Geschichte Die letzte Nacht auf der Titanic

Ruth Becker überlebte den Untergang des Dampfers "Titanic" mit über 2200 Menschen an Bord. Doch erst im hohen Alter begann sie davon zu erzählen, ihren Kindern und Enkeln. Es ist die Geschichte eines Mädchens, das keine Angst hatte, als es mit dem Rettungsboot auf dem Nordatlantik trieb

Vier Wochen lang auf einem Schiff um die halbe Welt. Nein, Ruth Becker fand es nicht mehr lustig oder spannend. Auf See war es meistens kalt, böig und feucht. Ganz anders als daheim im heißen, sonnigen Indien, wo sie ihren Vater zurückgelassen hatten, einen evangelischen Missionar, der dort ein Waisenhaus leitete.

Nach einem Zwischenstopp in England wollten sie in die Heimat der Eltern, in die USA. Ruth war schon zwölf, also kein kleines Mädchen mehr. Sie kümmerte sich deshalb um ihre jüngeren Geschwister, die vierjährige Marion und den nicht einmal zweijährigen Richard. Ihre Mutter wusste, dass sie sich auf die Älteste verlassen konnte.

Die Titanic: hoch wie ein zehnstöckiges Haus

Es war Sonntag, der 14. April 1912, als Ruth ihren kleinen Bruder wie gewohnt im Kinderwagen über das Promenadendeck der "Titanic" schob. Zugegeben, das war schon ein großartiger Dampfer: so hoch wie ein zehnstöckiges Haus und auch innen so riesig und schön wie ein Schloss.

Mit Holz getäfelte Decken und Wände, Teppichboden, Spiegel, Kronleuchter, mehrere Fahrstühle, eine Turnhalle und ein richtiges Schwimmbad - auf einem Schiff! Die "Titanic" war völlig neu, es roch sogar noch nach Farbe. Dies war ihre erste Fahrt überhaupt. Noch drei Tage, dann würden die Passagiere in New York an Land gehen.

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So hoch wie ein zehnstöckiges Haus und mit allem Luxus ihrer Zeit ausgestattet - das war die Titanic

Plötzlich herrschte Totenstille

Doch spät in dieser Nacht wurde Ruth wach, als ihre Mutter aus dem Schlaf hochschreckte. Es lag nicht an einem schlechten Traum - es war die plötzliche Stille auf dem Schiff. Totenstille. Nicht mehr dieses beruhigende, leise Summen aus dem Bauch des Dampfers. Die Maschinen waren abgestellt.

Was hatte das zu bedeuten? Rasch warf sich Ruths Mutter einen Morgenmantel über, lief auf den Gang und fragte den nächsten Steward. "Alles in Ordnung", sagte der. "Es geht gleich weiter. Gute Nacht."

"Frauen und Kinder zuerst!"

Doch es kam anders. Die Passagiere wurden alarmiert: Sofort Schwimmwesten anlegen und nach oben, an Deck! Nicht einmal mehr zum Anziehen der Kinder war Zeit. Ruth und ihre Mutter packten die beiden Kleinen und eilten über die Treppen fünf Stockwerke hoch an Deck. Dort erfuhren sie:

Die "Titanic" hatte einen Eisberg gerammt. Der Rumpf des Schiffes war aufgerissen. Wasser drang ein, zu viel Wasser. Die angeblich unsinkbare "Titanic" war nicht mehr zu retten. Der Kapitän ließ die Rettungsboote vorbereiten. Sein Befehl lautete: "Frauen und Kinder zuerst!"

Die Glückszahl 13

Es war eisig kalt in jener Nacht. Die Mutter bat Ruth, schnell aus ihrer Kabine ein paar Decken zu holen. Doch als das Mädchen zurückkehrte, fand es weder Mutter noch Geschwister wieder. Und als Ruth sie endlich sah, war es zu spät: Sie saßen im Rettungsboot Nummer 11, das gerade ins Wasser hinuntergelassen wurde. Ruth hörte noch ihre Mutter rufen "Nimm das nächste Rettungsboot!", als ein Seemann sie schnappte und ins Boot Nummer 13 hob.

Es war das vorletzte überhaupt - und auf der "Titanic" drängelten sich noch weit über 1000 verzweifelte Passagiere und Besatzungsmitglieder. Was sollte aus denen werden? Der vordere Teil des Schiffes lag tief im Wasser. Und ganz aus der Nähe erlebten die Menschen in den Rettungsbooten, wie sich das riesige Schiff aufbäumte, mit einem gewaltigen Krachen in der Mitte zerbrach und versank - und mit ihm über 1500 Menschen.

