Verschoben - warum wir so vieles erst morgen besorgen

Die Englisch-Vokabeln erst auf dem Schulweg gelernt? Die Hausauf-gaben in der Pause erledigt? Aufschieben kann zur lästigen Gewohn-heit werden. GEOlino-Redakteurin Katharina Beckmann kennt das Pro-blem – und fragt sich, was man gegen diese "Aufschieberitis" tun kann
In diesem Artikel
Aufschieben ist ganz normal!
Die Arbeit in Häppchen zerlegen
Plan aufstellen und Zwischenziele setzen
Wie lange brauche ich?

Aufschieben ist ganz normal!

Beschlossen, diese Geschichte zu schreiben: vor genau sechs Wochen. Mit dem Schreiben begon- nen: vorgestern, um vier Uhr am Nachmittag.

Dabei wollte ich es dieses Mal ganz anders ma- chen, hatte rechtzeitig Bücher bestellt, Aufsätze kopiert, Experten kontaktiert. Aber nun ist meine Geschichte die letzte des Heftes, die unsere Textchefin zu lesen bekommt. Und ich bekenne: mal wieder. Denn ich bin eine Aufschieberin, oder wie die Experten sagen: eine Prokrastiniererin (vom lateinischen pro = für und cras = morgen). Nach allem, was ich über das Thema gelesen und gehört habe, würde ich mich als mittelschweren Fall bezeichnen. Ich bekomme die meisten meiner Aufgaben locker auf die Reihe. Aber meine Artikel gebe ich gern morgen ab, übermorgen. Dann aber versprochen!

"Das ist doch erst einmal voll- kommen natürlich", sagt Anna Höcker, Psychologin an der Uni- versität Münster und eine Exper- tin in Sachen "Aufschieberitis". Der Mensch, erklärt sie, strebt ständig danach, angenehme Sachen zu tun oder solche, die rasch zu einem Erfolgserlebnis führen. Denn dann wird das Ge- hirn mit Glückshormonen ge- flutet, und wir fühlen uns wohl.

"Warum sollte man also sofort einen Artikel schreiben – oder über Wochen für eine Klassenarbeit lernen, wenn die Belohnung dafür noch in weiter Ferne liegt?", fragt Anna Höcker. "Genau deshalb räumen selbst Kinder vor dem Lernen lieber auf. Dadurch haben sie schnellen Erfolg. Und Aufräumen ist immer noch angenehmer als Lernen."

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Die Arbeit in Häppchen zerlegen

Wenn im Prinzip Aufschieben völlig menschlich ist: Warum schafft es manchen Umfragen zufolge trotzdem jeder Zweite, seine Aufgaben halbwegs pünktlich zu erledigen?

"Nun", sagt Anna Höcker, "einerseits wollen wir Unangenehmes vermeiden, andererseits aber auch die unangenehmen Folgen des Aufschiebens." Sprich: Die Furcht vor der schlechten Note überwiegt irgendwann – und man fängt mit dem Lernen an.

Auch ich kenne natürlich die Konsequenzen: Ich fühle mich schlecht, wenn ich zu spät dran' bin. Und bin es dann trotzdem. In vielen Untersuchungen zeigt sich übrigens, dass Aufschieber höchstpersönlich die Aufschieberei bei anderen Menschen extrem nervig finden! Und neidisch sind auf jene, die ihre Aufgaben eher früher als später abarbeiten.

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Was ist bloß deren Zaubermit- tel? Die Antwort, die Experten geben, klingt einfach: Abgabe- termine! Erst ein fixes Datum, sagen sie, wecke bei den Erle- digern alle Kräfte. Und je knapper die Zeit, desto fleißiger werden sie. Warum das so ist? Weil Ab- gabetermine schlagartig Erleich- terung versprechen und dieses Glücksgefühl, es pünktlich ge- schafft zu haben. Einerseits.

Plan aufstellen und Zwischenziele setzen

Andererseits gibt es ein Experiment dreier Psy- chologieprofessoren der Oxford-Brookes- Univer- sität in Großbritannien: Sie ließen Studenten Lego-Häuser bauen. Eine Gruppe durfte dabei selbst entscheiden, wie viel Zeit sie dafür benö- tigt, eine zweite bekam einen festen Abgabeter- min, die dritte Gruppe sollte möglichst schnell arbeiten und die vierte Gruppe musste gar keiner Anweisung folgen.

Nachdem die Studenten ihre Häuschen zusammengebaut hatten, beobachteten die Professoren heimlich, wer von ihnen noch Lust hatte, sich weiter mit den Lego-Steinen zu beschäftigen. Das Ergebnis: Alle werkelten weiter – nur die Studenten mit festem Abgabetermin hatten überhaupt keine Lust mehr auf die Spielereien und packten die Steine sogleich entnervt weg.

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Damit einem Abgabetermine nicht jede Freude an den Aufgaben klauen, rät Anna Höcker zu einem Trick: "Man muss sich neben dem offiziellen Termin eigene Zwi- schenziele setzen." So hat man seinen eigenen Plan. Und: Der Aufgabenberg wird in überschau- bare Häufchen geteilt. Statt "den Aufsatz schreiben" heißt es nun: "sich einlesen", "die Gliederung machen", "die Einleitung schrei- ben" – und, und, und.

Wie lange brauche ich?

Einen eigenen Plan zu machen ist allerdings gar nicht so einfach. Anna Höcker erzählt: "Die meis- ten überschätzen sich und glauben, Dinge in viel kürzerer Zeit zu schaffen." An der Universität Münster hat sie deshalb mit ihren Kollegen ein Trainingsprogramm für Aufschieber entwickelt:

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Jene, die dauernd Abgabetermine überziehen, dürfen nur noch für eine ganz bestimmte Zeit an ihren Aufgaben arbeiten. Bei manchen be- trägt diese anfangs nicht mehr als 20 Minu- ten! Davor und danach ist Lernen streng ver- boten.

So sollen die Aufschieber ein Gefühl dafür bekommen, was sie in einer bestimmten Zeit schaffen können. Und sie sollen sich feste Termine setzen, die sie nicht mehr verschie- ben. Nebenbei lernen die Studenten bei Anna Höcker, eigene Ansprüche im Zaum zu halten.

"Viele Aufgaben muss man einfach nur pünkt- lich und nicht immer perfekt zu Ende bringen", erklärt die Psychologin. Nehmen wir eine Klas- senarbeit: Wer am Ende der Stunde nicht ab- gibt, bekommt eine glatte Sechs - ganz gleich, wie genial das bereits Geschriebene sein mag.

Einige Tipps zum Schluss

Darum sollte nun auch ich zum Schluss kommen. Wie gesagt: Ich bin schon wieder zu spät dran, das will ich ändern. Und ich weiß ja nun auch, wie das klappen kann:

  • Große Aufgabenberge in kleine Häufchen einteilen
  • Realistisch planen
  • Einen eigenen Zeitplan mit Zwischenzielen schreiben und diesen einhalten
  • Sich nicht ewig mit dem schlechten Gewissen herumplagen, damit verplempert man nur noch mehr Zeit
  • Texte pünktlich abgeben, denn das beglückt

Beim nächsten Mal, versprochen!

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