen meistens zu dem Schlagzeuger Matthias Kaul, weil der mal Rockmusiker war. Das ist natürlich ganz schön cool! "Musikalische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, um den Kurs zu besuchen.", erklärt Astrid Schmeling. "Die Kinder müssen auch kein Instrument spielen können. Viel wichtiger ist einfach das Interesse an Musik und die Lust, etwas selber zu erfinden!", betont sie.

Musik in Form einer Birne

Während eines Kurses arbeiten die Kinder an Kompositionen zu einem bestimmten Thema. "Musik in Form einer Birne" heißt das Thema des diesjährigen Kurses. In den letzten sechs Monaten haben sich die Schüler also mit Formen in der Musik beschäftigt: Wozu ist diese in der Musik überhaupt wichtig? Was führt zu einer schönen Form? Welches Instrument hat welche Bewegungsart, welchen Charakter und welche Klangfarbe? Was lässt sich damit ausdrücken?

Gut zu wissen, denn die Kinder müssen sich die Instrumentierung ihrer Stücke selber überlegen. Mit Instrumentierung sind übrigens nicht nur richtige Musikinstrumente gemeint: In der Kinderkompositionsklasse werden alle möglichen Gegenstände eingesetzt, die einen Klang erzeugen. Zum Beispiel Erbsen oder ein Schraubgewinde mit passender Mutter.

Hier ist alles erlaubt!

Mit jeder Menge Fantasie und Ideen kommen die Kinder zum Unterricht. Gemeinsam mit den Lehrern Matthias Kaul und Astrid Schmeling werden diese dann ausgearbeitet.

Regel Nr. 1: Hier gibt es keinen Quatsch, alles ist erlaubt! "Wir versuchen, die Kinder zu ermutigen erstmal alle ihre Wünsche zu äußern und ihrer Fantasterei vollkommen freien Lauf zu lassen. Sie sollen sich nicht davor fürchten, Quatsch zu reden. Ohne Quatsch würden viele tolle Ideen gar nicht geboren!" In der Kinderkompositionsklasse wird Quatsch als wichtige Zutat betrachtet. Experimentieren ist ausdrücklich erwünscht!

Dennoch lassen sich nicht alle Ideen der Kinder realisieren: "Aufgrund unserer Erfahrung wissen wir, dass gewisse Dinge nicht umsetzbar sind. Das können die Kinder manchmal nicht verstehen. Dann wird erstmal diskutiert.", erzählt Frau Schmeling und freut sich. Darüber, dass die Kinder sich auseinandersetzen. Das Komponieren schenkt ihnen nämlich sehr viel Selbstvertrauen und stärkt sie in vielen anderen Lebensbereichen.

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Die zehnjährige Johanna-Marie und ihr geliebter Marionetten-Vogel Birdy

Eine ganz besondere Klasse

"Dieses Jahr haben wir eine ganz besondere Klasse!", schwärmt Matthias Kaul. "Es sind viele sehr talentierte Kinder dabei. Sie haben wirklich beneidenswerte Einfälle.", sagt der Mann, der selbst ein Komponist ist. Die Ideen und Stücke der Kinder sind total unterschiedlich, keines ähnelt dem anderen.

Schließlich sind die Kinder ja auch alle individuell, mit sehr unterschiedlichem Charakter und unterschiedlichen Interessen. "Ich hoffe innig, dass einige von ihnen im nächsten Jahr wiederkommen und weitermachen!", wünscht sich Herr Kaul, der ein bisschen an einen zerstreuten Professor erinnert.

Kikan und ihre Birne

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So viele tolle Instrumente! Gleich findet hier ein Konzert statt

"ENeReIeB" heißt ihr Stück. Sie hat als Einzige ein Werk komponiert, in dem es wirklich um dieses seltsam geformte Obst geht. Es handelt von der musikalischen Form einer Birne: Wie klingt eigentlich eine solche, wenn man versucht, ihre eigentümliche Gestalt von unten nach oben mit Hilfe von Musik zu beschreiben?

Das Stück ist unerteilt in die einzelnen Buchstaben des Wortes, also B-I-R-N-E. Jeder Buchstabe stellt einen Teil der Birnenform dar. Über 12 Minuten lang ist das Birnenstück. Mal langsam, mal schnell, mal sanft, mal dramatisch. Fast ein halbes Jahr lang hat Kikan daran komponiert. Neben Flöte und Violine spielen Violoncello, Klavier und Percussion. So werden Schlaginstrumente genannt.