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Mit dem sinkenden Ozean-Riesen wurden über 1500 Passagiere und Seeleute vom eiskalten Meer verschlungen - es gab viel zu wenig Rettungsboote

Ruth tröstete eine Mutter

Mit Ruth im Boot saßen Heizer, die nur dünne Hosen und ärmellose Hemden trugen und erbärmlich froren. Denen gab das Mädchen seine Decken. Mit einem großen Taschentuch ihres Vaters, das sie in ihrer Jacke fand, verband Ruth einem Matrosen die blutende Hand.

Und sie versuchte eine verzweifelte junge Mutter zu trösten, die beim Einsteigen ins Rettungsboot ihren Säugling für einen Moment aus der Hand hatte geben müssen; und als sie sich umdrehte und die Arme ausstreckte, war das kleine Bündel schon weitergereicht worden, in ein anderes Boot. Ob sie ihr Kind je wiedersehen würde? Ruth versprach ihr, bei der Suche zu helfen. Dabei war sie selber ganz allein, ohne die Mutter. Doch jeder, der sie in dieser Nacht erlebt hatte, berichtete später, sie sei ruhig, furchtlos und tapfer gewesen, ganz anders als viele der Erwachsenen.

Der Dampfer "Carpathia" rettete 701 Überlebende

So trieben sie stundenlang im Meer. Bis in den frühen Morgenstunden endlich Hilfe kam, der Dampfer "Carpathia", und 701 Überlebende aufnahm. Ruth war gerettet. Steif vor Kälte, musste sie mit einer Seilwinde an Bord geholt werden. Stunden später fand sie ihre Mutter und die Geschwister wieder. Und auch das vermisste Baby hatte den Untergang überlebt.

Ruth betrat erst mit 90 Jahren wieder ein Schiff

Aus der kleinen Ruth Becker wurde eine erwachsene Frau, eine Lehrerin. Sie heiratete ihren Schulfreund Daniel Blanchard, bekam drei Kinder, ging mit 71 Jahren in Rente - und verlor bis dahin kein einziges Wort über die "Titanic".

Erst im hohen Alter brach sie ihr Schweigen und berichtete, wie sie eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts überlebt hatte. Als 90-Jährige ging sie, zum ersten Mal überhaupt seit 1912, sogar noch einmal an Bord eines Schiffes, auf eine Kreuzfahrt nach Mexiko. Ruth Blanchard starb am 6. Juli 1990 in Kalifornien.

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Beeindruckend: Der Prunk und die Größe des angeblich unsinkbaren Ozean-Riesen begeisterte die Menschen

Bakterien fressen die "Titanic" auf

Erst 1985 wurde das Wrack der "Titanic" im Nordatlantik geortet und zum ersten Mal fotografiert. Es liegt in einer Tiefe von mehr als 3800 Metern, in eisiger Kälte, ewiger Dunkelheit und ist einem unvorstellbar mächtigen Druck ausgesetzt. Den halten nur wenige Fische und Kleinstlebewesen aus.

Immer wieder haben Menschen seither in stählernen Tauchbooten Expeditionen zum Meeresboden unternommen und dabei neuerdings kleine Roboterkameras mit Fernsteuerung eingesetzt, um in das Innere des Wracks einzudringen. So auch wieder im Sommer 2003. Die Bilder, die sie mitbrachten, zeigen, was 91 Jahre nach dem Untergang noch erhalten ist. Sie lassen aber auch das Ende der Legende ahnen: Die "Titanic" zerfällt.

Massen von Bakterien zerfressen den Schiffsleib aus Stahl und die hölzerne Einrichtung. Bald wird vom einst berühmtesten Ozeandampfer der Welt nur noch ein Haufen Schrott da sein. Und ein Berg abenteuerlicher und erstaunlicher Geschichten. Wie jene von Ruth Becker.

Mehr Infos zur Titanic:

Hörbuchtipp: Titanic – Entdeckung auf dem Meeresgrund
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April 1912: Als die riesige Titanic mit Volldampf durch den nächtlichen Atlantik gleitet, ahnt niemand, dass dies die letzte Nacht des "unsinkbaren" Schiffes ist. Dafür aber der Beginn einer aufregenden Suche, die 73 Jahre dauern wird
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