Pubertät Wenn Kopf und Körper erwachsen werden

Sie ist ganz plötzlich da, verdreht einem den Kopf und lässt den Stress daheim und in der Schule genauso wachsen wie Bart und Busen - die Pubertät. Lest alles über die verrückteste Lebensphase
Wenn Kopf und Körper erwachsen werden

In der Pubertät spielen oft die Gefühle verrückt

Es klingt ganz harmlos im Biologie-Buch: "Pubertät", heißt es da, "ist eine Entwicklungsphase, in der sich die Geschlechtsorgane weiterentwickeln, bis die Geschlechtsreife eintritt. Normalerweise verläuft die Pubertät zwischen dem 10. und 17. Lebensjahr." Aber im wahren Leben, da ist Pubertät …

"... echt anstrengend. Man ist schon extrem zickig. Bei jeder Kleinigkeit bin ich sofort auf 180." Karina (14)

"Ich hab keine Lust mehr, immer auf das zu hören, was andere sagen. Ich will jetzt einfach selber herausfinden, was für mich das Beste ist." Florenz (14)

"Alles wächst. Vielleicht fühlt man sich allein dadurch erwachsener." Jonas (15)

Gefühlschaos, Ärger mit den Eltern oder in der Schule und ein Körper, der irgendwie aus den Fugen gerät: Die Pubertät, so viel ist sicher, verwandelt Leib und Seele in Großbaustellen. In keiner anderen Lebensphase verändert sich ein Mensch so schnell und so sehr wie in der Pubertät. Wie kommt es dazu?

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In der Pubertät verändert sich nicht nur der Körper, sondern auch Ansichten, Charakterzüge und manchmal auch der Freundeskreis

Den Startschuss gibt ein gerade mal daumennagelgroßer Teil des Gehirns: der Hypothalamus. Der befiehlt der Hypophyse, einer benachbarten Drüse, Hormone auszuschütten. Diese Botenstoffe flitzen über die Blutbahnen durch den ganzen Körper und signalisieren den Muskel- oder Knochenzellen vor allem eines: "Vermehrt euch!" Zwischen dem zwölften und 14. Lebensjahr schießen Mädchen und Jungen dann bis zu zehn Zentimeter in die Höhe - pro Jahr. Und nehmen dabei bis zu acht Kilo Körpergewicht zu. Das erfreut den einen mehr und die andere weniger:

"Früher war mir das echt nicht so wichtig. Aber jetzt habe ich viel mehr Probleme mit der Figur, bin unzufriedener mit mir." Alisa (15)

"Ich finde es gut, zu wachsen. Ich habe das ja schon bei meinem großen Bruder gesehen. Von daher gab es keine Überraschungen." Niklas (15)

Nicht nur Arme und Beine - auch der Kehlkopf vergrößert sich bei Jungen, und so spielt bei ihnen plötzlich die Stimme verrückt: Sie kippt und kratzt, wechselt die Tonlage, wie es ihr gefällt. Und dann die Haare: Sie sprießen beiden Geschlechtern unter den Achseln und zwischen den Beinen, im Schambereich. Den Jungen wächst zusätzlich noch ein zarter Flaum über der Oberlippe: der erste Bart. Schließlich entfernt sich der Körper noch einen Schritt weiter von der Kindheit.

"Ich habe mich darüber gefreut, als ich zum ersten Mal meine Periode hatte, weil man einfach merkt, dass man jetzt wirklich zur Frau wird." Lotta (14)

"Ich hatte meinen ersten Samenerguss, und danach hat mich mein Vater darauf angesprochen. Das war für mich kein Problem." Jonas (15)

So verändert sich der Körper bei Jungen

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Zwischen zwölf und 16 Jahren nimmt die Körpergrösse 1 um bis zu zehn Zentimeter pro Jahr zu. Die Zahl der Muskelzellen verdoppelt sich - Schultern und Brust 2 werden sichtbar breiter. Gleichzeitig lassen männliche Geschlechtshormone wie das Testosteron Hoden und Penis 3 wachsen. Jungen haben nun ihren ersten Samenerguss. Mit etwa 15 Jahren leitet das Testosteron den Stimmbruch ein: Kehlkopf und Stimmbänder wachsen, die Stimme 4 wird tiefer. Die Scham- und Körperhaare 5 sprießen: erst im Schritt, etwa zwei Jahre später unter den Armen, aber auch auf der Brust, an Armen und Beinen. Der Bart 6 wächst zunächst nur über der Oberlippe, es folgen Kinn, Hals und Wangen.

