Die Nacht der Nächte: Mauerfall und Wiedervereinigung

Vor 20 Jahren fiel die Berliner Mauer. Irgendwie plötzlich - und irgendwie auch nicht. Denn schon lange vor dem 9. November 1989 rumorte es in der DDR. Viele Menschen flüchteten, viele gingen auf die Straße und demonstrierten für ein offenes Land
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Eine unglaubliche Meldung
Widerstand bis zuletzt
Die Flut

Eine unglaubliche Meldung

Wie bitte? Bernd Beckmann stellt das Radio lauter. "...deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen", tönt es aus dem Gerät. Die DDR-Grenze – offen?

Ungläubig schaut Bernd seinen Freund Dirk Hampe an. Bislang war dieser 9. November 1989 ein gewöhnlicher Donnerstag. Doch sollte an dieser Nachricht etwas dran sein, dann wäre das ungeheuerlich! Seit mehr als 28 Jahren nun teilt die Berliner Mauer die Stadt in Ost und West. Und niemand darf einfach so hin und her reisen. Bernd, der in Westberlin arbeitet, hat das oft genug selbst erlebt. Wollte er nach Ostberlin fahren, musste er zuvor eine Genehmigung einholen und manchmal stundenlang an der Grenze anstehen. DDR-Bürger durften ohnehin nicht in den Westen reisen, nur in den seltensten Fällen wurden Besuche bei Verwandten gestattet. Und jetzt – sollte sich das plötzlich ändern?

Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer: "Die DDR öffnet die Grenze!" Ab sofort, unverzüglich. Es ist die Top-Nachricht des Abends. Bernd und seinen Kumpel hält nichts mehr in der Wohnung. "Wir wollten unbedingt zum Brandenburger Tor", sagt er heute, 20 Jahre später, "aber dass das ein historischer Moment war, das habe ich damals nicht begriffen." Im Auto brausen sie los, vom Stadtteil Steglitz im Süden Berlins Richtung Zentrum. Doch schon am Kurfürstendamm ist kein Durchkommen mehr. Schnell parken die Freunde den Wagen und laufen zu Fuß weiter.

Und tatsächlich: Auf der Berliner Mauer vorm Brandenburger Tor stehen schon 40, 50 Menschen. Die Nachricht musste stimmen! Es dauert nur Minuten, bis auch Bernd und Dirk auf die Absperrung geklettert sind. Auf die Mauer, die bislang eine der bestbewachten Grenzen der Welt war – und auf einmal ihren Schrecken verloren hat.

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Menschenmassen versammeln sich am 9. November 1989 an der Berliner Mauer

Widerstand bis zuletzt

Sicher, eine Wende hatte sich angekündigt. Seit Längerem rumort es in der DDR. Weil die Betriebe nicht genügend produzieren, liegt die Wirtschaft am Boden. Michail Gorbatschow, Chef der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, spricht deshalb schon Mitte der 1980er Jahre mit Politikern der DDR über Veränderungen. Er selbst hat in der Sowjetunion damit begonnen. Dort soll sich der Staat nicht mehr so stark in die Wirtschaft einmischen und überhaupt demokratischer werden.

Doch die DDR-Machthaber erteilen ihm eine Abfuhr, sie halten fest an ihrer Politik. Im Gegensatz zu den Regierungen ihrer "sozialistischen Bruderländer" Ungarn und Polen: Im Mai 1989 etwa entfernen ungarische Soldaten den Stacheldrahtzaun an der Grenze zu Österreich. Spontan nutzen DDR-Bürger, die gerade in Ungarn Urlaub machen, das Schlupfloch und flüchten über Österreich in die Bundesrepublik. Die Bilder davon gehen um die Welt.

Es ist der Anfang einer Massenbewegung. Innerhalb weniger Tage fliehen im Sommer 1989 Tausende Menschen nach Warschau, Prag und Budapest. Dort klettern sie über die Zäune der westdeutschen Botschaften und kampieren im Freien. Harren aus und warten - auf ihre Ausreisegenehmigung. Endlich haben die Verhandlungen der Politiker Erfolg: Mitte September dürfen die Menschen aus Ungarn in die BRD ausreisen, Ende des Monats auch jene, die sich in die Botschaften von Warschau und Prag geflüchtet haben.

