Im Himmel verschollen Amelia Earhart: Geschichte einer Pilotin

Sie fliegt höher als alle Frauen vor ihr, überquert als erste den Atlantik. Einen letzten Rekord aber will die US-amerikanische Pilotin Amelia Earhart noch brechen. So startet sie im Juni 1937 zu einer waghalsigen Weltumrundung...
Amelia Earhart

"Lady Lindy" wird Amelia Earhart oft genannt - in Anspielung auf Charles Lindbergh, der als Erster allein und nonstop den Atlantik überquerte.

SchhhhKrrrSchhhh ... Betty Klenck dreht am Sender-Rad ihres Radios. Die 15-Jährige aus St. Petersburg im US-Bundesstaat Florida will sich Jazz- und Swinghits anhören. Doch aus dem klobigen Apparat kommt an diesem 2. Juli 1937 nur Rauschhhhen und Krrrratzen. Betty wendet sich ab, kritzelt Muster und Männchen. Bis sie plötzlich erstarrt. Die Radioantenne hat eine aufgeregte Frauenstimme eingefangen, klar und nah. +++ Hier spricht Amelia Earhart +++

Betty ist flugzeugverrückt, weiß darum sofort, wer da funkt: Es ist Amerikas berühmteste Pilotin, die vor genau einem Monat zu ihrem Rekordflug rund um die Erde aufgebrochen ist. Und nun in Not? +++ Hier spricht Amelia...SchhrrrKrrr... SOS +++

Betty schreibt auf, was sie aufschnappen kann: Buchstaben, Positionsangaben, Hilferufe. Es sind die wohl letzten Lebenszeichen dieser Frau, die beschlossen hatte abzuheben, in den Himmel zu kommen - koste es, was es wolle.

Von den anderen Mädchen abgehoben hat sich Amelia Earhart, Jahrgang 1897, schon immer. Sie mag Hosen lieber als Röcke, spielt lieber am Fluss als zu stricken. Bald wird sie sich nur noch für eines interessieren: das Fliegen.

Weihnachten 1920 nimmt ihr Vater sie mit zu einer Flugshow, wo dröhnende Kisten Kunststücke am Himmel vollführen. Amelia starrt nach oben, bis ihr der Nacken schmerzt. Es ist ihr Erweckungserlebnis. Schon ein gutes Jahr später hat Amelia die Fluglizenz.

Amelia Earhart stellt einen Weltrekord auf

Im Oktober 1922 startet sie dann richtig durch und stellt ihren ersten Weltrekord auf: rund 4300 Meter Flughöhe, keine Frau vor ihr ist je so hoch aufgestiegen. Bloß: Von der Fliegerei leben kann sie nicht. Im April 1928 allerdings erreicht sie ein Anruf, der das, ach was: der ihr ganzes Leben ändern wird.

Am anderen Ende der Leitung: ein Mitarbeiter von George Palmer Putnam, einem Verleger aus New York. Der hat im Jahr zuvor viel Geld verdient mit einem Buch von Charles Lindbergh, der in 33 Stunden von New York nach Paris über den Atlantik geflogen war. Nun will Putnam diesen Verkaufserfolg wiederholen - mit einem Buch über die erste Atlantik-Überquererin!

Amelia Earhart scheint ihm die Richtige zu sein. Sie ist mutig. Und sie ist schön: wache Augen, Wuschellocken, volle Lippen, die sie auf Fotos allerdings immer geschlossen hält - wegen einer kleinen Zahnlücke oben.

Nach kurzem Zögern stimmt sie zu. Noch im Jahr 1928 fliegt die 30-Jährige mit zwei Piloten von Halifax in Kanada nach Burry Port im Süden von Wales. Putnam hat Amelia Earhart offiziell zum "Captain" des Teams erkoren.

Karte der Weltumrundung von Amelia Earhart

Routenplan: Als erste Frau überquert Amelia Earhart am 20. Mai 1932 allein den Atlantik (roter Pfeil). Am 1. Juni 1937, fast genau fünf Jahre später, startet sie ihre Weltumrundung (lila Pfeile). Los geht es ab Oakland in Kalifornien und von dort immer nur noch ostwärts. Der Haken an dieser Route: Die PazifikÜberquerung – die längste und schwierigste der rund 30 Etappen – liegt ganz am Ende des Fluges, wenn Mensch und Material schon müde sind

Die Flugpionierin will die Welt umfliegen

Sie selbst aber sagt: "Ich war Gepäck auf dieser Reise, wie ein Sack Kartoffeln." Obwohl sie nur als Passagier mitgeflogen ist, wird Amelia in den kommenden Wochen und Monaten zur Heldin des Himmels.

US-Präsident Franklin D. Roosevelt gratuliert, Glückwunschpost kommt körbeweise an. Putnam schleppt sie von Termin zu Termin. Erst 1930 hat sie wieder Zeit, richtig zu fliegen - und wie! Sie bricht Höhen- und Geschwindigkeitsrekorde und wiederholt am 20. Mai 1932 ihren Atlantikflug. In rund 15 Stunden fliegt sie von Harbour Grace, Kanada, auf eine Kuhwiese bei Londonderry, Nordirland. Diesmal ganz allein.

