Kirby: Irgendwo im Nirgendwo

Kirby lebt mit ihrer Familie und Tausenden Tieren mitten in der unermesslichen Weite des australischen Outbacks. Täglich freut sich das Mädchen auf den Unterricht – im Internet. So fühlt sie sich weniger abgeschnitten von der Welt...
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Per Klick in die Schule

Kirbys Schulweg dauert ganze 10 Sekunden, 15, wenn sie bummelt: Von ihrem Zimmer aus sind es fünf große Schritte den Flur entlang, dann muss sie durch die zweite Tür links ins Arbeitszimmer gehen. Kirby Phillips, neun Jahre alt, sitzt dort Morgen für Morgen. Hier findet für sie der Unterricht statt. Zwar ist sie allein in dem Raum, aber allein lernen muss sie deswegen nicht. Ein paar Klicks, dann sind auch ihr Lehrer und die vier Mitschüler da - auf dem Computerbildschirm! Übers Internet können sich die Kinder gegenseitig Nachrichten schicken, über eine spezielle Telefonleitung sprechen sie miteinander. Aber zusammensitzen? Das geht nicht so einfach! Die Kinder wohnen im australischen "Outback" und damit Autostunden voneinander entfernt. Selbst wenn sie sich in der Mitte treffen wollten: Dieser Schulweg wäre für alle viel zu lang.

Australisches Hinterland: Hitze, Dürre und viel Land

Zu lang, zu groß, zu kurz: Nichts ist ganz normal im Outback, das übersetzt so viel wie "Hinterland" heißt und das komplette Landesinnere Australiens umfasst. Es ist eine Landschaft, die an einen anderen Planeten erinnert: rötliche, von der Sonne hart gebackene Erde, nur dürres Gestrüpp, wenige Häuser. Gerade einmal 170 000 Menschen leben auf einer Fläche, die mehr als 16-mal so groß wie Deutschland ist. Und irgendwo in diesem Nirgendwo steht die Farm von Kirbys Familie.

Kirby und Kälbchen Frazer

Die Uhr zeigt 6.30 Uhr. In einer guten halben Stunde fängt Kirby mit der Schule an. Bis dahin hat sie noch einiges zu tun. Vergangene Nacht hat sich eine Fledermaus in den Flur verirrt und ist dauernd gegen die Zimmertür gerumst. "Die müssen wir gleich einfangen", sagt Kirby am Frühstückstisch zu ihrer kleinen Schwester Finlay und löffelt hastig Müsli in den Mund. Außerdem hat Kälbchen Frazer Hunger. Die Mutter des Kleinen ist gestorben, es lag ganz allein auf der Weide herum. Seither kümmert sich das Mädchen um dieses hilflose, schnaufende Knäuel aus braunem Fell. Kirby gibt ihm zweimal täglich die Flasche, an der Frazer so gierig zieht, dass das Mädchen dabei fast umfällt. Dagegen, sagt es, seien die Schulaufgaben eine leichte Arbeit.

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Einmal frühmorgens, einmal abends füttert Kirby das Findel-Kälbchen Frazer mit der Milchflasche

Per Klick in die Schule

Nach dem Füttern geht es heute mit Grammatik weiter. Die Neunjährige löst schnell noch ein Paar der Aufgaben, die sie regelmäßig per Post oder Internet zugeschickt bekommt. Pling, tönt da der Computer, pling, pling, pling. Ihre vier Klassenkameraden haben sich gerade in die Internet-Schule eingeloggt. Kirby klickt – dann ist auch sie dabei. "He, Leute!", sagt sie. "Alles klar bei euch?" - "Yeap!"- "Anfangen, bitte", mischt sich eine tiefere Stimme ein: der Lehrer. Alle arbeiten an einem elektronischen "Blackboard", quasi einer Tafel im Internet, auf der sie Aufgaben notieren und lösen. Genau wie in einer richtigen Schule schreibt und spricht auch in der Internetschule immer nur derjenige, der vom Lehrer aufgerufen wird. Eine knappe Stunde gehen die fünf ihre Mathe-Hausaufgaben durch. Den Rest des Vormittags büffelt Kirby dann allein weiter. "Der Unterricht ist immer toll", sagt sie. "Da kann ich endlich mit anderen Kindern reden."

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Per Computer lockt sich Kirby bei der "School of the Air" ein. Die Internetschule wurde für Kinder wie sie gegründet, die an abgelegenen Orten leben

Auf der Farm ist es nie langweilig!

Trotz der Einsamkeit im Outback – allein fühle sie sich nie. "Ich habe doch meine Familie", sagt Kirby. Außerdem fährt sie einmal in der Woche mit ihrer Mutter in den nächstgelegenen Ort Barcaldine, wo sie mit einer Freundin Tennis spielt. Und dann gibt es ja noch Frazer und die vielen Hundert anderen Rinder der Farm, die sie allerdings nicht täglich zu sehen bekommt. Üblicherweise kümmert man sich hier kaum um das Vieh. Die Tiere streifen durchs Outback und suchen sich ihr Futter selbst. Heute Nachmittag aber werden sie mal wieder zur Farm getrieben, um den Kälbern die Erkennungszeichen einzubrennen.

Dabei hilft Kirby nach der Schule mit. Sie kurvt auf dem Quad, einem Mini-Truck, um die muhende Herde. "Bei uns lernt man Truckfahren nach dem Gehen", sagt Kirby und tritt aufs Gaspedal. "Das muss so sein. Denn unsere Farm ist einfach viel zu groß". Selbst zum Briefkasten braucht sie zehn Minuten per Auto. Dort muss sie auch noch hin. Es ist Montag - da kommen die neuen Schulaufgaben an.

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