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Blick in den Westen - Der Fall der Mauer ist nur noch eine Frage der Zeit

"Wir sind das Volk!"

Derweil aber brodelt es auch innerhalb der DDR-Grenzen. Denn außer den Ausreisewilligen gibt es viele Menschen, die zwar mit der Staatsführung unzufrieden sind, ihr Land aber nicht verlassen, sondern verändern wollen. Diese beginnen schließlich, die Missstände anzuprangern und Reformen zu fordern.

Am 4. September gehen sie in Leipzig auf die Straße: 1200 Männer und Frauen, die "für ein offenes Land" demonstrieren und sich fortan jeden Montag versammeln. Woche für Woche kommen mehr. Und auch in anderen Städten regt sich Protest. Doch die DDR-Führung versucht, diese Entwicklung zu ignorieren. Scheinbar ungerührt feiert sie am 7. Oktober den 40. Jahrestag des Staates mit Militärparaden.

Nur zwei Tage später, bei der nächsten Montagsdemonstration, ziehen 70 000 Menschen durch Leipzig und rufen: "Wir sind das Volk!". Die friedliche Revolution ist in vollem Gange.

Die Flut

Es muss etwas geschehen! Um die Massen zu beruhigen, beschließt die DDR-Führung daher eine gelockerte Reiseregelung. Auf einer Pressekonferenz eben an jenem 9. November soll sie verkündet werden, am nächsten Tag in Kraft treten. Der SED-Mann Günter Schabowski, der die Pressekonferenz leitet, ist über die Regelung allerdings nicht genau informiert. Stockend liest er vom Blatt, dass jeder DDR-Bürger "über Grenzübergangspunkte der DDR" ausreisen könne. "Wann tritt das in Kraft?", fragt da ein Journalist. "Sofort ...unverzüglich", stottert Schabowski. Was zwar nicht stimmt, sich aber im ganzen Land verbreitet - sofort, unverzüglich.

Schon gegen 20.30 Uhr treffen die ersten DDR-Bürger am Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße ein. Die Grenzsoldaten sind verwirrt: Sie haben keinen Befehl erhalten. Daher lassen sie auch niemanden durch. Doch es kommen Hunderte, Tausende. "Tor auf, Tor auf!", brüllen sie. Der Druck wächst. Schließlich ruft ein Grenzer ins Telefon: "Wir fluten jetzt. Wir machen alles auf!" Die Menge bahnt sich ihren Weg - und ist in Westberlin! Später, um 00.02 Uhr, sind alle Grenzübergänge in Berlin offen.

Zweifel und Hoffnung

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Noch ungläubig werfen Bernd Beckmann (dunkle Jacke) und Dirk Hampe einen Blick auf die "andere Seite"

Auch am Brandenburger Tor wächst die Menschenmenge. Von beiden Seiten erklimmen die Leute die Mauer, dort oben fallen sich Fremde in die Arme. Mittendrin Bernd und Dirk, die plötzlich einfach hinunterspringen in den Ostteil der Stadt - und unsanft landen: Dirk verknackst sich den Knöchel und will nicht mehr weiter. "Stell dich nicht so an", sagt Bernd, "so etwas erleben wir so schnell nicht wieder!" Den humpelnden Freund im Schlepptau marschiert der junge Mann die Straße Unter den Linden entlang. Bald kann Dirk wirklich nicht weiter. Sein Knöchel ist stark geschwollen, er muss zurück und schleunigst ins Krankenhaus.

Die beiden Männer haben Glück: Ein älterer Herr, ein Ostberliner, der genau wie sie die Nachrichten im Radio gehört hat und "einfach mal gucken will", bietet Hilfe an. Er lädt die Freunde in seinen Wagen und fährt sie Richtung Grenzübergang Invalidenstraße. Aber ganz heran traut er sich dann doch nicht. Die Lage ist ihm nicht geheuer. Als er den Wagen stoppt, gibt Bernd ihm als Dankeschön 20 D-Mark. Der Mann schaut ihm fest in die Augen: "Wenn das alles wahr sein sollte und die Grenze tatsächlich offen bleibt, dann kaufe ich mir von diesem Geld einen Stadtplan von Westberlin."

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