Aufbruch in die Neue Welt

Es ist eine Reise ins Ungewisse: Auf der Suche nach Wohlstand, Glück und einem besseren Leben machen sich im 19. und 20. Jahrhundert Millionen Europäer auf nach Amerika.

Die Schiffssirenen klingen heiser. Dreimal hupen sie lang und tief zum Abschied. "Lebt wohl!", schallt es vom Anleger zur Reling hinauf, "lebt wohl!" Hunderte Menschen wuseln über den Kai, sie recken die Hälse, manche winken, andere weinen. Taschentücher flattern im Wind. Langsam schiebt sich die "Bremen" von der Hafenmauer weg und nimmt Kurs auf die Nordsee. Vor dem Bug des Dampfers kräuseln sich kleine Wellen. Marion Lamke steht an Deck, die Vierjährige umklammert die Hand ihrer Mutter. Um sie herum drängeln sich Hunderte Menschen, auch sie winken oder weinen. Manche jubeln. Hans, Marions neunjähriger Bruder, lehnt an der Reling und blinzelt in die Ferne. Die Verwandten und Freunde am Schiffsanleger von Bremerhaven schrumpfen auf Ameisengröße. Nur manchmal trägt der Wind noch ihre Rufe an sein Ohr: "Lebt wohl!" Es ist der 18. Mai 1927. Die "Bremen" ist auf dem Weg nach New York – auf dem Weg in die "Neue Welt"!

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Ein Schiff voller Hoffnung: Viele Menschen fliehen vor Armut und Hunger, andere, weil sie politisch unterdrückt werden

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Heute gibt es mindestens 35 Millionen US-Amerikaner, die deutsche Vorfahren haben. Manche Schätzungen gehen sogar von 60 Millionen aus! Aber auch Kanada, die südamerikanischen Staaten Argentinien und Brasilien sowie Australien zählten zu den bevorzugten Zielen

Zu Hause in Bremen hatten Hans’ und Marions Eltern immer wieder von dieser "Neuen Welt" gesprochen. Einer Welt, in der das Leben leichter sein sollte, in der jeder aus eigener Kraft zu Wohlstand kommen kann: Amerika. Für viele Menschen in Europa hatte der Name magischen Klang. Schon im 17. Jahrhundert siedelten die ersten Deutschen auf dem fernen Kontinent: vor allem Kleinbauern auf der Suche nach eigenem Land. 1683 gründeten sie Germantown – "Deutschstadt" – im heutigen US-Bundesstaat Pennsylvania. Es war die erste deutsche Siedlung, aber noch lange nicht die letzte. Denn im 19. Jahrhundert begann die Auswanderung der Massen: Menschen aus allen Teilen Europas verließen ihre Heimat und flohen vor Armut, Hunger oder Verfolgung. Im Gepäck hatten sie wenige Habseligkeiten – und viel Hoffnung.

Die brauchten sie auch! Anders als heute wussten die Auswanderer schließlich kaum etwas über ihr Ziel: Es gab keine Filme, kein Fernsehen, kein Internet; höchstens ein paar Briefe und Fotos von Freunden oder Verwandten, die bereits dort lebten – wie die Geschwister von Johannes Lamke, dem Vater von Hans und Marion. Deren Briefe klangen verlockend! So verlockend, dass Johannes Lamke den Geschwistern folgte. Schon vor Monaten ist er nach Amerika gereist. Inzwischen hat er in New York eine Stelle als Automechaniker gefunden und eine Wohnung noch dazu. Alles ist vorbereitet: Marion, Hans und ihre Mutter Anna sollen nachkommen.

Am Abfahrtstag weist man den drei Lamkes auf der "Bremen" ihre Kabine in der dritten Klasse zu – so tief im Schiffsbauch, dass bei aufgewühlter See einmal sogar eine Welle durchs geöffnete Bullauge schwappt. Mutter Anna glaubt in jenem Moment, das Schiff würde sinken. Tut es aber nicht. Zwar ist die "Bremen" langsamer als manch anderer Ozeanriese dieser Zeit, dafür aber besser ausgestattet. Es gibt sogar einen Arzt an Bord, der sich kostenlos um die Kranken kümmert.

Kein Vergleich zu den anstrengenden Überfahrten gut 50 Jahre früher: Noch bis in die 1870er Jahre schipperten die Menschen auf Segelschiffen nach Amerika. Das dauerte manchmal viereinhalb Monate! Für die ärmeren Auswanderer gab es nur stickige Schlafsäle, in denen die Kojen dicht an dicht lagen. War die See rau, durfte niemand an Deck. Eingepfercht und elend vor Seekrankheit mussten die Passagiere bei Zwieback und Brotsuppe auf besseres Wetter warten.

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Von dem Schiff "General Langfitt" winkt im Juli 1955 eine Gruppe Flüchtlinge kurz vor ihrer Ankunft im Hafen von New York der Freiheitsstaue zu. Die 1200 Flüchtlinge wurden im Rahmen eines Flüchtlingsprogramms von den USA aufgenommen

Warten – das fällt auch Marion und Hans schwer. Zehn Tage ist die "Bremen" jetzt unterwegs. Und das Leben an Bord ist eintönig. Die immer gleichen Gedanken kreisen in Hans’ Kopf: Wie sieht es wohl aus in den USA? Wird er Freunde finden, schnell Englisch lernen? Plötzlich macht sich Hektik breit. Da, am Horizont: die Freiheitsstatue! Marion und Hans laufen aufgeregt an Deck auf und ab. Die Passagiere jubeln. Endlich: Meter für Meter rückt das Wahrzeichen New Yorks heran. Der Traum vom neuen Leben ist zum Greifen nah!

Doch für manche bleibt er ein Traum. Denn 1921 hatte die amerikanische Regierung eine Regelung erlassen, nach der jedes Jahr nur eine begrenzte Anzahl Menschen aus jedem Land einwandern durfte. Die wurde 1924 sogar noch verschärft. Viele mussten direkt wieder kehrtmachen. Nur wer einen Fürsprecher hatte, dem erging es besser. Das waren Verwandte oder Bekannte, die versichern konnten, für den Einwanderer aufzukommen, sollte er in Not geraten. Die Lamkes gehören zu diesen Glücklichen: Die Geschwister des Vaters bürgen und stellen Marion, Hans und die Eltern anderen Deutschen in New York vor. Bald schon macht die Familie Sonntagsausflüge mit dem eigenen Auto. Es geht ihr gut.

Doch eines Tages, viereinhalb Jahre nach der Ankunft in Amerika, steht Vater Johannes plötzlich mit vier Schiffstickets nach Deutschland in der Tür. Marion und Hans wissen, was ihn quält: schreckliches Heimweh! Der Familie bleibt nichts anderes übrig, als erneut die Koffer zu packen. Wieder flattern Taschentücher im Wind, diesmal am Hafenkai von New York. Dreimal hupen die Schiffssirenen lang und tief zum Abschied – aus der Neuen Welt.

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