Nie mehr Süßigkeiten?

Diagnose Diabetes: ein Schock. Hier erfahrt ihr, was es bedeutet, Diabetiker zu sein und wie betroffene Kinder mit der unheilbaren Krankheit umgehen

Pia war elf, da bemerkte sie, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Sie wurde immer dünner und hatte ständig Durst. Außerdem fühlte sie sich schlapp und war super schlecht gelaunt. Nach ein paar Tagen hatte ihre Mutter genug. Sie packte die Tochter ins Auto und fuhr mit ihr zum Arzt. Der hatte schnell eine Erklärung für Pias Problem: Diabetes mellitus, auch bekannt als Zuckerkrankheit.

Nie mehr Schokolade?

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Diabetiker müssen auf ihre Ernährung achten. Ab und an darf's trotzdem was Süßes sein

"Für mich war das ein Schock", sagt Pia heute, drei Jahre später. "Ich dachte, dass ich nie wieder Schokolade essen darf." Danach sei sie ein paar Tage "unausstehlich gewesen". Pias Mutter Gabi nickt und erzählt: "Sie hat sich einfach geweigert, die Krankheit zu akzeptieren." Diabetes, das war für Pia eine Krankheit für Alte. Ihre Oma hatte die. Aber sie selbst? Erst nach ein paar Wochen fand das Mädchen aus München wieder zu sich. "Da habe ich dann angefangen, mich über Diabetes zu informieren", sagt sie. Eines begriff Pia dabei schnell: "Ich bin nicht alleine mit der Krankheit." Weltweit leiden ungefähr 180 Millionen Menschen unter Diabetes. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet damit, dass es bis zum Jahr 2025 300 Millionen sein werden.

Pia lernte auch, dass es viele verschiedene Arten von Diabetes gibt. Die beiden wichtigsten sind Diabetes Typ 1, Pias Krankheit, und Diabetes Typ-2. Der Unterschied? Patienten mit Typ 1 sind meistens noch recht jung. Ihre Bauchspeicheldrüse produziert zu wenig oder gar kein Insulin. Insulin, das ist das Hormon, das der menschliche Körper braucht, um den Zucker aus dem Blut in die Zellen aufnehmen zu können. Zucker ist das wichtigste "Nahrungsmittel" für die Zellen. Ist zu wenig Insulin da, kann der Körper den Zucker nicht aus dem Blut aufnehmen. Er muss dann Fett abbauen, um seine Zellen zu ernähren. Deshalb sind Menschen mit Diabetes Typ 1 meist auch sehr dünn und fühlen sich wie Pia: müde und schlapp. Zum Glück lässt sich Insulin künstlich herstellen und kann als Spritze verabreicht werden. Diabetiker vom Typ 1 lernen, sich diese Spritzen selbst zu geben, können sich also gut selbst behandeln. Beim Diabetes Typ 2 sieht es anders aus.

Immer mehr Kinder haben "Altersdiabetes"

Marcel, den Pia bei einem Diabetiker-Treffen kennen gelernt hat, hat Diabetes Typ 2. Das ist bei Kindern sehr, sehr selten. Bis vor kurzem glaubten die Mediziner sogar, dass nur ältere Menschen die Krankheit bekommen können. Deshalb wurde Diabetes Typ 2 auch als "Altersdiabetes" bezeichnet. Das hat sich geändert: Immer mehr Kids leiden darunter. Weil sie zu viel Fett und Zucker essen und sich zu wenig bewegen. Denn alles zusammen macht nicht nur dick, sondern eben auch krank.

Mit zwölf wog Marcel schon 80 Kilo. Dabei war er gerade mal 1,50 Meter groß. Und weil er so viel Zucker aß, musste seine Bauchspeicheldrüse hart arbeiten. Wie verrückt produzierte sie Insulin. Das führte irgendwann dazu, dass die Zellen in Marcels Körper, die dauernd die Botschaft "Zucker aufnehmen" erhielten, irgendwann nicht mehr auf das Insulin reagierten. Sie stellten sich sozusagen taub und nahmen keinen Zucker mehr auf. Der blieb dann im Blut, und Marcels Blutzuckerspiegel stieg und stieg, obwohl eigentlich genügend Insulin vorhanden war.

Im Gegensatz zum Typ 1 macht sich der Typ 2 nicht so schnell bemerkbar, da es den Patienten eigentlich gut geht. Der erhöhte Blutzuckerspiegel macht Organe und Gefäße erst nach vielen Jahren kaputt. Deshalb dauert es oft lange, bis ein Arzt der Krankheit auf die Schliche kommt. Marcel hatte Glück. Sein Hausarzt war auf Zack und bemerkte schnell, was dem Jungen fehlte.

Tabletten nur für Erwachsene

Dann hieß es erst mal: Ran an den Speck! Marcel kam in eine Diabetesklinik. Dort lernte er, sich gesund zu ernähren. Denn Menschen mit Diabetes Typ 2 sollten als erstes Diät halten. Sie dürfen nicht mehr so viel Zucker essen und müssen Sport treiben, um ihr Körpergewicht und ihren Blutzuckerspiegel zu senken.  Ältere Menschen, wie Pias Oma, nehmen manchmal auch Tabletten, die dafür sorgen, dass der Körper weniger Zucker aus der Nahrung aufnimmt oder die Zellen empfindlicher auf Insulin reagieren. Diese Pillen dürfen aber nur Erwachsene nehmen. Kinder oder Erwachsene, bei denen Tabletten nicht genügen, um den Blutzuckerspiegel normal zu halten, müssen Insulin spritzen. Bei Marcel genügten Sport und Diät. Die Pfunde purzelten und der Blutzuckerspiegel sank. Trotzdem hat es ein bisschen gedauert, bis er sich an sein neues Leben gewöhnt hatte. Marcel: "Am Anfang habe ich mich gefühlt wie ein Alien."

