Schlaf Träume – alles Schäume?

Wozu träumen wir? Sind Träume nur nächtliche Gedankengewitter oder teilen sie uns etwas mit? Lest, was Schlafforscher und Neurologen dazu meinen!
In diesem Artikel
Warum träumen wir?
Der Wunsch als Vater des Traums?

Fidel ist eingeschlossen. In den engen, feuchten Gemäuern eines Turms muss er versuchen, die schmale Treppe an der Seite nach oben zu nehmen. Doch je weiter er die rutschigen Stufen emporklettert, desto höher wird der Turm - die rettende Öffnung entfernt sich immer mehr!

Schweißgebadet wacht Fidel auf und schält sich aus dem Bett. Ein Traum. Was der wohl zu bedeuten hat, fragt sich Fidel noch auf dem Weg zur Schule.

Sicher ist: Bevor er "traumhaft" im Turm umhergeklettert ist, war Fidel auf Erholungskurs: In der ersten Hälfte der Nacht fällt der Körper in einen tiefen, erholsamen Schlaf – ganz ohne Traum. Erst danach folgt die sogenannte REM-Phase des Schlafes. Die Abkürzung REM steht für "Rapid Eye Movement" (zu deutsch "schnelle Augenbewegung"). In dieser Phase bewegen sich Fidels Augen extrem schnell hin und her - und das, obwohl es gar nichts zu sehen gibt.

Jetzt träumt Fidel - vom hohen Turm, aber vielleicht auch von Giraffen oder seinem verstorbenen Opa. Überraschend: Auch wenn Fidel sich nur an den Turm-Traum erinnert, träumt er in dieser Nacht viel öfter.

Warum träumen wir?

Dass Träume für unsere Gesundheit wichtig sind - darin sind sich Wissenschaftler einig. Doch über ihre genaue Bedeutung für Körper und Seele streiten sie sich noch.

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Obwohl wir nachts mehrere Träume haben, erinnern wir uns oft nur noch an einen Traum.

Eine Vermutung, der die Traumforscher nachgehen: Wenn wir träumen, räumt unser Gehirn auf. Es verarbeitet die Eindrücke des vergangenen Tages, manchmal auch längerer Zeiträume. Dabei sortiert es unsere Gefühle und Erlebnisse und verknüpft diese Wahrnehmungen zum Beispiel mit bereits "abgespeicherten" Erfahrungen: Unser Gehirn arbeitet in den REM-Phasen besonders aktiv.

Das Gehirn räumt nachts aber nicht nur unsere Erlebnisse auf, sondern zum Beispiel auch den Lernstoff. Während in der Tiefschlafphase Vokabeln und Co. verinnerlicht werden, festigt das Gehirn neu erlernte Bewegungsabläufe wie Schwimmen, Fahrradfahren oder Geige spielen im Traum!

Wie wichtig die REM-Schlafphasen und damit auch unsere Träume generell für uns sind, wurde Wissenschaftlern in einem Experiment klar: Sie hinderten freiwillige Versuchspersonen im Schlaflabor daran, in die Traumphase überzugehen:

Das regelmäßige Weckerklingeln führte bei vielen Probanden vorübergehend dazu, dass ihre Lern- und Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt war und Hunger und Durst zunahmen. Manche Versuchsteilnehmer wurden sogar aggressiv.

Der Wunsch als Vater des Traums?

Ganz anders aber hätte Sigmund Freud (1856-1939) die Frage beantwortet, wozu unsere Träume gut sind: Für den berühmten Psychoanalytiker waren sie der "Königsweg zum Unbewussten". Freud glaubte nämlich, dass unsere Träume eine verschlüsselte Sprache unseres Unbewussten seien. Verborgene Wünsche und Ängste als nächtliche Botschaften?

Auch moderne Hirnforscher mutmaßen, dass Träume nicht einfach nur ein Gedankengewitter im Gehirn sind. So fanden sie heraus, dass ein ganz bestimmter Teil im Gehirn für unsere Träume zuständig ist: das Belohnungszentrum. Und das wird immer aktiv, wenn wir etwas wollen. Hatte Freud also doch Recht, dass sich unsere geheimsten Wünsche als nächtliche Abenteuer offenbaren? Nun ja, beweisen konnte man das bislang noch nicht.

Träume - geniale Signale!

Sicher ist aber: Träume machen uns kreativ! Das wiederum konnten Forscher in Experimenten beweisen. Probanden schnitten bei kniffeligen Denkaufgaben besser ab, wenn sie zuvor süße Träume hatten.

Aber nicht nur danach, auch während des Traumes erleben Menschen kreative Höhenflüge. So zum Beispiel der Ex-Beatle Paul McCartney: Die Idee zur Melodie seines Hits "Yesterday", sagte er, sei eine nächtliche Eingebung in einem Traum gewesen. Na dann: Schlaft gut und träumt was Schönes!

Traumdeutung früher und heute

Träume helfen nicht nur, Gelerntes zu speichern und kreativ zu denken. Sie können nach Ansicht einiger Wissenschaftler auch helfen, das eigene Leben besser zu verstehen - besonders, wenn man in einer vermeintlich aussichtslosen Krise steckt: Oneirologie ist der Name für die moderne wissenschaftliche Traumdeutung.

Ein Traum kann Botschaften senden und uns auf Dinge und Probleme aufmerksam machen, die wir tagsüber nicht bewusst wahrnehmen (wollen). Oder er zeigt uns den Ausweg aus einem ungelösten Problem. Es liegt dann an uns, die Träume bewusst mit unserem Leben zusammenzubringen und Schlüsse aus ihnen zu ziehen. Dabei ist es hilfreich, ein Traumtagebuch zu führen.

Gibt es ein Rezept für die Traumdeutung? Nein. Obwohl unzählige Bücher darüber existieren, können solche Pauschal-Interpretationen nur erste Ansätze liefern: Ein Traum ist einfach zu persönlich.

Fidels Traum vom Turm, der immer höher wird, könnte beispielsweise bedeuten, dass sich er sich von seinen Mitmenschen abkapselt (im Turm gefangen sein) und aus dieser Isolation nur schwer herausfindet (der Turm wächst und wächst). Ebenso könnte es sein, dass sich Fidel zu hohe, zu ehrgeizige Ziele setzt und diese nicht erreicht.

Das spannende Thema Träume hat die Menschen aber nicht erst seit Sigmund Freuds psychoanalytischer Traumforschung fasziniert. Schon im alten Ägypten und in Mesopotamien spielte die Traumdeutung eine wichtige Rolle: Die Menschen damals glaubten, dass ihre Träume von den Göttern gesandt wurden.

In Indien machte man gar keinen Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit - der nächtliche Traum wurde dadurch zum Propheten für die Erlebnisse des folgenden Tages!

Und bei den alten Griechen in der antiken Spätzeit trieb das Geschäft mit der Traumdeuterei wahre Blüten. Auf Volksfesten liefen Traumdeuter zu Scharen ein - sie versuchten, damit Geld zu verdienen. Der griechische Dichter Homer betrachtete den Traum sogar als menschliches Wesen - es sucht den Schlafenden in der Nacht heim, um ihm göttliche Eingebungen mitzuteilen.

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