So verändert sich der Körper bei Mädchen

Mädchen legen im Alter zwischen zehn und 14 Jahren bis zu neun Zentimeter Körpergrösse 1 pro Jahr zu. Für die typisch weiblichen Kurven sorgt zusätzliches Fett an Bauch, Hüfte und Oberschenkeln. Ab dem elften Lebensjahr befehlen Östrogene – weibliche Geschlechtshormone – der Brust 2 , zu wachsen. Ähnliches gilt für die Geschlechtsorgane: Die Scheide 3 vergrößert sich, die Gebärmutterschleimhaut bildet sich aus. Ist der Körper eines Mädchens groß genug, um ein Kind austragen zu können, folgen der erste Eisprung und die erste Monatsblutung. Meistens passiert das im Alter zwischen zwölf und 14 Jahren. Etwas früher schon sprießen die ersten Scham- und Körperhaare 4 .

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Mit der Geschlechtsreife schleicht sich ein bisher unbekanntes Kribbeln in den Bauch.

"Früher hieß es immer: ,Iiiihhh, Jungs!‘ Und jetzt ist da viel mehr Anziehung. Man sucht nach dem anderen Geschlecht und möchte eine richtige Beziehung." Lotta (14)

Stundenlang hängen Jungs zusammen herum und Mädchen am Telefon, bis das Ohr ganz warm und das Hirn ganz wirr ist, wegen all der Fragen: Was verbindet einen mit dem Menschen am anderen Ende der Leitung? Nur Schwärmerei oder tatsächlich die erste Liebe? Und wann ist man bereit für den ganz großen Schritt: das erste Mal?

"Bei mir wäre das erst nach einer langen Zeit in der Beziehung möglich. Und meinem Partner muss ich vertrauen können. Nicht, dass er gleich zu seinen Freunden rennt und sagt, wie es war." Lotta (14)

"Ich habe versucht, meiner Mutter zu erklären, dass ich vorhabe, bald Sex zu haben. Und die meinte, ich sei viel zu jung dafür." Niklas (15)

Das erste Mal

Für das „erste Mal“ gibt es kein Patentrezept, kein Richtig oder Falsch. Was zählt, ist, dass ihr nichts gegen den eigenen Willen und den des anderen tut. Setzt euren Partner und vor allem euch selbst nicht unter Druck. Manche wollen schon nach kurzer Zeit in einer Beziehung mit dem anderen schlafen, manche brauchen eine Weile. Wenn ihr euch für den großen Schritt entscheidet, sorgt für eine angenehme At mosphäre. Denn wenn jeden Moment die Eltern hereinplatzen könnten oder dauernd das Handy klingelt, kann sich niemand richtig fallen lassen. Wichtig ist auch das Vorspiel: Mit zärtlichem Küssen und Streicheln am ganzen Körper steigert ihr eure sexuelle Erregung. Bei Mädchen wird dann die Scheide feucht, bei Jungen der Penis steif. Vergesst trotz all der Aufregung und den vielen neuen Erfahrungen nicht zu verhüten – mit einem Kondom oder der Pille. Sprecht am besten vorher mit euren Eltern darüber. Denn natürlich können Mädchen auch beim ersten Sex schwanger werden. Manchen tut es weh, wenn der Penis in die Scheide eindringt, andere spüren so gut wie keinen Schmerz. Jungen kommen beim ersten Mal oft schnell zum Samenerguss. Schämen muss sich deswegen keiner. Schließlich klappen andere Dinge, die ihr noch nie ausprobiert habt, auch nicht sofort perfekt. Es ist eben: das erste Mal.

