Warum manche Kinder aggressiver sind als andere

Es gibt Jungen und Mädchen, die machen uns Angst. Weil sie uns bedrohen oder sogar schlagen. Warum sind die eigentlich so? Hier könnt ihr es lesen
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Irgendwann tun Schmerzen nicht mehr weh

Ob Jungen oder Mädchen aggressiver, wütender, gewalttätiger werden als andere, hat meist viele Ursachen. Erziehungswissenschaftler meinen, dass schon im Alter von fünf Jahren weitgehend feststeht, wie ein Junge oder Mädchen sich weiterentwickelt - selbst als Erwachsener.

Lieben nicht gelernt

Den größten Einfluss auf ein kleines Kind haben natürlich die Eltern. Wenn sie ihren Nachwuchs vernachlässigen, nicht mit ihm spielen, reden, kuscheln und keine Liebe geben - dann lernen solche Kinder erst gar nicht, eigene liebevolle Gefühle zu entwickeln und sich liebevoll gegenüber anderen zu benehmen.

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So sieht ein Zimmer in der Jugendanstalt Hameln aus. Viele Jugendliche sitzen hier wegen früherer Gewalttaten

Das größte Problem sind die Eltern

Besonders schwer haben es Kinder in Armutsfamilien, wo die Eltern sich dauernd streiten oder getrennt leben. Häufig kommen hier noch Arbeitslosigkeit und seelische Probleme hinzu. 15 Prozent aller Eltern in Deutschland leiden unter Depressionen, Alkohol- und Drogensucht. Die Folge: Solche Eltern widmen sich ihren Kindern zu wenig, reagieren dauernd genervt und aggressiv. Und sie neigen dazu, ihren Frust an den eigenen Kindern auszulassen und sie zu prügeln.

Wer grob ist, gewinnt

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Beim Bolzen Dampf ablassen: Diese beiden Jungen stammen aus "schwierigen" Familien. Im Hintergrund: ihr Betreuer

Niemals erfährt das Kind Lob und Anerkennung. Nur Zurückweisung. Manche Jungen und Mädchen fangen dann irgendwann an, sich selbst als minderwertig zu betrachten. Und sie lernen, dass man aggressiv sein muß, um den eigenen Willen durchzusetzen. Zuerst gegen die Eltern. Später gegen jedermann. Dass man auch mit Gesprächen und Kompromissen ans Ziel gelangt, auf diese Idee kämen sie gar nicht. Dafür fehlt ihnen das Einfühlungsvermögen.

Gewalt gegen alle - auch sich selbst

Kinder, die in einem feindlichen Elternhaus aufwachsen, können kaum Gefühle empfinden. Und werden auch gegen Kränkungen und Schmerzen immer unempfindlicher. Im Extremfall reißen sich solche Kinder die Haare aus oder schlagen ihre Köpfe gegen die Wand - nur um sich selbst einmal zu spüren.

Irgendwann tun Schmerzen nicht mehr weh

Denn irgendwann lassen sie auch die Beschimpfungen und die Schläge ihrer Eltern unberührt. Sie sehen das gleichgültige Gesicht des prügelnden Elternteils - und verhalten sich genauso gleichgültig. Auch später, wenn sie vielleicht Mitschüler prügeln, werden diese Kinder die Schmerzschreie ihrer Opfer ignorieren. Im Gegenteil: Manche spornt das an, eher noch fester zuzuschlagen. Bis zu 40 Prozent der Kinder, die von ihren Eltern dauernd geschlagen oder misshandelt worden sind, geben diese Gewalt später weiter.

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Der "Vertrauenspolizist" erklärt, wie sich Streit auch ohne Faust und Waffe lösen lässt

Schon bei der Einschulung ein Problemkind

Je älter die Opfer solcher verkorksten Erziehungen werden, desto mehr Verhaltensstörungen treten auf. Lern- und Konzentrationsschwächen, unterentwickelte Intelligenz, aber auch die verbreitete "Hyperaktivität",das so genannte "Zappel-Philipp-Syndrom". Schon bei der Einschulung ist zumeist klar, dass diese Kinder sich zu Außenseitern entwickeln werden. Mehr als die Hälfte jugendlicher Straftäter waren schon im Vorschulalter verhaltensauffällig.

Was kann man gegen Gewalt tun?

Mit mindestens 50 verschiedenen Lernprogrammen für den Schulunterricht und Hunderten weiterer Projekte, vom Go-Kart-Fahren bis zu Theater und Kampfsport, wird versucht, der Gewalt unter Jugendlichen entgegenzuwirken. Als Erfolg haben sich vor allem Initiativen erwiesen, die von Schülern selbst getragen werden.

Schüler helfen Schülern

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Auf dem Pausenhof sorgt ein Streitschlichter aus der 9. Klasse dafür, dass Konflikte nicht handgreiflich ausgetragen werden

Zum Beispiel die "Streitschlichter", die an der Gesamtschule Fischbek im Südenwesten Hamburgs über den Schulhof patrouillieren. "Streitschlichter" steht in schwarzen Buchstaben auf den roten Pullovern dieser ausgewählten Jungen und Mädchen: Russen, Türken, Deutsche, Serben, Kurden, Kroaten. Sie haben ihr Talent bewiesen, Konflikte unter Mitschülern zu schlichten. Und sie werden von den meisten akzeptiert. Wer die Entscheidungen der Streitschlichter nicht befolgt, handelt sich Ärger mit der Schulleitung ein.

Anerkennung ohne Gewalt

In Fischbek hat sich übrigens gezeigt, dass gerade jene, die als Chaoten galten, besonders engagierte Streitschlichter geworden sind. Denn endlich hatten sie eine Aufgabe, für die sie Anerkennung bekommen haben. Und das wünscht sich doch jeder: von den Menschen um einen herum akzeptiert und anerkannt zu werden. Nur so entwickelt man ein gesundes Selbstbewusstsein. Und kann Konflikte bewältigen, ohne gleich loszuschlagen.

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