Die Schule der Kung-Fu-Mädchen

An der Yongtai-Schule im Nordosten Chinas werden Mädchen zu perfekten Kung-Fu-Kämpferinnen ausgebildet. Doch das Training ist knochenhart
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Das Training im Kloster beginnt früh am Morgen und dauert bis zum Abend

Es ist Freitagmorgen und klirrend kalt in den Tälern des Shongshan-Gebirges im Nordosten Chinas. Eine einsame Gegend, ohne Straßen, ohne Dörfer. Hier gibt es nur einige unscheinbare Gebäude. Kein Geräusch ist zu hören. Doch plötzlich schrillt eine Sirene. In den Zimmern der Yongtai-Schule gehen schlagartig die Lichter an: "Aufstehen! Antreten zum Frühsport!", kommandiert die Ausbilderin Frau Wang.

Der Tag beginnt um fünf

Ma Li, 13, schlägt die Decke zurück und springt vom Doppelstockbett herunter. Erst 20 Minuten nach fünf! Doch in Chinas einziger Shaolin-Kung-Fu-Schule für Mädchen beginnt jeder Tag so früh. Nur am Wochenende dürfen die 75 Mädchen zwischen sechs und 18 Jahren eine Stunde länger schlafen.

Flink schlüpft Ma Li in ihren Trainingsanzug. Sie ist eine der ersten auf dem blitzblank gefegten Appellplatz. Ma Li hat einen großen Traum: Sie will Schauspielerin werden und in einem der vielen Kung-Fu-Filme mitspielen, die im chinesischen Fernsehen laufen und die Menschen begeistern.

Unermüdliches Training

Shaolin-Kung-Fu hat in China eine lange Tradition. Die Kampfübungen wurden schon vor rund 1500 Jahren von buddhistischen Mönchen entwickelt. Allerdings nicht, um sich mit anderen zu schlagen. Vielmehr hielten sie sich mit dem Training fit - als Ausgleich für das stundenlange Stillsitzen und Beten im Kloster. Bis heute folgen viele Übungen einem immer gleichen Muster. Und nur wer unermüdlich übt, kann sie perfekt beherrschen.

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Beim Beten kommt Ma Li etwas zur Ruhe

Ma Li ist seit vier Jahren auf der Yongtai-Schule, und sie gilt als eine der begabtesten Schülerinnen. Deshalb beschlossen ihre Lehrer sogar, sie kostenlos auszubilden, denn die Eltern des Mädchens hätten das Schulgeld von umgerechnet 600 Euro im Jahr nicht aufbringen können.

Dafür strengt Ma Li sich doppelt an. Am Morgen steht zuerst ein Drei-Kilometer-Lauf auf dem Programm. Es geht quer durchs Gelände, wobei man sich leicht blaue Flecken und Schrammen holt. Ma Li beißt die Zähne zusammen. Danach Gymnastik, dann Marschieren, im Gleichschritt und mit Gesang - wie beim Militär.

Die große Chance

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Bei den Kniebeugen mit den schweren Hanteln fließt nicht nur Schweiß, sondern manchmal auch Tränen

Auch wenn das Training hart ist - Ma Li weiß, dass die Schule für sie die große Chance auf ein besseres Leben ist. Falls sie die sechsjährige Ausbildung durchhält, wird sie nicht für einen Hungerlohn auf dem Feld schuften müssen wie ihre Eltern. Die leben in einem kleinen Dorf, etwa 2000 Kilometer entfernt. Nur einmal im Jahr kann Ma Li sie besuchen. "Manchmal weine ich, weil ich meine Mama so sehr vermisse", sagt sie.

1999 wurde die Yongtai-Schule von einer reichen Fabrikantin gegründet, für Mädchen aus armen Familien. Mittlerweile kommen Regisseure, die Darstellerinnen für Filme suchen; oder Produzenten von Kampf-Shows wie "Lotus und Schwert", die regelmäßig auch durch Europa touren, verpflichten die Mädchen.

Die Ausbilderinnen sind streng

Bis dahin ist es ein weiter Weg. Um halb acht gibt es Frühstück. Eine halbe Stunde später beginnt der Schulunterricht - Rechnen, Schreiben, Lesen. Um 13 Uhr dann das eigentliche Training: Wie Frösche hüpfen Ma Li und die anderen Mädchen steile Anstiege hoch und watscheln im Entengang wieder herunter. Sie stemmen Gewichte, schwingen Schwerter, lassen Füße und Fäuste fliegen, wirbeln durch die Luft. Die Ausbilderinnen sind streng. Keine Schülerin sagt etwas, ohne gefragt zu werden. Widerspruch gibt es nicht, nur Gehorsam. Klappt etwas nicht, wird es wiederholt, bis es klappt.

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Alles muss stimmen: deshalb üben die Mädchen bestimmte Sprünge immer wieder

Beim Abendessen drängeln sich die Mädchen um den Tisch, an dem Xiao Bing sitzt. Die 16-Jährige hat gerade die Hauptrolle in einem Kung-Fu-Film gespielt; den werden im Frühjahr mindestens 20 Millionen Chinesen sehen. "Ist es schön bei den Dreharbeiten?", fragt Ma Li. Xiao Bing nickt und tätschelt ihr die Schulter: "Trainiere fleißig weiter, dann schaffst du es auch. Nur ein starker Wille erreicht große Ziele."

Ma Li lächelt. Schnell spült sie ihr Blechgeschirr ab und schnappt sich ein Schwert. In der Sporthalle legt sie noch eine Sonderschicht ein. Bis um kurz vor 21 Uhr die Schulsirene ein letztes Mal ertönt: Nachtruhe. Zehn Minuten später liegt Ma Li im Bett. Total erschöpft. Aber glücklich.

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