Die Birne ihr zweites Stück: Das Erste hat sie sich zu Anfang des Kurses ausgedacht. "Da ging es um einen kleinen Hafen irgendwo am Amazonas. Plötzlich kam eine riesige Wasserschlange aus dem Meer heraus. Es gab sogar Möwengeschrei und Bootknarren.", erzählt Kikan und lächelt etwas verlegen und stolz zugleich.

Die Geschichte von Birdy

Bereits zum zweiten Mal ist Johanna-Marie dabei. Ihr gefällt es sehr gut in der Kompositionsklasse. Sie möchte später zu 99 Prozent gerne Musikerin und Komponisten werden. "Ein Stück aus Birdys Welt" gewährt den Zuhörern einen Einblick in das aufregende Leben des Laufvogels Birdy: Birdy steppt. Birdy schläft, Birdy in der Schule. Und diesen Vogel gibt es wirklich: es handelt sich um Johanna-Maries riesengroße Marionette, die sie sehr lieb und der sie nun ein Stück Musik gewidmet hat.

Im vergangenen Jahr hat sich Johanna-Marie eine Geschichte ausgedacht und diese dem Publikum vorgetragen. Im Hintergrund wurde die ebenfalls von ihr komponierte Musik dazu gespielt. "Das war der absolute Hit! Einfach wunderschön!", schwärmt Astrid Schmeling noch zwölf Monate später.

Das Ensemble L´Art Pour L´Art

Die kleine Truppe L´Art Pour L´Art (das ist Französisch und bedeutet "Kunst für Kunst") gehört zu den außergewöhnlichsten Musikgruppen, nicht nur hier bei uns: es zählt zu den bedeutendsten Ensembles für zeitgenössische Musik, auch "Neue Musik" genannt. Unter diesem Begriff werden die unterschiedlichsten Kompositionsrichtungen des 20. Jahrhunderts zusammengefasst.

Gegründet wurde L´Art Pour L´Art 1983 von Matthias Kaul, Astrid Schmeling und Michael Schröder. Diese drei bilden jeweils mit den Instrumenten Schlagzeug, Flöte und Gitarre die Kernbesetzung der Gruppe. Manchmal wird das "Orchester" erweitert - dann spielen auch Klarinette, Geige, Klavier und ein zweites Schlagzeug mit.

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Die beiden "Lehrer" und Musiker Astrid Schmeling und Matthias Kaul

Das Abschlusskonzert

Endlich ist es soweit: Im Abschlusskonzert präsentieren die Kinderkomponisten ihre entstandenen Werke. Vorgetragen werden diese von dem Ensemble L´Art Pour L´Art.

Das Abschlusskonzert ist ein sehr tolles und einmaliges Ereignis für die Kinder: Jetzt können Eltern, Freunde und Verwandte den Werken der Kinder lauschen. Außerdem können die jungen Komponisten nun hören, womit jedes andere einzelne Kind sich beschäftigt hat. Die Neugierde untereinander ist ziemlich groß!

Und tatsächlich: Der eigentlich sonst so großzügige Raum unter dem Dach des alten Forsthauses in Winsen an der Luhe ist brechend voll, alle Stühle sind besetzt. Und das Tolle: es gibt nicht nur viel zu hören, sondern auch Einiges zu sehen. Schon die vielen teilweise außergewöhnlichen Musikinstrumente und Klangkörper sind ein Augenschmaus!

Große Begeisterung

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Auch mit und in einem Planschbecken kann man Musik machen! Hier die Klanginstallation des neunjährigen Gustav

Nach etwa einer Stunde ist das Konzert vorbei. Neun Stücke gab es zu sehen und zu hören. Sowohl die Künstler, also die Kinderkomponisten und die Musiker, als auch das Publikum sind vollkommen hingerissen. Kikan fand zwar den "I"-Teil ihrer Birne etwas durcheinander (weil alle Instrumente abwechselnd, aber dennoch immer dieselbe Melodie gespielt haben), trotzdem hat sie sich gefreut: "Ich finde, es klang sehr schön."

Und auch Johanna-Marie ist von der Aufführung ihres Werkes extrem begeistert. "Es war ganz toll! Alles hat geklappt und geklungen, wie es sollte!", berichtet sie. "Ich war ganz schön aufgeregt!", fügt sie schüchtern hinzu. Die Stücke der anderen haben ihr auch ziemlich gut gefallen. Unglaublich gern würde sie im nächsten Jahr wieder kommen: "Aber ich habe den Kurs jetzt schon zwei Mal hintereinander besucht. Und wahrscheinlich kommt jetzt erstmal mein Bruder her." Mit dem Komponieren will sie aber trotzdem weitermachen, und zwar zuhause.

Mehr zu den Kinderkomponisten findet ihr hier.

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