Israel: Leben zwischen Beton und Stacheldraht

Als die Israelis begannen, quer durchs Land eine Absperrung gegen die Palästinenser zu bauen, ahnte Yishak nicht, dass diese Mauer genau über den Hof seiner Familie führen würde. Heute lebt er wie in einem Käfig
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Ein alter Streit
Ein Extra-Tor für Yishak

Ein alter Streit

Nein, die Mauer ist kein böser Traum, aus dem Yishak einfach aufwachen könnte. Sie ist Wirklichkeit. Ratlos sitzt der elfjährige Palästinenserjunge auf dem Dach seines Elternhauses und schaut hinunter in den Hof. Wo voriges Jahr noch der Ziegenstall stand, verläuft jetzt eine Militärstraße, auf der israelische Soldaten Streife fahren. Dahinter reiht sich eine riesige Betonplatte an die andere: eine 30 Meter lange Mauer. Links und rechts davon schließt ein hoher Metallzaun an - ein "Sicherheitszaun", wie ihn die israelische Regierung nennt.

Ein alter Streit

Der Streit zwischen Israelis und Palästinensern hat schon viele Menschenleben gekostet: Bis heute vertrieb die israelische Armee eine Million Palästinenser. Die aber wehrten sich: zuerst mit Demonstrationen, später mit blutigen Aufständen. Schließlich forderten sie einen eigenen Staat. Manche Palästinenser sind sogar bereit, für ihre Ziele zu töten.

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660 Kilometer langer Zaun

Um palästinensische Attentäter auszusperren, beschloss Israels Regierung den Bau des Sicherheitszaunes. Über rund 660 Kilometer soll er sich um die jüdischen Siedlungen im Westjordanland schlängeln. Yishaks Heimatdorf Masha grenzt an eine solche Siedlung. Noch vor vier Jahren kamen die israelischen Nachbarn jedes Wochenende in den Ort, um bei palästinensischen Bauern wie Yishaks Vater Gurken, Datteln oder Oliven zu kaufen. Nach einem Anschlag aber blieben die Kunden weg. Im vorigen Sommer rollten plötzlich Planierraupen durch das Dorf: die Mauer-Bautrupps.

Ein Extra-Tor für Yishak

Seitdem ist für Yishak nichts mehr, wie es war. Weil das Haus, in dem er mit seinen Eltern und fünf Geschwistern wohnt, etwas abseits des Dorfes liegt, verläuft der Sicherheitszaun direkt über ihr Gehöft und schneidet sie von den anderen Häusern ab. Die Familie wohnt jetzt auf der israelischen Seite. "Zuerst dachten wir, von nun an dürfen wir nur noch ins Dorf, wenn es die Armeeposten am Hauptdurchgang erlauben. Dann aber bauten sie ein Extra-Tor - nur für uns", erzählt der Vater. Durch dieses Tor geht Yishak jetzt mindestens viermal am Tag: morgens auf dem Weg zur Schule, mittags zum Essen nach Hause und noch zweimal, wenn er sich im Dorf mit Freunden trifft.

Der Zaun macht Yishaks Familie das Leben schwer

Damit Attentäter nicht ebenfalls durch das Tor schlüpfen, zog die Armee einen Extra-Zaun um das Haus. Yishak und seine Familie leben nun eingepfercht zwischen Mauer und Stacheldraht: Der Blick aus den Fenstern ist versperrt. Nachbarn und Verwandte dürfen nicht zu Besuch kommen. Stattdessen fahren mehrmals täglich Soldaten vorbei. Den Gemüseverkauf musste der Vater nach dem Anschlag aufgeben. Er arbeitet jetzt als Tagelöhner und verdient nur manchmal Geld.

Fußball spielen mit den Jungs von drüben

Yishak macht das wütend. "Ich bin sehr böse auf die Israelis", sagt er. Seine Freunde kommen alle aus dem Dorf hinter der Mauer. Mit ihnen spielt er nachmittags Fußball - drüben auf der palästinensischen Seite. Wenn die israelische Armee ihr Versprechen hält und der Familie hilft, wird dort auch bald ihr neues Haus gebaut. Weit genug weg von der Mauer.

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