Handball ist kein Wattepusten!

Über 4000 Spieler, rund 350 Mannschaften, 22 Spielfelder, mehr als 1000 Partien: Das ist das größte deutsche Jugend-Handball- Turnier in Lübeck. GEOlino-Reporter haben die D-Jugend vom MTV Wisch 09 begleitet – zu deren erstem Wettkampf. Mit Fotoshow und Audios!
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Auf dem Sprung! Hendrik setzt zum Torwurf an. Er und seine Mannschaftskameraden trainieren erst seit vier Wochen miteinander – mit ersten Erfolgen

Christoph kann es kaum erwarten. Zwei Stunden hat der Zwölf­jährige mit seinen neun Mannschaftskollegen im Bus sitzen müssen, unterwegs nach Lübeck, zum größten Jugend-Handball-Turnier Deutschlands, dem zweitgrößten der Welt. Zwei Stunden, in denen der Ball eingepackt im Rucksack lag und die Hände nichts zu tun hatten, außer ab und zu in eine Gummibärchen-Tüte zu greifen.

Und jetzt: endlich angekommen! Die Jungs des MTV Wisch 09, einem Verein aus der Gemeinde Jork im Alten Land bei Hamburg, schmeißen ihr Gepäck auf den Turnhallen-Boden, wo sie heute Nacht schlafen werden. Christoph packt sofort die rot-gelbe Lederkugel aus. Plong, plong, prallt der Ball auf und nieder. Plong, plong. Und schon stehen drei andere Jungen bereit: "Hier, hier, wirf!"

Doch so richtig geht die Post nicht in der Turnhalle ab, sondern draußen, ein paar Kilometer entfernt, auf der Lübecker Falkenwiese: Wo sonst Fußball- und Hockeymannschaften trainieren, sind diesmal 22 Rasenplätze abgesteckt. Über 1000 Spiele gibt es dort an diesem Wochenende zu erleben, Handball im Akkord. Beenden die Schiedsrichter eine Partie, stehen schon die nächsten beiden Mannschaften bereit.

Auch im Kopf der Jungen aus Jork gibt es an diesen zwei Tagen nichts als Handball. Wo auch immer sie hingehen werden, die Lederkugel ist dabei – beim Essen, abends in der Disco. Erst kurz vor Mitternacht wird ihnen ihr Trainer den Ball wegnehmen.

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Vor dem Spiel gibt Trainer Ulrich Pauluschke taktische Tipps und macht seine Spieler heiß: "Hauen wir die weg?" – "Jaaa!"

Christoph und zwei Teamkollegen sitzen am Spielfeldrand und beobachten die Konkurrenten. "Wow", raunt Christoph. Ein Abwehrspieler hat sich den Ball erkämpft, passt ihn nach vorn zu einem besser stehenden Mannschaftskameraden. Der dribbelt über den Rasen, springt vor der Torraumlinie gekonnt ab und wirft – Tor! "Handball ist einfach toll, weil es so schnell ist", kommentiert Christoph. "Außerdem fallen viel mehr Tore als beim Fußball", ergänzt Torwart Eike. "Und weil der Trainer so oft auswechseln kann, wie er will, kommen alle mal dran", sagt Abwehrchef Tim.

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Wie erfahrene Profis wirken die Jungen, wenn sie von ihrem Sport erzählen – was nicht verwundert. In Jork, einer 12 000-Seelen-Gemeinde, kommt kaum jemand auf die Idee, gegen einen Ball zu treten: Fast jedes Kind spielt hier Handball. Doch ernsthaft trainieren die zehn D-Jugendlichen erst seit vier Wochen miteinander. Das Turnier in Lübeck ist für sie der Härtetest: Ob sie schon zu einem Team zusammengewachsen sind? Gute Handballer, betont Trainer Ulrich Pauluschke, müssen mehr können als hart werfen und schnell rennen. Sie müssen die Schritte ihrer Mitspieler im Voraus erahnen, um den Gegenspieler täuschen und einen genauen Pass spielen zu können.

