Drogen: Warum Jugendliche manchmal süchtig werden

Ein Zug aus der Zigarette, ein Schluck Bier - was kann daran schon schädlich sein? Am Anfang wirken Drogen oft herrlich harmlos. Doch die Suchtmittel arbeiten mit fiesen Tricks: Sie locken mit schönen Gefühlen und verändern das Gehirn - bis die Menschen nicht mehr ohne sie auskommen
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Aus Langeweile benebelt
Eingebauter Motivationskünstler
Die Wirkung lässt nach
Marihuana

Aus Langeweile benebelt

Joint - den Namen hat Julia das erste Mal vor einem Jahr gehört. Damals hatte einer ihrer Freunde Marihuana auf eine Party mitgebracht, getrocknete Cannabis-Pflanzen. Die hatte er in ein Blättchen gerollt wie eine Zigarette, angezündet und den anderen angeboten.

Aus Langeweile benebelt

Die 13-Jährige nahm auch ein paar Züge. Sie atmete ein. Aus. Noch mal ein. Der Joint schmeckte nicht toll, war aber ganz entspannend, und so rauchte das Mädchen öfter mit ihrer Clique: nachmittags, wenn es mal wieder megalangweilig war. Oder in der Schulpause. Dass ihre Noten wie auf einer Treppe nach unten purzelten - zwei, drei, vier, fünf - bekam Julia gar nicht mit. Okay, das Denken fühlte sich schon ein bisschen neblig an. Und auf Mathe konzentrieren konnte sie sich auch nicht mehr. Aber das war echt egal, fand sie.

Jeder Fünfte raucht

Irgendwann waren Julias Eltern wegen der miesen Noten sauer. Richtig entsetzt waren sie dann aber, als sie dahinter kamen, dass ihre Tochter Drogen nahm. Sie brachten sie gleich in das SuchtPräventionsZentrum in Hamburg, wo Schüler mit Drogenproblemen beraten werden. Und das sind eine ganze Menge: Mehr als 25 Prozent der Jugendlichen in Deutschland haben schon Marihuana oder Haschisch probiert. Bei den 12- bis 15-Jährigen raucht jeder Fünfte regelmäßig Zigaretten. Viele Mädchen und Jungen trinken auf Feten auch noch Bier, Wein, Sekt oder Schnaps dazu, bis sie völlig berauscht sind.

So verschieden die Drogen sind, alle wirken ähnlich: Einige ihrer Bestandteile schwimmen mit dem Blut ins Gehirn (bei Cannabis ist es ein Stoff namens THC). Dort regen sie das Belohnungszentrum an - einen Teil des Oberstübchens, der uns mit schönen Gefühlen versorgt. Sobald es eingeschaltet ist, funkt es die Botschaft: "Du fühlst dich wohl!" Ja, manchmal sind wir dann sogar richtig glücklich.

Eingebauter Motivationskünstler

Eine Belohnung für Drogen? Was für eine blöde Idee!, sagt ihr vielleicht. Aber eigentlich ist das Zentrum eine tolle Erfindung der Natur, mit der bereits unsere Vorfahren an lebenswichtige Dinge erinnert wurden.

Was wäre zum Beispiel geschehen, wenn die zu essen vergessen hätten? Klar: Sie wären im Nu verhungert. Deshalb hat unser Körper im Gehirn einen Motivationskünstler eingebaut. Der belohnt die Menschen, wenn sie genug Nahrung zu sich nehmen; wenn sie trinken oder sich fortpflanzen. So wie ein Pferd Zucker bekommt, wenn es brav war!

Leider lässt sich das Belohnungszentrum gern bestechen. Es rückt die schönen Gefühle bei Drogen nämlich noch großzügiger heraus als bei einer Hähnchenkeule und Pommes! Unsere Vorfahren haben das schnell herausgefunden: Schon die alten Germanen schütteten süßen Honigwein, den Met, in sich hinein, bis sie betrunken auf der Erde lagen. Und als die spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert in den Anden die Indios versklavten, merkten sie ganz erstaunt, dass die 36 Stunden am Stück in den Minen arbeiten konnten. Ohne Essen! Die Arbeiter kauten Koka-Blätter, in denen die Droge Kokain enthalten ist, und diese vertrieb den Appetit.

Drogen wirken im Gehirn

Weil sich Drogen im Gehirn lieb Kind machen, werden viele Leute danach süchtig: Wenn sie sich erst einmal an Schnaps, Zigaretten, Kokain und andere Dinge gewöhnt haben, wollen sie nicht mehr darauf verzichten.

Aber die Suchtmittel bringen unser Gehirn noch mit anderen fiesen Methoden durcheinander: Oft geben sie sich nämlich auch als Botenstoffe aus - das sind kleine Teilchen, die im Gehirn Nachrichten überbringen. Diese Botenstoffe treiben von einer Nervenzelle zur anderen. Dort machen sie an Anlegestellen fest, den Rezeptoren, und befehlen den Zellen zu arbeiten. Manche Teilchen leiten beispielsweise Bilder von den Augen weiter, andere übertragen Töne. Einige beruhigen uns. Und manche machen uns mobil.

