Henry, der Cowboy im Nirgendwo

Farmland bis zum Horizont, Rinder, Pferde, Staub und jede Menge Sonne: Der zehnjährige Henry lebt mit seiner Familie mitten im australischen Busch. Zur nächsten größeren Stadt sind es 200 Kilometer; andere Kinder trifft er höchstens einmal im Monat. GEOlino hat den Jungen besucht
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Viel Zeit für die Pferde

Die Sonne brennt schon am Morgen auf das Rindergatter. Sie hat den Boden so ausgetrocknet, dass Henry mit jedem Schritt kleine Staubwolken aufwirbelt. Der Zehnjährige zieht seinen Cowboyhut tief ins Gesicht, als er zu seinem Vater ins Gatter klettert. Heute soll die neue Rinderherde markiert werden.

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Jede Kuh wird markiert

Dazu treiben Henrys Vater und seine Helfer jede Kuh einzeln in eine schmale Gitterbox und

kippen den Kasten um. Eingezwängt liegt das Tier auf der Seite. Jetzt ist Henry dran: Mit einer Kerbzange stanzt er dem Rind ein Rechteck ins Ohr: das Erkennungszeichen der "Alandale Station". So heißt die Rinderfarm, auf der Henrys Familie lebt. Eine Ranch, doppelt so groß wie das Saarland, mitten im südaustralischen Outback.

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Im Proviantwagen lagern Wasser und Lebensmittel für mehrere Tage, denn oft bleiben Henrys Vater und seine Helfer länger bei den Rindern

"Draußen, hinter der Stadt"

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Eine holprige Schotterpiste führt zehn Meilen weit zur "Alandale Station". Wer im Outback vorankommen will, braucht ein Auto mit Allradantrieb, denn Asphaltstraßen sind selten

Outback - das bedeutet so viel wie "draußen, hinter der Stadt". Gemeint ist das Landesinnere Australiens. Eine Region wie auf einem anderen Stern: weite, rotbraune Landschaft; kaum Regen; wenige Bäume und noch weniger Menschen. Vier Stunden dauert eine Autofahrt von der Alandale Station bis zur nächsten größeren Stadt, Coober Pedy. Die nächsten Nachbarn wohnen 70 Kilometer entfernt. Und der Postbote bringt zweimal in der Woche nicht nur Briefe, sondern kauft in Coober Pedy für Henrys Familie auch Bücher, Videos oder Schuhe ein. Leben im Outback heißt: Leben in Abgeschiedenheit.

Keine Langeweile

Langeweile kennt Henry trotzdem nicht. Jeden Tag denkt er sich mit seinem achtjährigen Bruder William neue Abenteuer aus: Mal bauen die Jungen an ihrer Motorrad-Cross-Strecke, mal veranstalten sie ein Flusskrebs-Rennen. Die meiste Zeit verbringen Henry und William wie echte Cowboys bei ihren Pferden.

Viel Zeit für die Pferde

Füttern, striegeln, ausreiten - das erledigen die Jungen selbst und trainieren dabei für die Pferderennen, die einmal im Monat in einem der umliegenden Orte ausgetragen werden. "Voriges Mal bin ich gegen 15-Jährige geritten und habe zweimal den zweiten Platz belegt", erzählt Henry. Stolz ist er auch auf Benny, ein kleines Bullenkalb, das die Jungen aufziehen. "Viermal am Tag trinkt es einen ganzen Liter Milch und macht sich prächtig", sagt Henry.

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Flusskrebsrennen: Bevor die Scherentiere gekocht werden, testen Henry und William, welcher Krebs am schnellsten läuft

Nächte unter freiem Himmel

Zur Rinderherde fahren die Jungen nur am Wochenende oder in den Ferien. Dann übernachten sie unter freiem Himmel, kochen am Lagerfeuer Tee und helfen ihrem Vater im Gatter. Das ist nicht ungefährlich: Schon einmal hat ein wütender Bulle Henry umgeschubst. Verletzt hat er sich zwar nicht, aber seitdem klettert er vorsichtshalber lieber einmal öfter den Gatterzaun hinauf.

Schule per Computer

In der Schulzeit bleibt den Outback-Cowboys für Abenteuer keine Zeit. Morgens um halb neun beginnt der Unterricht, allerdings nicht wie bei anderen Schülern. Zuerst üben Henry und William mit ihrer Mutter Englisch und Mathematik. Dann schaltet sich ein richtiger Lehrer ein: Per Computer loggen sich die Jungen im "Marden Open Access College" ein - einer Schule speziell für Kinder, die in abgelegenen Orten leben. Während des Unterrichts wird Henry von einer Kamera aufgenommen. So erkennt der Lehrer, der eine Tagesreise entfernt in Adelaide am Computer sitzt, ob seine Schüler wirklich mitmachen. "Einmal hat er mich erwischt, wie ich nebenbei ein Buch gelesen habe", erzählt Henry. Sofort kam der Rüffel über Kopfhörer.

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Mehl, Salz oder Zucker kauft Henrys Mutter in diesem Geschäft in Oodnadatta. Was es hier nicht gibt, bestellt sie beim Postboten, der

die Sachen aus Coober Pedy mitbringt

Endlich mal die Mitschüler treffen

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Irgendwann wird Henry vielleicht der Boss auf der Alandale Station

In diesem Jahr haben Henry und William ihre Klassenkameraden sogar getroffen - bei einem Schulcamp in Adelaide. Sie gingen ins Kino, besuchten das Meeresmuseum und spielten Tennis. "Es war traurig, alle wieder zu verlassen. Wir hatten viel Spaß zusammen", sagt Henry. In zwei Jahren wird er in Adelaide auf ein Internat gehen. Und nach der Schule? Henry kann sich nichts Schöneres vorstellen, als zur Alandale Station zurückzukehren und Rinder zu züchten. Obwohl es heiß und staubig ist.

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