Auch Pia hatte zu kämpfen. Besonders lästig fand sie die Spritzen. Es fiel ihr schwer, sich selbst in die Bauchdecke oder in den Oberschenkel zu pieksen, um ihrem Körper das Insulin zu geben, das er brauchte. Außerdem ging es ihr tierisch auf den Geist, dass ihre Mutter sie ständig fragte, ob sie schon gespritzt habe. "Aber irgendwann gewöhnt man sich auch daran", sagt Pia heute und fügt ganz schnell hinzu: "Trotzdem bin ich super froh, dass ich jetzt die Pumpe habe."

Ein Leben mit der "Pumpe"

"Die Pumpe", damit meint Pia einen kleinen Apparat, den sie ständig am Körper trägt. Das Ding ist gerade mal so groß wie eine Zigarettenschachtel. Über einen Katheder, also eine Art Nadel, pumpt es Insulin in Pias Körper. Pia findet das klasse, weil sie den Katheder bis zu drei Tage lang tragen kann. Das ständige Spritzen fällt damit flach. Wenn Pia etwas essen möchte, drückt sie einfach auf einen der Knöpfe ihrer Pumpe. Die gibt dann zusätzliches Insulin ab und gleicht so die Zufuhr an Kohlehydraten aus.

Vor allem für Menschen wie Pia, die ständig unterwegs ist und gerne Sport macht, ist so eine Pumpe eine prima Sache. Wenn sie sich beim Sport auspowert oder mal eine Malzeit auslassen will, kann sie die Insulinzufuhr aus der Pumpe einfach reduzieren oder sogar ganz stoppen.

Was geblieben ist, ist die regelmäßige Kontrolle des Blutzuckerspiegels. Vier Mal am Tag überprüft Pia, ob der o.k. ist. Vom Ergebnis hängt es ab, wie sie ihre Pumpe einstellen muss. Ist der Zuckerspiegel höher als normal, muss die Pumpe mehr Insulin spritzen, um ihn zu senken und umgekehrt.

Kontrolle ist wichtig

Pia und Marcel wissen, wie wichtig es ist, ihren Blutzucker unter Kontrolle zu halten. Denn ein zu hoher Blutzuckerspiegel kann langfristig böse Folgen haben. Die Nieren werden geschädigt, und an den Gefäßewänden lagert sich Kalk an. Das kann dann sogar zu Herzinfarkten und Schlaganfällen führen. Auch die Nerven leiden unter der erhöhte Blutzuckerkonzentration. Deshalb können Diabetiker oft Schmerzen nicht so gut spüren, wie andere Menschen und laufen sich zum Beispiel die Fußsohlen in drückenden Schuhen wund, ohne es zu merken. Da Verletzungen bei Diabetikern schlechter heilen, kann es passieren, dass die offenen Stellen an den Füßen über Monate fortbestehen und mehrfach operiert werden müssen. Viele Diabetiker mit zu hohem Blutzucker sehen auch schlecht oder erblinden sogar.

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Regelmäßige Blutzuckertests sind ein Muss für Diabetiker. Diese Buben lernen, wie's geht

Und die Sache mit den Süßigkeiten? Omas, Tanten und andere "Hobby-Ärzte" fragen manchmal: "Darfst du denn das überhaupt essen, das ist doch normaler Kuchen?" Dabei können Diabetiker heute problemlos Süßigkeiten und Kuchen mit Zucker essen, wenn sie dabei auf ihren Blutzuckerspiegel achten und anschließend genügend Insulin zuführen.

Kopfschmerzen und Ohnmacht

Trotzdem ist eine gesunde Ernährung extrem wichtig für Diabetiker. Eine Diätassistentin brachte Pia und Marcel bei, wie sie sich ernähren sollen. Besonders wichtig ist regelmäßiges Essen. Denn: Auch zu wenig Zucker im Blut ist gefährlich. Dann bekommen nämlich die Zellen im Gehirn nicht genügend Nahrung. Die Folge: Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, Schwindel und im schlimmsten Fall Ohnmacht. Der Körper versucht sich dagegen zu wehren und schüttet deshalb das Hormon Adrenalin aus. Damit aktiviert er die Energie- und Zuckerreserven. Blöd ist nur, dass das Adrenalin gleichzeitig eine Stressreaktion bewirkt. Man beginnt zu schwitzen und zu zittern, das Herz schlägt schneller und die Pupillen werden ganz groß. Pia kennt diese Symptome mittlerweile. Für den Fall, dass ihr Blutzuckerspiegel in den Keller rauscht, hat sie immer ein paar Stücke Traubenzucker in der Tasche. Auch ihre Freunde und Lehrer wissen, was zu tun ist, wenn es ihr schlecht geht. Das ist besonders wichtig, weil sich Diabetiker bei Unterzucker manchmal nicht mehr selber helfen können.

Pia hat längst akzeptiert, dass der Diabetes sie ein Leben lang begleiten wird. Traurig macht sie das schon lange nicht mehr. Sie hat gelernt, damit zu leben und weiß: "So lange ich auf den Zucker in meinem Blut schaue, kann ich machen, worauf ich Lust habe. Ich lass' mich von der Krankheit nicht einschränken."

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