Je nachdem, welche Botenstoffe die Drogen imitieren, können sie verschiedene Dinge in unserem Kopf anstellen. Alkohol etwa besetzt die Rezeptoren von so genannten "GABA-Botenstoffen", die den Körper beruhigen. Deshalb fühlen sich Alkoholtrinker meist entspannt.

Wenn Menschen hin und wieder ein Bier trinken, ist das kein Problem. Aber wenn die Rezeptoren zu oft besetzt sind, kommt unserem Körper das verdächtig vor. "Moment!", denkt er sich. "Dem Faulenzer mache ich Beine!" Und um uns wieder aktiv zu machen, baut er die Ruhe-Rezeptoren ab!

Die Wirkung lässt nach

Bei Männern und Frauen, die regelmäßig Alkohol trinken, lässt dessen Wirkung deshalb immer mehr nach: Jugendliche fühlen sich nach einem Bier noch schwummrig, Erwachsene merken das oft gar nicht mehr! Das Gehirn von Vieltrinkern ist oft sogar radikal umgebaut. Weil sie nur noch wenige Ruhe-Rezeptoren besitzen, werden sie nüchtern ganz hibbelig und bekommen Muskelkrämpfe. Die Menschen sind dann vom Alkohol abhängig. In Deutschland gibt es mehr als zweieinhalb Millionen solcher Alkoholiker, schätzen Experten.

Gehirnzellen sterben

Um sich wieder wohl zu fühlen, müssen die Süchtigen immer weitertrinken, obwohl das für den Körper hyperschädlich ist! Denn in großen Mengen zerstört Alkohol die Leber. Und er tötet Gehirnzellen, bis das Gedächtnis so löchrig ist wie ein Schweizer Käse. Viele Alkoholiker können deshalb nicht mehr arbeiten. Manchmal werden sie auch launisch und aggressiv, sodass selbst ihre besten Freunde nichts mehr von ihnen wissen wollen. Die heftigsten Drogen - etwa Heroin, das aus der Mohnblume hergestellt wird - sind sogar noch schlimmer: Sie verändern das Gehirn so schnell, dass Menschen schon nach dem ersten Probieren süchtig werden können!

Die Lunge: ein schwarzer Klumpen

Aber auch Zigaretten können superschädlich sein. Die Glimmstängel enthalten neben dem Suchtstoff Nikotin auch noch Teer, der sich in der Lunge ablagert, bis die sich in einen pechschwarzen Klumpen verwandelt hat. Beim Sport sind Raucher deshalb nicht selten üble Schlaffis - und das ist noch das kleinste Problem: Bei vielen verstopfen auch die Adern, sodass ihnen im Alter die Beine amputiert werden müssen. Und jeder zweite Raucher stirbt sogar an Krankheiten wie Krebs oder Herzinfarkt, die durch Zigaretten ausgelöst werden. Rund vier Millionen Menschen sind es jedes Jahr auf der Welt. Das sind mehr Tote als durch alle Kriege zusammen.

Marihuana

Marihuana wird wie Haschisch aus der Cannabis-Pflanze hergestellt. Es enthält den Stoff THC, der entspannend wirkt und Gefühle verstärkt. Marihuana gilt zwar als "weiche Droge", weil es nicht so süchtig macht wie andere Rauschmittel. Es ist aber keineswegs harmlos: Raucher können unter Denkstörungen, Herzrasen oder Wahnvorstellungen leiden.

Pilze

Pilze werden als Rauschmittel immer beliebter. Einige Sorten enthalten den Wirksroff Psylocybin, der Halluzinationen auslöst. Wer solche Pilze gegessen hat, fühlt sich oft schwerelos, als ob er fliegen könte. Aber die Wirkung lässt sich schwer vorhersagen; die Droge kann genausogut Angstattacken verursachen. Dann wird der Pilzrausch zum Albtraum.

Ecstasy

Ecstasy wird im Labor hergestellt und als Tablette verkauft. Der Stoff macht selbstbewusst, verringert Appetit und Durst und putscht auf. Jugendliche haben dann das Gefühl, ewig tanzen zu können - was aber natürlich nicht geht: Oft brechen sie vor Erschöpfung zusammen. Ecstasy zerstört außerdem Nervenzellen im Gehirn und kann furchtbar traurig machen.

Heroin

Heroin ist die wohl gefährlichste "harte Droge" und macht schon beim ersten Probieren süchtig. Obwohl der Stoff streng verboten ist, sind in Deutschland über 120000 Menschen davon abhängig. Für den Körper ist Heroin ultraschädlich. Es schädigt Leber, Magen und Darm und lähmt die Atmung.

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GEO Nr. 05/97
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