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"Handball ist kein Wattepusten!", sagt Trainer Uli. Blocken, Drängeln, Sperren – das gehört zum Spiel. Raufen ist aber nur in den Pausen erlaubt

Von ihren sieben Spielen hat das Team bis zum Sonntagnachmittag fünf gewonnen. Damit ist das Halbfinale um den B-Pokal erreicht. Der Gegner: TSV Schwarzenbek. Und es fängt gut an. Nach fünf Minuten führt der MTV Wisch mit 3 : 2. Wieder stürmen Christoph und seine Teamkollegen vor das gegnerische Tor, passen den Ball von einem zum anderen. Tim zu Christoph, der wirft – genau in die Hände seines Gegenspielers. Blitzschnell dribbelt der zum gegenüberliegenden Tor – und schlenzt die Lederkugel über Eike hinweg, Ausgleich! Plötzlich ist der Wurm im Spiel: Fehlpässe, Fouls, Lattentreffer, selbst ein Siebenmeter wird vergeben.

Zwölfte Minute, es steht 3 : 6. Die Jungen aus Jork liegen fast uneinholbar im Rückstand. Als seine sechs Feldspieler wieder angreifen, folgt ihnen Trainer Uli an der Seitenlinie. "Länger spielen, den Ball laufen lassen!", schreit er, als Tim hektisch versucht, sich durch eine Wand aus drei Abwehrspielern zu wühlen. Schließlich lupft er den Ball doch noch ins gegnerische Netz. "Weiter so!", brüllen die Auswechselspieler. 15. Minute, es bleiben nur noch zwei Minuten Spielzeit: Ein Tempogegenstoß – Hendrik verkürzt auf 5 : 6.

Achtung!" Ein Gegenspieler fegt auf Torwart Eike zu, hebt ab, setzt mit voller Wucht zum Wurf an. Doch anstatt sich zu ducken, spreizt Eike die Arme und Beine und stemmt sich wie ein Hampelmann mutig dem Ball entgegen. Die Kugel klatscht gegen sein rechtes Bein – gehalten! Beim nächsten Wurf aber hat er keine Chance. Es steht 5 : 7.

Das letzte Tor in der Schlussminute hilft auch nicht mehr. Abpfiff, die Spieler vom MTV Wisch 09 haben das Finale verpasst. Mit hängenden Armen schlurft Eike vom Spielfeld. Die blauen Flecken am Bein? Nicht der Rede wert! "Aber die Abwehr", schimpft er zum Trainer, "die haben so schlecht ..." Weiter kommt er nicht. Tränen drängen aus den Augenwinkeln.

Als Eike am Bus ankommt, bereit für die Heimfahrt, wird aus ihm dann doch noch ein Sieger. Trainer Uli überreicht ihm ein T-Shirt: "Das gibt es für den Spieler des Tages" lobt er. Und Eike strahlt.

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Abends, nach den Vorrundenspielen, zeigen die Spieler vom MTV Wisch: Mit ihrem Handball können sie auch prima Volleyball spielen

Einfach Handball: Die wichtigsten Regeln und Techniken

Eigentlich ist die Sache ganz klar: Sechs Feldspieler versuchen, einen Ball ins Tor des Gegners zu werfen. Zwei wichtige Regeln gibt es im Handball jedoch zu beachten. Erstens: Hat ein Spieler den Ball, darf er diesen nur drei Schritte oder drei Sekunden lang in der Hand halten. Dann muss er ihn auf den Boden prellen, zu einem Mitspieler passen – oder aufs Tor werfen. Dabei darf er, zweitens, nicht in den sogenannten Kreis stürmen. Diesen Torraum markiert eine sechs Meter vom Tor entfernt gezogene Halbkreislinie. Innerhalb dieses Bereichs darf sich nur der jeweilige Torwart aufhalten.

Um den Ball ins Tor zu bekommen, wenden Handballer drei Wurftechniken an – vor allem den Sprungwurf. Die Spieler nehmen Anlauf, springen weit in den Kreis hinein und werfen den Ball, kurz bevor ihre Füße wieder den Boden berühren. So verringern sie die Entfernung zum Tor und beschleunigen mit dem eigenen Schwung den Ball. Beim Schlagwurf wirft man aus dem Stand heraus. Auf diese Technik setzen die Spieler, die oft so bedrängt werden, dass sie gar nicht abheben können. Der Fallwurf ist eine Spezialität für den Kreisläufer, der wie ein Mittelstürmer beim Fußball ständig in der gegnerischen Abwehr herumwuselt. Bekommt er den Ball, dreht er sich um, lässt sich in den Kreis fallen und zielt dabei aufs Tor.

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