Amelia Earhart

Nach der Atlantiküberquerung 1932 hängt der Bürgermeister Amelia Earhart die Ehrenmedaille der Stadt New York um. Auch Fachleute zollen ihr endlich Anerkennung. Viele hatten vor dem Atlantikflug gespottet, sie sei zwar hübsch – aber keine gute Pilotin

Zurück in den USA folgt der vertraute Trubel: Händeschütteln, Pressetermine, Konfettiparade. Amelia Earhart ist das peinlich. Aber sie muss dieses Theater mitspielen, um Geld einzutreiben für ihre Flüge.

Ihr größtes Vorhaben nimmt sie ab Januar 1937 in Angriff: einen Flug rund um die Welt, der längste in der Geschichte! Gestückelt in rund 30 Etappen möchte die Pionieren mit dem Flugzeug die Welt umrunden.

Die Vorbereitungen für die Weltumrundung sind extrem aufwendig

Auf der Howland-Insel, einer Insel im südlichen Pazifik, wird für einen Zwischenstopp eigens ein Flugplatz errichtet. Amelia Earhart kauft eine neue Maschine, eine silbern blitzende Lockheed Electra, knapp zwölf Meter lang. Anstelle der Passagiersitze hat man Tanks in den Flugzeugbauch gebaut, für 4900 Liter brandgefährliches Flugbenzin.

Als die Pilotin am 1. Juni 1937, 5.56 Uhr, von Oakland aus aufbricht, muss sie zwei, drei Kilometer Anlauf nehmen. Erst dann hebt sich ihr massiges Flugzeug vom Grund, steigt auf und schwenkt Richtung Süden, nach Lateinamerika. Von dort weiter Richtung Westafrika. Fünf bis acht Stunden fliegt Amelia Earhart - begleitet von ihrem Navigator Fred Noonan - täglich. Einmal sind sie gar 13 Stunden in der Luft, eingepfercht zwischen den Treibstofftanks.

Die Abgase nehmen ihnen den Atem. Der Motorenlärm betäubt. Wollen sie sich etwas sagen, hängen sie Zettelchen an eine Drahtleine an der Decke. Über Indien geht es nach Singapur, nach Nordaustralien und an die Ostspitzes Neuguineas, nach Lae, wo sie Anfang Juli landen. Amelia Earhart wirkt müde, erzählen Einheimische später, vom Flieger platzt der Lack ab.

Und ausgerechnet jetzt steht ihnen noch die mit 4000 Flugkilometern längste und heikelste Etappe der Weltumrundung bevor: von Lae auf die winzige Howland-Insel. Nur dreieinhalb Kilometer lang und einen Kilometer breit ist die Pazifikinsel. Ein Sandkorn im Pazifischen Ozean, das sie ohne modernes Radar, allein durch den Blick in die Sterne und aus dem Fenster finden müssen! Die Pilotin erwartet, am frühen Morgen des 2. Juli auf der kleinen Pazifikinsel anzukommen.

Amelia Earhart verschwindet

Vor der Insel dümpelt derweil die "Itasca", ein Kutter der US-Küstenwache, der Amelia Earharts Flieger per Funk anpeilen und auf den letzten Metern lotsen soll. Nachts, gegen Viertel vor drei, empfängt der Funker der "Itasca" die erste Meldung, die er im Logbuch festhält. Die verschollene Pilotin klingt verrauscht, wohl wegen der noch großen Entfernung zur Insel. Was der Matrose versteht, ist eine Buchstabenreihe, der Erkennungscode des Fliegers, und einzelne Wörter.

+++ KHAQQ an >>Itasca<< ... Himmel bewolkt ... Okay +++

Amelia Earhart scheint den Flug bis hierher gut überstanden zu haben. 6.14 Uhr, das nächste Lebenszeichen.

+++ Noch 200 Meilen entfernt +++

Die Matrosen bitten sie, eine andere Funkfrequenz zu nutzen, um sie besser zu verstehen. Keine Antwort. Die kommt erst anderthalb Stunden später.

7.42 Uhr: +++ Wir mussen in Ihrer Nahe sein, aber wir konnen Sie nicht sehen ... Sprit reicht noch fur eine halbe Stunde +++ 7.58 Uhr: +++ KHAQQ ruft >>Itasca<<. Wir kreisen, aber wir konnen Sie nicht horen +++ 8.43 Uhr: +++ Wir sind auf Linie 157-337 ... Wartet ... Fliegen von Nord nach Sud ... +++

Mitten im Satz bricht die Verbindung ab. Die US-Regierung organisiert ab dem nächsten Tag eine gigantische Suchaktion. Vergebens.

Historiker und Hobbyforscher unternehmen später Expeditionen auf die Insel Nikumaroro und auf die Howland-Insel, durchforsten das Logbuch der "Itasca" nach übersehenen Hinweisen, suchen Zeugen, halten Ausschau nach dem Skelett der Pionierin. Dabei stoßen sie auf Betty, das Mädchen aus St. Petersburg, das Amelia Earhart über sonderbare Funkverbindungen wohl noch einmal hörte. Ein letztes Mal, ehe sie für immer spurlos verschwand...

GEOlino-Newsletter