Dieser plötzliche Sinneswandel und die 1000 Gedanken haben einen guten Grund: Auch das Gehirn wird gründlich umgebaut. Besonders lange dauern die Arbeiten in dem Teil des Denkapparates, der uns vernünftig handeln lässt. Dieser "präfrontale Kortex", direkt hinter der Stirn, ist quasi gesperrt. So müssen sämtliche Informationen eine Umleitung nehmen – ausgerechnet in den sogenannten Mandelkern. Das ist jener Hirnbereich, der Bauchentscheidungen steuert, also unüberlegte Reaktionen. Und der letztlich auch dafür sorgt, dass es in der Pubertät immer öfter kracht.

"Man reagiert oft über. Kleine Dinge machen einen auf einmal so rasend, dass man sich total dumm verhält." Jonas (15)

"Und wenn irgendjemand meint, befehlen zu müssen, dann lehnt man das sofort ab. Das möchte man schon aus Prinzip nicht annehmen." Lotta (14)

Sich nichts mehr vorschreiben lassen: Damit machen es sich viele vielleicht schwer, aber sie können oft nicht anders. Denn nur, wenn sie sich mit den Eltern streiten und sich von deren Ansichten lösen, können sie ihre eigenen finden.

"Klar, man probiert extreme Sachen aus. Es gibt Leute, die laufen nur in Schwarz mit Nieten rum. Die wollen provozieren. Vor allem dann, wenn Eltern es gar nicht mögen, dass sie solche Klamotten anziehen." Paul (14)

Chaos im Kopf! Warum das Hirn verrückt spielt

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Das Gehirn gleicht während der Pubertät einer großen Baustelle. Wenig genutzte Nervenverbindungen werden gekappt, wichtige Verbindungen zu "Informations-Autobahnen" ausgebaut. So sortiert sich das Gehirn komplett neu, wird leistungsfähiger und schneller. Der präfrontale Kortex 1 lässt uns vernünftig und überlegt handeln – eigentlich. Nicht so in der Pubertät: Die Umbaumaßnahmen dauern dort am längsten, und alle Informationen müssen die Umleitung über den Mandelkern 2 nehmen. Der steuert Bauchentscheidungen – und sorgt so dafür, dass man während der Pubertät wegen jeder Kleinigkeit explodiert.

Andere brauchen den noch größeren Kick: fahren darum mit dem Fahrrad eine Treppe runter oder trinken so viel Bier, bis sie irgendwann doppelt sehen. Das Gehirn von Jungen und Mädchen nimmt während der Pubertät Gefühle und Erlebnisse nämlich nicht mehr so stark wahr wie noch in der Kindheit. Reichte damals der Sprung vom Drei-Meter-Brett aus, um sich mutig zu fühlen, werden jetzt die Ansprüche höher und auch die Bereitschaft, echte Risiken einzugehen. In keinem anderen Lebensabschnitt passieren daher mehr Unfälle als in der Pubertät.

Aber manchmal geschieht auch das Gegenteil - und Mädchen und Jungen ziehen sich komplett zurück. Sie werden traurig, sind völlig überfordert von den vielen Veränderungen. Ganz gleich, wie man die Pubertät erlebt, dieses Niemandsland zwischen Kindheit und Erwachsensein - seltsam, komisch und ein bisschen schwierig ist es wohl irgendwie immer, für alle.

Beruhigend aber ist: Nach ein paar Jahren legt sich das Chaos meist wieder. Was dann bleibt, ist die Erinnerung an ein paar völlig verrückte Jahre.

"Also ich finde die Zeit gar nicht so schlimm. Auch wenn man jetzt Konflikte hat, die gehören ja zum Leben. Und so was wird man ja auch später immer haben." Alisa (15)

"Ich bin froh, dass es die Pubertät gibt. Man denkt jetzt über Sachen nach, die einen sonst nicht beschäftigt haben: Was mache ich mit meiner Zukunft? Ich habe noch keine Zeit so intensiv erlebt wie jetzt." Jonas (15)

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